Warum Pyrotechnik immer wieder zündet

Bei den Strafen wegen Fanvergehen ist der FSV Zwickau höher platziert als in der sportlichen Tabelle. "Freie Presse" hat ein Beispiel für Verfehlungen von FSV-Anhängern verfolgt und zeichnet auf, warum die Problematik - nicht nur in Zwickau - ein Dauerbrenner bleibt.

Zwickau.

Die Aufforderung des Zwickauer Stadionsprechers an den Gäste-Fanblock von 1860 München, das Abbrennen von Pyrotechnik zu unterlassen, hörte sich am vergangenen Samstag an wie eine zerkratzte Schallplatte in der Dauerschleife. Immer wieder zündelte der TSV-Anhang Bengalos. Ein Verhalten, das auch den Gastgeber FSV schon einige Geldstrafen vom DFB eingebracht hat. Ein Beispiel war das Hinspiel bei 1860. Nach Ausschreitungen bei dieser Partie am 1. Dezember 2018 wurde der FSV vom DFB-Sportgericht zu 1400 Euro Strafe verurteilt. Auch jüngst im Heimspiel gegen Cottbus durchbrachen Böller den stillen Protest gegen die Montagsspiele auf der Stehplatztribüne, worauf das übrige Publikum mit Pfiffen, also Unverständnis, auf die Zündelei reagierte. Wie so oft bei solchen Vorfällen leidet die friedliche Masse unter der Aktion Einzelner. Für insgesamt sieben Vergehen hat der FSV diese Saison bereits 16.900 Euro Strafgeld vom DFB aufgebrummt bekommen. Am Ende der Vorsaison rangierte der FSV auf Platz sieben dieser unrühmlichen Drittliga-Straftabelle, musste insgesamt 18.000 Euro für fünf Fanvergehen nur im Ligabetrieb zahlen.

"Wir als Verein tun alles, damit im Stadion nichts passiert. Das ist das Normalste der Welt. Aber dass man nicht über alles Herr sein kann, sieht man in ganz Europa", sagt Zwickaus Sportdirektor David Wagner. "Freie Presse" hat am Beispiel des genannten Spiels bei 1860 München recherchiert, ob der Verein alle zur Verfügung stehenden Mittel ausschöpft, um Störenfriede zu finden und Stadionverbote zu realisieren. Denn klar ist auch: Die Vereine stehen finanziell stark unter Druck. Jeder Euro Eintrittsgeld in die chronisch klammen Kassen ist den Drittligisten willkommen. Die kalkulierten Zuschauerzahlen der Heimspiele sind Bestandteil der Einnahmenseite in den jährlichen Linzenzunterlagen, die ein Verein beim DFB angeben und nachweisen muss.

Um welche Verfehlungen handelt es sich im konkreten Fall? Der DFB begründete sein Strafmaß mit zwei Rauchbomben, einem Bengalischen Feuer sowie einem Böller, die allesamt im Zwickauer Block gezündet wurden. Die 1860-News berichteten zudem nach dem Spiel am 1. Dezember im Grünwalder Stadion von Beamtenbeleidigung, von Handgreiflichkeiten in einer Gaststätte, in deren Folge ein Ordner Verletzungen davontrug, von stark alkoholisierten und aggressiven FSV-Fans beim Stadionabgang auf dem Weg zum Bahnhof, von Anhängern, die nur mit drohendem Schlagstock gehindert werden konnten, abgesperrte Bereiche im Stadion zu betreten. Zudem war die Rede von einem Fan, der gegen das Vermummungsverbot verstoßen hatte. Und die Beamten schrieben in ihrem Bericht von einem FSV-Fan, der einen Balljungen angepöbelt und bespuckt haben soll.

Da es laut Polizei sieben Festnahmen gab und neun Personen identifiziert bzw. angezeigt wurden, sollte es doch möglich sein, sich die 1400 Euro Strafgeld von den Verursachern zurückzuholen. Doch weit gefehlt: Bei laufenden Ermittlungen nämlich geben die Behörden an die beteiligten Vereine keine Personendaten heraus. Laut Polizeipräsidium München besteht nach den gesetzlichen Bestimmungen für die Vereine "kein genereller Auskunftsanspruch", es sei denn, "die nichtöffentliche Stelle (also der Verein/Anm. d. Red.) kann ein rechtliches Interesse" an den Personendaten nachweisen. In Bezug auf Regressforderungen ist dies gegeben.

