Ehrenamt soll Genuss bleiben

Sportpsychologin Marie Hengst wollte im April in Plauen Tipps geben, wie Übungsleiter und Trainer mit Stress umgehen können. Ihr Workshop fällt zwar aus, das Thema der gebürtigen Schöneckerin bleibt aber aktuell.

Plauen/Schöneck.

Ein Wort fällt beim Gespräch mit Marie Hengst öfter: Achtsamkeit. Während sich viele Spitzensportler und auch Hobbyathleten heute Hilfe bei Sportpsychologen holen, ist das bei deren Betreuern eher noch die Ausnahme. "Meiner Meinung nach ist diese Unterstützung für die Trainer mindestens genauso wichtig. Sie haben zwar mit anderen Problemlagen zu tun, etwa mit Zeitmanagement oder wie sie Sportlern und Eltern Feedback geben können. Aber ganz oft sind sie ja ehrenamtlich tätig, und das soll ein Genuss sein", sagt die promovierte Sportpsychologin.

Über Strategien und Wege, das eigene Engagement vor allem als Freude zu empfinden und nicht als Stress, darüber wollte die 32-Jährige eigentlich am 28. April beim 3. Sportdialog des Kreissportbundes Vogtland im Plauener Helios-Klinikum im Rahmen eines Workshops sprechen. Neben theoretischen Aspekten sollten die Teilnehmer auch die Chance haben, praktische Übungen direkt ausprobieren zu können. Durch die Coronakrise wird das vorerst nichts, die Veranstaltung ist abgesagt. Zwar hofft Sportbund-Geschäftsführer Michael Degenkolb auf die Verschiebung auf einen späteren Termin, eine Entscheidung steht jedoch noch aus. Marie Hengst hat aber auch so ein paar Tipps und Hinweise für die Trainer sowie Übungsleiter.

Zur Stressvermeidung sieht die Sportpsychologin ein gutes Zeitmanagement. "Überhaupt ist das Thema Organisation für die Ehrenamtler im Sport sehr wichtig. Sie haben neben ihrer Aufgabe im Verein ja oft auch Verpflichtungen im Job und im Privatleben. Da muss man sich immer wieder bewusst sagen, dass man sich das Engagement ausgesucht hat", erklärt Marie Hengst. Danach müsse jeder für sich selbst die Prioritäten setzen und schauen, wie er sein Amt so ausüben könne, dass es ihm damit gut gehe.

Wichtig sei zudem, in der Zeit in der Sporthalle oder auf dem Trainingsplatz ganz achtsam in dem Moment zu leben. "Es gilt, sich einfach nur auf die anstehende Aufgabe wie zum Beispiel das Training zu konzentrieren", so die 32-Jährige, die sich schon sehr auf den Sportdialog gefreut hatte. Zum einen war sie gespannt auf die Veranstaltung selbst und wie sie angenommen wird. Und andererseits wäre es für Marie Hengst eine gute Gelegenheit gewesen, alte Bekannte in der Heimat zu treffen.

Die Sportpsychologin stammt aus Schöneck und war als Kind selbst aktive Lang- und Ski-Alpin-Läuferin. Später spielte sie beim VSV Oelsnitz Volleyball. Aus dieser Zeit kennt sie auch Michael Degenkolb, der dem Oelsnitzer Regionalliga-Team angehörte. "Ich musste nicht lange überlegen, als er mich gefragt hat, ob ich bei der Veranstaltung dabei sein will", erinnert sich Hengst, die nach dem Abitur in Klingenthal in Leipzig Sportwissenschaft studierte und noch immer in der Messestadt wohnt.

In ihrer Bachelorarbeit beschäftigte sie sich erstmals intensiv mit psychologischen Aspekten des Sporttreibens und untersuchte den Zusammenhang von Bewegung auf Depressionen. "Der Aspekt, was in den Köpfen passiert, hat mich schnell gepackt. Sportpsychologie war damals noch nicht so präsent wie heute, und es gab nur in Halle einen Masterstudiengang. Da war ich dann eine von nur zehn Studenten im Jahrgang", erzählt Marie Hengst.

Nach dem Abschluss 2013 promovierte sie bis 2018 an der Universität Leipzig und arbeitete parallel unter anderem als leitende Sportpsychologin der deutschen Skilanglauf-Nationalmannschaft. Bis vor kurzem betreut sie die Volleyballerinnen des Dresdner SC, die Mitte Februar sensationell den Sieg im Deutschen Pokalwettbewerb feierten. Einen Tag vor dem entscheidenden Spiel gab Marie Hengst der Mannschaft noch letzte Tipps mit auf den Weg. "Beim Finale war ich besonders gespannt, und ich bin sehr glücklich, dass die Mädels sich diesen Sieg erkämpft haben. Im Allgemeinen verfolge ich die Leistung meiner Klienten intensiv und bin dabei sehr mitfühlend", sagt die Sportpsychologin, die ihre Arbeit auch als Entlastung für die Trainer sieht. Sie könnten sich so auf den sportlichen Aspekt fokussieren.

Eine neue Herausforderung wartet auf die 32-Jährige jetzt beim Chemnitzer FC. Vom Nachwuchsleistungszentrum des Fußball-Drittligisten hat sie eine Anfrage erhalten, seit diesem Monat betreut sie die jungen Kicker. Damit kann Marie Hengst in einem Bereich tätig sein, den sie als sehr wichtig für die Sportpsychologie erachtet: "Oft beginnt die Betreuung erst bei den Spitzensportlern. Meiner Meinung nach ist es sinnvoller, im Nachwuchs zu starten und die jungen Athleten früh mit dem Thema in Berührung zu bringen."


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