BSV Sachsen Zwickau: Hobbyköchin Pia Adams möchte Neustart mit Aufstieg würzen

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Beim Zwickauer Handballverein, dem Tabellenführer der 2. Handball-Bundesliga, hat sich Pia Adams zur Führungsspielerin entwickelt. Eine Rolle, die ihr nicht immer leicht fällt.

Zwickau.

Erst entschuldigt sich Pia Adams für den schnellen Blick aufs Handy, dann meint sie lachend: "Nicht so wichtig, ist nur Papa." Was natürlich nicht so gemeint ist, denn Vater Rainer ist Vertrauensperson, Tröster, Kritiker und Ratgeber in einem. "Er ist mein erster Ansprechpartner, vor allem wenn es um das Thema Handball geht. Ich vertraue ihm blind und zu 100 Prozent", erzählt die Rückraumspielerin. Seit dem vergangenen Oktober ist sie beim BSV Sachsen Zwickau aktiv, wo sie sich wie erhofft zur Leistungsträgerin und Führungsspielerin entwickelt hat.

Dass die 1,81 Meter große Blondine den Weg von Bayer Leverkusen nach Westsachsen wählte, hat auch mit dem väterlichen Rat zu tun. Pia Adams nahm die Herausforderung aber auch aus anderen Gründen an. Nach einer schwierigen Zeit wollte sie einen Neuanfang im persönlichen und sportlichen Bereich. Seit November 2019 hatte sie eine Entzündung in der Ferse immer wieder ausgebremst. Die wurfstarke Athletin spürte Druck von Seiten des Werksvereins, bei dem sie drei deutsche A-Jugendmeisterschaften feierte und mit 17 Jahren das erste Mal Bundesligaluft schnupperte. Zudem machte sie sich selbst Druck, weil sie Bayer etwas zurückgeben wollte. Das klappte nicht - also entschloss sie sich, den Vertrag in Leverkusen aufzulösen, um 100-prozentig gesund zu werden.

Und dann rief Zwickaus Trainer Norman Rentsch an. Ein weiterer Grund, weshalb Pia Adams sich für den BSV entschied? "Das ist definitiv so", bekräftigt sie. Von zwei Spielerinnen, zwei sehr guten Freundinnen, die bereits mit Norman in Dortmund und Leipzig zusammengearbeitet haben, hörte ich viel Positives. Er ist ein Trainer, der immer auf das Team schaut, dich aber auch individuell voranbringt", sagt die 25-Jährige. "Er fordert sehr, sehr viel. Und manchmal denkt man auch: ,Nerv doch nicht.' Aber es hilft einem nur weiter", meint sie schmunzelnd und fügt an. "Zudem ergänzt er sich mit Dietmar Schmidt super. Norman Rentsch ist lautstark und emotional. Dietmar Schmidt der Ruhepol."

Alles gute Gründe, doch einer fehlt noch. "Ich bin auch nach Zwickau gekommen, weil ich aufsteigen möchte und ich die Möglichkeiten dazu sehe. Ansonsten hätte ich nach Wuppertal oder Solingen gehen können", nimmt die begeisterte Hobbyköchin kein Blatt vor den Mund. Und es ist angerichtet. Sechs Spieltage vor dem Ende der Saison führt der seit acht Begegnungen ungeschlagene BSV Sachsen die Zweitligatabelle an. "Sportlich kann es momentan nicht besser laufen. Wir sind als Team unheimlich stark", sagt Pia Adams, die sich in Zwickau rundum wohlfühlt. "Ich glaube, ich habe fast zu alter Stärke zurückgefunden. Die Mannschaft hat mich super integriert. Und ich bin unglaublich froh, dass ich das Vertrauen der Trainer sowohl im Angriff als auch in der Abwehr bekomme."

Bildet die gebürtige Leverkusenerin, die in Burscheid aufgewachsen ist, hinten mit Alisa Pester den Innenblock, hat sie in der Offensive inzwischen eine andere Aufgabe. Zuvor im linken Rückraum viel mehr aufs Toreschießen fixiert, funktionierte sie Rentsch zur Spielgestalterin um. Seit der Partie in Nürtingen Anfang Januar agiert sie auf der Position Rückraum Mitte. "Das ist viel mehr Kopfarbeit", sagt Pia Adams. Die sprungstarke Athletin ist weiter als Torschützin gefragt. Aber sie muss ebenso ihre Teamkameradinnen in Position bringen, deren Qualitäten einschätzen, Spielzüge ansagen, die Weisungen des Trainers umsetzen und Präsenz zeigen.

Besonders der letzte Punkt fällt Pia Adams in ihrer Rolle als Führungsspielerin nicht leicht. "Ich bin nie mit mir zufrieden, sehr selbstkritisch und ärgere mich schnell. Aber wenn ich einen schlechten Tag erwische, muss ich trotzdem versuchen, das Team mitzunehmen. Da darf der Kopf nicht runtergehen, die anderen schauen ja zu mir. An der Ausstrahlung muss ich noch extrem arbeiten", erklärt die ehemalige Junioren-Auswahlspielerin die früher nicht gerade vor Selbstvertrauen strotzte: "Das war schlimm. Hatte ich einmal verworfen, ging nichts mehr", erzählt sie.

Vorbei, abgehakt. In Zwickau ist Pia Adams auf einem guten Weg, lebt ihre Leidenschaft Handball und hat vor allem wieder Spaß daran. 80 Tore hat sie bisher erzielt. Die interessieren sie zwar wenig, weil sie den Mannschaftserfolg viel mehr schätzt. Hilfreich sind sie dennoch, zumal dem BSV, der am Sonnabend (17 Uhr) den Tabellensechsten VfL Waiblingen empfängt, nach ihren eigenen Worten noch "sechs richtig harte Endspiele" bevorstehen. Pia Adams freut sich auf die Partien - und darauf, Zwickau nebst Umgebung besser kennenzulernen.

Coronabedingt ging das bisher nicht. Die junge Frau, die 18 Stunden in der Woche als Physiotherapeutin arbeitet, kann deshalb auch ihre sportliche Ader nicht ausleben. Nicht das geliebte Tennis spielen, nicht Snowboard fahren oder Wandern. Auch das Feiern und Ausgehen fällt flach, dafür hält sie virtuell regelmäßig Kontakt in die alte Heimat. Zu den Freunden, zu Bruder und Schwester und natürlich zu den Eltern. Bei Vater Rainer trainierte Pia Adams schon in der Burscheider D- und C-Jugend. "Wenn etwas besonders falsch lief, habe ich immer den größten Ärger bekommen. Trainer und Vater, das ist schon schwierig", erinnert sie sich - und lacht.

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