Nachfrage also bei 1860 und der Polizei München. Auf die schriftliche Anfrage von "Freie Presse" an den TSV 1860 Anfang Dezember gab es zwei Monate keine Reaktion. Auf telefonische Nachfrage bei Pressesprecher Rainer Kmeth bezüglich der Ausschreitungen antwortete dieser mit einer Gegenfrage: "Hat es denn da was gegeben?" Nach der Aufzählung der Delikte meinte Kmeth zu der Frage, ob der FSV bei 1860 Dateneinsicht beantragt habe: "Dazu äußern wir uns nicht. Das ist eine Angelegenheit zwischen dem FSV Zwickau und der Polizei München. Fragen Sie dort nach."

Gesagt, getan. Zwickaus Pressesprecher Daniel Sacher teilte am 17. Dezember der "Freien Presse" schriftlich mit: "Ja, Antrag auf Übermittlung der Personalien wurde bei 1860 München und der Polizei gestellt." Der Verein werde Regressansprüche sowie Stadionverbote prüfen. Vier Monate später. Nachfrage bei der Polizei München: Was ist aus dem Zwickauer Antrag auf die Personendaten geworden? Antwort von Pressesprecher Benjamin Castro Tellez: "Bei der Polizei München hat der FSV keinen Antrag gestellt." Erneute Nachfrage am Dienstag dieser Woche bei Jörg Schade, Leiter Sport- und Spielbetrieb sowie auch Fanbeauftragter der Zwickauer: "Der FSV hat über 1860 München bei der Polizei die Daten angefragt", erklärt Schade, als "Freie Presse" den schriftlichen Antrag einsehen will. Aus seinen Unterlagen zieht er seine E-Mail-Anfrage vom 4. Dezember an einen Beamten der Polizeidirektion Zwickau. Der Polizist empfahl ihm, die Personendaten der Täter beim TSV 1860, bei der Polizei München bzw. dem dortigen Ordnungsamt abzufragen. Einen Tag später startet Schade die Anfrage beim Veranstaltungsleiter des TSV 1860. Der vertröstet Schade Mitte Januar und verweist auf laufende Ermittlungen. Fünf Monate später, am Dienstag dieser Woche, sagt Jörg Schade auf Nachfrage, habe er eine Nachricht des Veranstaltungsleiters der Sechziger erhalten. Es sei gegen einen Fan ein Ermittlungsverfahren auf Verdacht des Abbrennens von Pyrotechnik eingeleitet worden. Der Name desjenigen? "Wir haben eine halbe Stunde darüber philosophiert, ob und in welcher Form er mir die Personalien zur Verfügung stellen kann. Aber wir kriegen keine Daten, nicht von unserer eigenen Polizei und schon gar nicht, wenn wir woanders sind. Und solange ein Ermittlungsverfahren nicht abgeschlossen ist, bekommen Dritte sowieso keine Auskünfte", schildert Jörg Schade, der gelernter Jurist ist.

Der DFB erlässt zwar bis maximal 50 Prozent der Strafsumme, wenn der Verein bis ein Jahr nach dem Urteil einen oder mehrere Straftäter bekanntmachen kann. Doch dies sei nur möglich, wenn der Beschuldigte in einem Anhörungsverfahren zustimmt, dass seine Daten an andere weitergegeben werden dürfen. Außerdem dauere es laut Schade schon ein halbes Jahr, bis im Fall des Pyromissbrauchs im Stadion überhaupt geklärt ist, wer für das Ermittlungsverfahren zuständig ist, ob es sich um eine Ordnungswidrigkeit (Ordnungsamt) oder eine Straftat (Staatsanwaltschaft) - zum Beispiel bei Körperverletzung - handelt.

