Wiederholungstäter gibt Gas

Radfahrer Rico Haase liebt die langen Strecken. Zum zweiten Mal nahm er in diesem Jahr am Klassiker Paris-Brest-Paris teil. Die mehr als 1200 Kilometer hielten einige Höhepunkte bereit - und einen unbequemen Schlafplatz.

Remse.

Außergewöhnliche Wettbewerbe erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. So auch im Fall von Rico Haase. Der 39-jährige Radsportler aus Glauchau bezeichnet sich selbst als Exoten in den Reihen des SV Remse. Denn die Radmarathons fährt er dort fast exklusiv. "Ich bin einer von den harmlos Bekloppten", sagt er mit einem Augenzwinkern über sich selbst. Und so ist er wohl das einzige Mitglied des Vereins, der während eines Rennens in diesem Jahr auf einer Parkbank geschlafen hat.

Geschehen ist dies bei der diesjährigen Auflage des Klassikers Paris-Brest-Paris, dessen Geburtsstunde im Jahr 1891 liegt und der mittlerweile im Vier-Jahres-Rhythmus stattfindet. Für die knapp 1220 Kilometer mit über 10.000 Höhenmetern haben die Teilnehmer der strengsten Kategorie nur 80 Stunden Zeit. "Neben der Ausdauerleistung muss man auch gut planen können", erklärt Haase. Zum Beispiel beim Gepäck. "Man ist mit dem, was man am Körper trägt, auf sich allein gestellt", sagt Haase. Er selbst konnte beim Packen auf die Erfahrungswerte von seinem Start im Jahr 2015 zurückgreifen. "Ich bin ja Wiederholungstäter und habe mich für wenig Gepäck entschieden, um nicht soviel Gewicht an sich den Bergen hochschleppen zu müssen", sagt er. Und so ging es mit Überschuhen, einem kurzen Trikot samt optionaler Beinverlängerung, einer Regenjacke sowie einer Rettungsdecke an den Start - und einer gelben Warnweste. "Die ist Pflicht in Frankreich. Die Fahrer bekommen sie vom Veranstalter aber gestellt und dürfen sie dann als Souvenir behalten", sagt Haase.

Obwohl er sich zu Beginn die Kräfte einteilte, kam er noch im Tageslicht in Brest an. "Dadurch konnte ich dieses Mal auch die Atlantikbucht sehen. Das war ein absolutes Hochgefühl. 2015 war ich nachts dort und habe nur ein schwarzes Loch gesehen", sagt Haase. Generell sind die Naturerlebnisse etwas, das er an den langen Fahrten schätzt. "Den Tag-Nacht-Wechsel bekommt man dann sehr viel intensiver mit", erklärt der Maschinenbauingenieur.

Kurz danach legte er seinen ersten Schlafstopp ein. Dieser war an einer Kontrollstelle in einer Zwei-Mann-Kammer. Im Laufe des zweiten Tages begegnete er dann einer Bekannten aus Leipzig, mit der fortan zusammen fuhr. Am Ende des Tages entschied sich das Duo gegen eine Pause am erreichten Kontrollpunkt. "Wir sind in die Nacht reingefahren und haben uns dabei verkalkuliert", sagt Haase. Die Folge: Ein außerplanmäßiger Halt samt Schlaf auf einer Parkbank, eingehüllt in eine Rettungsdecke. "Das war natürlich weniger erholsam", so Haase, der seinem Humor dadurch nicht einbüßte: "Es gibt dann wenigstens einen automatischen Wecker: Das Frieren, wenn es zu kalt wird."

Immerhin stieg dadurch indirekt die Motivation. Auf der letzten der 15 Etappen gab Rico Haase mit über 1100 Kilometern in den Beinen noch mal alles. "Durch den unplanmäßigen Stopp hat uns eine Gruppe eingefangen, die wir an der Kontrollstelle eigentlich hinter uns gelassen hatten. Da wollten wir uns natürlich nicht lumpen lassen, haben Gas gegeben und sind zehn Minuten vor ihnen ins Ziel gefahren", sagt Haase.

Den Klassiker beendete er schließlich in 69 Stunden und 20Minuten und erreichte damit seine drei selbst gesteckten Ziele. "Erstens wollte ich ins Ziel kommen, zweitens im Zeitrahmen von 80Stunden und drittens wollte ich schneller sein als 2015, als ich knapp 72 Stunden gebraucht hatte", sagt Haase. In vier Jahren will er dann wieder dabei sein. "Spätestens im Ziel denkt man sich ja immer: Das ist eine coole Sache und eine total gute Idee", sagt er. Und da ist es dann auch nicht so schlimm, mal auf einer Parkbank geschlafen zu haben.

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