Als Tausende zum Tannenhof pilgerten

Vor genau 115 Jahren wurde in Plauen-Kauschwitz eine Radrennbahn eingeweiht. Ein langes Leben war der Sportstätte allerdings nicht beschieden.

Plauen.

Der 30. August ist für den Plauener Radsport ein besonderer Tag. Vor 115 Jahren, es war an einem Sonntag, wurde in Kauschwitz eine zu dieser Zeit beachtliche Radrennbahn eröffnet. Das geschah in einer Zeit, als der Radsport einen großen Aufschwung erlebte und sich Plauen durch die fortschreitende Industrialisierung zur Großstadt mit über 100.000 Einwohnern entwickelte.

Der Bau der Radrennbahn zwischen dem Restaurant Echo und dem Tannenhof begann im Frühjahr 1903. Im Juli wurden die Betonarbeiten erledigt und der Zementbelag auf die Bahn aufgebracht. Anfang August entstand eine Holztribüne sowie ein Restaurantgebäude nebst Sportlerunterkünften. Die Erwartungen der Plauener Bürger waren hoch. Eine Woche vor dem Eröffnungstermin wurde die Rennbahn von einem Heer von Spaziergängern besichtigt, ist in zeitgenössischen Berichten nachzulesen. Weiter heißt es: "Es bleibt jedoch noch einiges zu tun. ... Bis zum letzten Tag wurde emsig gearbeitet." Lediglich sieben Monate betrug die Bauzeit. Am Vorabend der Eröffnung hat der Plauener Oberbürgermeister Johannes Ferdinand Schmid im Theaterrestaurant die Baumeister, Initiatoren der Rennbahn, den Vorsitzenden des Sächsischen Radfahrer Bundes sowie die Vertreter der Radvereine Plauens zum "Feucht-Fröhlichen-Kommers" geladen.

Die Eröffnungsfeierlichkeiten am 30. August begannen 15 Uhr am Dittrichplatz mit einem Korso durch die Stadt hin zum Tannenhof. Die Strecke passierte die Blücherstraße, Neundorfer Straße, Marktstraße, Altmarkt, Herren-, Bahn- und Bahnhofstraße, Albertplatz, Pausaer Straße hinauf am Echo vorbei bis zur Rennbahn. Tausende Zuschauer säumten den Straßenrand.

An der Spitze des Korsos fuhren zwei Kraftwagen mit Vertretern der Stadt. Es folgte ein Kraftrad mit einem Herrn Petschel von der Rennbahnleitung, dem sich die Radvereine und viele auswärtige Gästevereine anschlossen. Dazu zählten der Radfahrer-Club 1884 Plauen, der Radfahrverein Sturmvogel Plauen, der Verein Blitz Plauen, der Radfahrer-Club Chrieschwitz, die Radfahrervereine Meteor Haselbrunn, Radlerlust Plauen, Stahlroß Plauen, Frohe Fahrt Plauen, der Touren-Club Plauen sowie Radvereine aus Bergen, Triebes, Reichenbach und Gera. Die mitgeführten Fahrräder waren mit Blumen und Papierkränzen geschmückt.

Schon die Teilnehmer des Korsozuges füllten den Innenraum und ließen die Rennbahn förmlich aus allen Nähten platzen. Auf den Tribünen befanden sich 8000 Zuschauer, zudem standen auf den Anhöhen außerhalb der Rennbahn noch weitere tausende Zuschauer, die das Spektakel des Eröffnungsrennens sehen wollten. Die Ehre, als Erste die Bahn zu nutzen, hatten die Amateure, die zu einem Fliegerrennen (heute Sprint genannt) Aufstellung nahmen. Der Plauener Adolf Keilwerth erreichte als Sieger des ersten Vorlaufs den Endlauf und wurde dann Dritter.

Das anschließende Hauptrennen hinter Motoren gewann ein Gast aus der Schweiz, Karl Käser. Er hatte in der Folgezeit viele Auftritte in Plauen, so auch ein Jahr später, am 14.August 1904, als sein Leben nach einem Sturz im Krankenhaus Plauen ein jähes Ende erfuhr. Mehrere derartige schwere Stürze auf Deutschlands Rennbahnen hatte zur Folge, dass alle Rennteilnehmer von da an Sturzkappen tragen mussten.

Am Tannenhof wurden in den folgenden Jahren hochkarätige Radrennen, auch mit internationaler Beteiligung ausgetragen. Dazu zählten der Große Frühjahrs-Preis, der Preis der Industrie der Stadt Plauen, das 100-Kilometer-Fahren, der Große Preis von Plauen, das Goldene Rad der Stadt Plauen, oder der Große Herbst-Preis der Stadt Plauen.

Auf der Bahn wurden bis Anfang der dreißiger Jahre Rennen abgehalten, dann wurde sie den modernen Erfordernissen an den Radsport nicht mehr gerecht, der Rennbetrieb ging zu Ende. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bahn mehrmals von Bomben getroffen, der Beton diente zum Ausbau des nahegelegenen Flugplatzes. Heute erinnern nur noch wenige bauliche Spuren und der Straßenname Zur alten Rennbahn an die Sportstätte.

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