"Der muss jetzt rein"

Die Handballer der HSG haben in einem Krimi den HV Staßfurt 32:31 besiegt und sich in letzter Sekunde den ersten Saisonsieg in der Mitteldeutschen Oberliga gesichert. Der war aber hochverdient.

Freiberg.

Benjamin Koch bat nach dem Abpfiff erst einmal schmunzelnd, sich setzen zu dürfen. Der junge Torhüter der HSG war nach dem Abpfiff der Oberliga-Partie gegen den HV Rot-Weiß Staßfurt genauso kaputt wie seine Teamkollegen. Alle hätten alles aus sich herausgeholt, sagte Koch, der mit seinen Paraden ein Garant des hauchdünnen 32:31-Erfolges der Hausherren war.

Der 20-Jährige stand 60 Minuten im HSG-Tor und trug nach den Ausfällen von Damian Kowalczyk (böse Schnittverletzung an der Kreissäge) und Tino Hensel (beruflich) die alleinige Verantwortung im Kasten. "Ich würde lügen, wenn ich sage, es war nicht so", beantwortete er die Frage, ob er vorher sehr aufgeregt war. Alle Komplimente zu seiner starken Leistung gab er artig an die Teamkollegen weiter: "Die Abwehr hat mich gepusht - und ich die Abwehr." Dabei sei er so viel gelaufen wie noch nie: Da HSG-Trainer Anel Mahmutefendic während der vielen Zeitstrafen den Torhüter zugunsten eines zusätzlichen Feldspielers vom Parkett nahm, hatte Benjamin Koch einige Sprints zu absolvieren.

Der erste Sieg der Saison, den die Mannschaft und die 550 Zuschauer in der erneut nicht ganz vollen Ernst-Grube-Halle sehnlichst erhofft hatten, war ein hartes Stück Arbeit. Beide Teams begannen nervös. Die HSG legte durch Peter Deli, Nico Werner und Eric Neumann vor, ließ aber schon in der Anfangsphase viele freie Würfe liegen. "Wir haben allein in der 1. Halbzeit sechs Hundertprozentige vergeben", kritisierte Trainer Mahmutefendic. Die Gäste leisteten sich ebenfalls Fehler, glichen aber bis zum 6:6 (14.) stets aus. Nachdem die Sachsen-Anhalter dreimal in Front zogen, zog Martin Schettler an. Nach drei Treffern in Folge sah er linke Rückraumspieler nach einer unglücklichen Abwehraktion aber glatt "Rot". "Es sah etwas dumm aus, doch ich habe ihn nicht im Gesicht getroffen", sagte der 24-Jährige nach Abpfiff. Die Schiedsrichter, die auf beiden Seiten sehr kleinlich pfiffen, sahen das anders.

Bei den Gastgebern löste die Entscheidung eine Trotzreaktion aus. Die HSG zog auf 15:11 davon. Vor allem Jens Tieken sprang nun in die Bresche. Nach Wiederbeginn hielt der Abstand bis zum 20:17, ehe wieder Nervosität einzog. Staßfurt glich zum 20:20 (38.) aus und gab danach den Takt vor. Doch die junge HSG-Truppe zeigte, aus welchem Holz sie geschnitzt ist. Obwohl die Dachse im Angriff nach wie vor einige Fehler zu viel machten, bissen sie sich fest. Nico Werner, mit sieben Treffern bester Werfer, und Erik Müller hielten die HSG im Spiel. "Ein Supereinstand", lobte Co-Trainer Andreas Tietze den aus Weißenborn gekommenen Müller. Da Benjamin Koch nun über sich hinauswuchs, lag die HSG beim 27:26 wieder vorn.

Jetzt wurde es ein Krimi. Kurz vor Schluss führte Staßfurt mit zwei Toren (29:27, 30:28). Björn Richter und Nico Werner drehten aber den Spieß um - 31:30. Staßfurt glich 35 Sekunden vor Schluss aus, im Gegenzug verlor die HSG den Ball. Es drohte die zweite Heimniederlage. Doch Koch war wieder zur Stelle und wurde beim Einleiten des Konters gefoult. Nach der neuen Regel hieß das "Rot" für Staßfurt und Strafwurf für die HSG: Kevin Elsässer, bis dahin viermal erfolgreich, aber auch einmal am "Punkt" gescheitert, übernahm die Verantwortung. Sein einziger Gedanke war, "der muss jetzt rein", so der 21-jährige Linksaußen später. Der Ball saß, der Rest ging im überschäumenden Jubel unter.

"Man hat gesehen, was in der Mannschaft steckt", lobte HSG-Vorstandsmitglied Stefan Lange die Moral des Teams. "Das sollte noch mehr Auftrieb geben." Auch der Dachs (beziehungsweise später ohne Fellkostüm Stefan Ritter vom HSG-Fanclub) war erleichtert: "Ich habe zwischenzeitlich echt gezweifelt. Aber die Truppe hat sich zurückgebissen." Und Anel Mahmutefendic brachte es auf den Punkt: "Heute haben wir uns das Glück erarbeitet."

Der HSG-Trainer saß noch eine Weile nach dem Abpfiff allein auf der Bank, um alles zu verarbeiten. Auch für Kornelia Kowalczyk, die schwangere Ehefrau des HSG-Keepers, wäre ein bisschen weniger Aufregung nicht schlecht gewesen. Sie fieberte mit der Freundin des HSG-Trainers auf den Rängen mit und atmete nach dem Abpfiff ganz tief durch. "Aber die Jungs haben das wirklich verdient."

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