Jörg Schade gibt sich keinen Illusionen hin. Solange es Fangruppierungen wie die Ultras in den Stadien gebe, werde es dort auch Pyro geben, sagt er: "Pyro gehört zum Revoluzzer-Denken dieser Leute." Um das Problem nicht ausufern zu lassen, setzt er auf Kommunikation und wertet es in Zwickau als positive Entwicklung, wenn sich diese Fans "zu 90 Prozent an die Spielregeln" halten. Dass die Ultras am Ende der Vorsaison dem FSV 10.000 Euro für den Nachwuchs spendeten, sieht auf den ersten Blick wie ein Schmerzensgeld für Pyro-Auftritte mit stiller Zustimmung des Vereins aus. Doch dem widerspricht Jörg Schade: "Das wäre ja wie ein Freibrief und eine böswillige Unterstellung." Zum konkreten Fall des Bengalo-Zünders bei 1860 München sagt er dann noch: "Da sieht es gut aus, dass wir irgendwann mal schriftlich den einen Namen bekommen und dem DFB nachmelden können." Ihm droht ein Stadionverbot. Ein Name bei sieben Festnahmen und mindestens drei identifizierten, mutmaßlichen Tätern? Ob das eine abschreckende Wirkung hat?

Die Toleranzgrenze für sich danebenbenehmende Anhänger scheint bei den Vereinen insgesamt hoch angesiedelt zu sein. 1860 München entschuldigte sich am Montag zumindest für die Pyro-Exzesse seiner Fans zwei Tage zuvor in Zwickau und für ein Plakat im Gästeblock, das ein Schwein sowie ein Messer mit dem Aufdruck "Ossi-Schweine" zeigte. In demselben Schreiben gaben die Sechziger an, dass sie Zwickau im Hinspiel als "angenehmen Gast" in Erinnerung hatten ...

Kommentar: Pakt mit Risiko

Das Beispiel des FSV Zwickau ist eines von vielen, wie es in anderen Traditionsvereinen so oder so ähnlich auch schon geschehen ist oder künftig passieren wird. Die juristischen Mühlen mahlen - sicher auch der Personalnot in den Behörden geschuldet - ziemlich langsam. Beharrlich an der Aufklärung mitzuwirken, kostet die Vereine Kraft und Zeit und bedarf eines langen Atems. Und in der Endkonsequenz könnten Stadionverbote dem Klub Eintrittsgelder kosten.

Das ist aber nur kurz gedacht. Auf lange Sicht werden sich die wirklich am Fußball interessierten und in der großen Mehrheit friedlichen Fans, die wie in Zwickau mit ihrer Unterstützung in dieser Saison dem FSV zum frühzeitigen Klassenerhalt verhalfen, durchsetzen. Sie werden mehr Anhänger, vielleicht auch Familien, für einen Stadionbesuch begeistern. Dann nämlich, wenn sie sicher sein können, dass der Verein Ausschreitungen mit all seinen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft. Was nicht heißen soll und muss, dass die Fußballclubs ihre Stadien zu "Popcorn-Arenen" für sitzende Eventbesucher umfunktionieren sollen. Der Fußball lebt von der stimmgewaltigen Anhängerschaft auf den Stehplätzen. Dortmund ist das beste Beispiel dafür.

Die Führungsetagen der Clubs sollten sich aber gut überlegen, inwieweit sie Fangruppierungen bei deren Interessen entgegenkommen. Wenn Anhänger des FC Erzgebirge Aue - wie in verschiedenen Medien nachzulesen war - bewirken, dass der Club ein vereinbartes Testspiel gegen RB Leipzig wieder absagt, wird eine Grenze überschritten. Im schlimmsten Fall endet der stille Pakt vom Geben und Nehmen mit den Fans, der immer auch ein Risiko birgt, wie beim Chemnitzer FC: Da wird mit Zustimmung des Clubs kurz vor einem Spiel einem verstorbenen Neonazi im Stadion eine Gedenkbühne bereitet. Welche Auswirkungen das für die Zukunft des CFC haben wird, ist momentan noch gar nicht abzusehen.

Bewertung des Artikels: Ø 4.2 Sterne bei 5 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    Barthi
    12.05.2019

    ....verbreitet doch eher Stimmung als Ärger. Und vielleicht geht da aber auch der Reiz des verbotenen verloren und es wird automatisch weniger.
    Oftmals empfinde ich das auch als zeigen, dass man es trotz der Kontrollen wieder geschafft hat, die Sachen reinzubringen.



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