"Ich bin ja immer der Böse"

Briefe vom Sportgericht möchte kein Fußballer erhalten. Neben Altbekanntem wurden auch kuriose Verstöße verhandelt.

Freiberg.

Seit mehr als 26 Jahren ist Volker Meinel schon Vorsitzender eines Sportgerichts, erst im Vogtlandkreis, später in Mittweida und nun in Mittelsachsen. Doch so schnell wie in dieser Saison konnte der gebürtige Vogtländer noch nie die Akten zur Winterpause schließen. Kein Wunder, denn seit Anfang November ruht der Spielbetrieb im Fußball-Amateurbereich, dementsprechend gibt es auch keine Vorfälle, die verhandelt werden müssen.

Wobei die Akten nicht komplett geschlossen sind, wie Meinel betont. "Zwei Vorfälle sind noch offen", so der 68-Jährige. Dabei geht es um den Spielabbruch in der Mittelsachsenklasse-Partie zwischen Mulda und Burkersdorf sowie einen Rassismusvorwurf beim Duell Göritzhain gegen Claußnitz. "Bei beiden Fällen war die mündliche Verhandlung für Anfang November angesetzt. Aber das hatte sich dann ja aufgrund der Corona-Vorgaben erledigt." Sobald es möglich sei, sollen aber auch diese Vorfälle zum Abschluss gebracht werden. Sehe man von diesen beiden Extrembeispielen ab, liege das Niveau an Verfahren auf einem ähnlichem Level wie in den Vorjahren, sagt Meinel, der früher in der DDR-Liga pfiff und später in der 2. Bundesliga als Linienrichter fungierte sowie Amateuroberliga-Spiele leitete. Die Verhandlungen seien dabei breit gefächert: Neben Platzverweisen (22 bis zur Zwangspause) entscheidet das Sportgericht des Kreisverbandes auch über vermeintlich banale Dinge wie Schiedsrichter-Meldebögen, Spielerlisten und den Einsatz von Jugendspielern. Vor allem bei diesen Punkten hake es immer wieder, so der ehemalige Betriebsschlosser. "Es gab viele Probleme mit den neuen Spielerlisten, die die alten Pässe ersetzen." 15 Vorfälle mussten sanktioniert werden. "Mittlerweile funktioniert es aber."

Ebenfalls auffällig seien die neun Verfahren wegen des Einsatzes von Jugendspielern in Testpartien. "Die Aktiven dürfen nicht jünger als 17 sein. Es haben aber auch 15-Jährige mitgespielt", erklärt Meinel. "Das geht aus versicherungstechnischen Gründen nicht." Dazu kommen je drei Verfahren gegen Trainer, die des Innenraums verwiesen wurden, sowie aufgrund von Spielabbrüchen wegen Verletzungen. Aber auch Kurioses kam 2020/21 bereits vor: Drei Verfahren musste Meinel führen, weil fünf- statt den erlaubten dreimal gewechselt wurde. "Manche haben das anscheinend in der Bundesliga gesehen und gedacht, dass gelte auch im Kreis."

Ein altbekanntes Problem ist das Nichteinreichen der Schiedsrichter-Meldebögen seitens der Vereine. "Wir können die Unparteiischen erst für die Spiele ansetzen, wenn wir wissen, wer überhaupt noch pfeift." Auch das Verhalten mancher Trainer, Zuschauer und Spieler gebe zu denken. "Es ist verständlich, dass der Nachwuchs vergrault wird. Die fragen sich, warum sie sich das antun, wenn sie nur beleidigt werden." Während Allerweltsfouls von ihm meist milde bestraft werden, gibt es bei Beleidigungen eine klare Linie. "Da kenne ich kein Pardon."

Wie lange Volker Meinel dem Sportgericht noch vorsitzt, lässt sich nicht sicher sagen. 2022 werde gewählt. Meinel grübelt noch, ob er eine weitere Amtszeit anstreben soll. "Aber es wird nicht anders gehen. Auch fürs Sportgericht fehlt Nachwuchs, ich bin ja immer der Böse." Das sei eine Rolle, an die er sich zwar gewöhnt habe, aber: "Ich verstehe, dass das keiner machen will."

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