Medaillen sind schöne Zugabe

Seit zehn Jahren lebt Dirk Naumann mit einer neuen Lunge und einem neuen Herz. Beim Sport hat sich sein Fokus deshalb verschoben.

Reinsdorf.

Geärgert hat sich Dirk Naumann nur kurz. Nach dem Weltmeistertitel 2015 und Rang 2 vor zwei Jahren reichte es für den Reinsdorfer vor kurzem bei den World Transplant Games im englischen Newcastle Gateshead nur zu Platz 6 in seiner Paradedisziplin Speerwurf. "Im Training lief es im Vorfeld richtig gut. Aber dort beim Wettkampf ging irgendwie nix", sagt der 49-Jährige vom SV Vorwärts Zwickau. Für den Herz-Lungen-Transplantierten standen in der Altersklasse 40 bis 49 am Ende 29,80 Meter zu Buche. Hinzu kamen zwei zwölfte Plätze im Kugelstoßen und Ballwurf.

Viel wichtiger als Medaillen ist dem Reinsdorfer die Chance, mit seiner Teilnahme positiv auf das Thema Organspende aufmerksam zu machen. "Ich will anderen Transplantierten zeigen, dass man später ein ganz normales Leben führen kann", erzählt Dirk Naumann. In Deutschland sei die Zahl der Transplantierten-Sportler im Vergleich zu Nationen wie Großbritannien, den USA oder auch Ungarn überschaubar. Bei den alle zwei Jahre stattfindenden World Transplant Games sei die deutsche Delegation meist überschaubar. Und eines falle laut Dirk Naumann auf: Wer sich nach einer Transplantation sportlich betätigt, hatte schon zuvor eine Beziehung zum Sport.

Der Reinsdorfer etwa kommt vom Handball. Aufgewachsen in Plauen, spielte er lange für den HC Einheit, mit Beginn des Lehramtsstudiums in Zwickau wechselte er zu Grubenlampe und lief sogar in der 2. Bundesliga auf. Später war er erneut in Plauen beim SV 04 Oberlosa aktiv. Beim Sport spürte er auch erstmals Symptome seiner Krankheit. "Es hat mit Durchblutungsstörungen in den Händen angefangen, da wurden die Fingerkuppen blau. Und dann auch mal die Lippen im Training. Zudem hatte ich weniger Ausdauer, beim Laufen war ich auf einmal Letzter", erinnert sich Naumann. Bei der Untersuchung vor Beginn seines Referendariats schließlich wurde ein Schatten auf der Lunge festgestellt.

In dem Moment hatte er nach eigener Aussage viel Glück mit seinen Ärzten. Schnell landete er bei Prof. Dr. Burkhard Knopf in der Hautklinik des HBK: "Für die Untersuchung sollte ich Passbilder aus den letzten Jahren mitbringen. Die hat er sich kurz angeschaut und gesagt, dass ich Sklerodermie habe." Bei der sehr seltenen Autoimmunerkrankung vernarbt das Bindegewebe von selbst. Vor allem im Gesicht, an den Händen und Füßen. In einigen Fällen - wie bei Dirk Naumann - sind auch die inneren Organe betroffen.

Für den damals Ende 20-Jährigen begann eine Zeit, in der Arzttermine und Klinikaufenthalte zur Routine wurden. Vom Sport verabschieden wollte er sich trotzdem nicht. "Ich habe weiter Handball gespielt und versucht, aktiv zu sein. Aber drei Jahre nach der Diagnose war das ausgereizt", sagt Naumann, für den später sogar Treppensteigen zum Sport wurde. Seine positive Lebenseinstellung ließ er sich von seiner Krankheit nicht nehmen. Auch das Thema Transplantation, das die Ärzte an der Medizinischen Hochschule Hannover bei seinem ersten Termin dort im Jahr 2004 bereits ansprachen, war für Dirk Naumann ganz weit weg: "Es war für mich unvorstellbar, dass ich meine Organe quasi abgebe. Das sind doch meine, habe ich gedacht." Im Mai 2009 schließlich setzten ihm die Ärzte die Pistole auf die Brust. Wenn er sich nicht stationär einweisen lasse wüssten sie nicht, ob er bei der nächsten Untersuchung noch lebe.

Neuneinhalb lange Wochen verbrachte er mit dem Warten auf die passenden Organe. Bis zum Abend des 7. Juli. "Das war alles wie im Film. Ich weiß noch genau, wie sie mich mit dem Bett über die leeren Gänge in den OP geschoben haben. Irgendwer hat gesagt, gehe mit einem positiven Gefühl rein. Und ich habe mir gedacht, ich will einfach mal mit meiner Frau ganz normal spazieren gehen", erzählt Naumann. Das konnte er nach vielen Wochen und Monaten der Genesung.

Dabei sollte es nicht bleiben. In der Klinik sah er einen Flyer des TransDia-Vereins zur Deutschen Meisterschaft. Ohne viel Training meldete sich Naumann dafür an. Und war begeistert: "Es ist eine tolle Gemeinschaft, wo man als Neuling super aufgenommen wird. Dort habe ich zum ersten Mal von den World Transplant Games gehört und mich direkt entschieden, 2013 zu starten." Die Tage im südafrikanischen Durban entfachten seine Leidenschaft für den Sport noch einmal neu. Zwar war Handball als Kontaktsport nicht mehr ideal für Naumann, aber in der Leichtathletik fand er ein neues Zuhause.

Für den 49-Jährigen sind die bisher sechs Medaillen bei WM und EM jedoch nur Zugaben. "Durch den Sport werden meine Werte von Jahr zu Jahr besser. Ich muss zum Teil weniger Medikamente nehmen. Und ich kann mit meiner Geschichte auf das Thema Organspende aufmerksam machen. Das ist eine schöne Sache", betont er. Von seinem Glück, wieder normal leben zu können, will Dirk Naumann in diesem Jahr in einem Brief auch den Angehörigen seines Spenders erzählen.

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