Monobob wird eine Erfolgsgeschichte

BSD-Chef Thomas Schwab über neue Schlittendisziplinen, Auswirkungen der Leistungssportreform und Probleme der Bahnbetreiber

Chemnitz/Berchtesgaden.

Thomas Schwab, Vorstandschef des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), freut sich, wenn die Tage kürzer werden und der Winter naht. Im Oktober werden die Bahnen vereist, im November beginnt die neue Weltcupsaison. Thomas Scholze sprach mit dem 56-jährigen Berchtesgadener.

"Freie Presse": Nach dem erfolgreichen Abschneiden der deutschen Athleten in Pyeongchang ist das nacholympische Jahr jetzt eines zum Durchatmen?

Thomas Schwab: Zum Durchatmen werden wir nicht kommen. Die Nationen, die bei Olympia nicht ganz so erfolgreich waren, wetzen schon die Messer. Wir sind in der Position des Gejagten. Das ist für unsere Sportler aber nichts Ungewohntes. Es war vielleicht in diesem Sommer drei Wochen mehr Luft als üblich. Aber insgesamt gehen wir den Winter so professionell an wie immer, mit der gleichen Akribie und Intensität.

Wird in so einer Saison mehr getüftelt und probiert als sonst?

Das ist in jedem Fall so. Es gibt Neuerungen auf allen Ebenen, die dann auch im Wettkampf ausprobiert werden.

Mit Ausnahme von Andi Langenhan setzten alle Spitzenathleten ihre Karriere fort. Raubt das den Jüngeren nicht die Chancen und Perspektiven?

Das ist ein generelles Problem, das wir in den erfolgsverwöhnten Disziplinen haben. Aber wir haben auch Konzepte, um es abzumildern. Im Rennrodelbereich, wo es fast unmöglich ist, den Sprung von den Junioren direkt in die A-Nationalmannschaft zu schaffen, gibt es ein B-Team, das nun wie die Elite Trainings- und Vorbereitungslehrgänge auch im Ausland durchführt, auf Bahnen unterwegs ist, wo selbst unsere Allerbesten Probleme haben. So können die Athleten später leichter ins A-Team integriert werden. Andi Langenhan übrigens wird dabei als Betreuer eine wichtige Rolle übernehmen, davon erhoffe ich mir noch einmal einen großen Schritt nach vorn.

Apropos Sprung von den Junioren ins A-Team: Juniorenweltmeisterin Jessica Tiebel aus Altenberg hat schon das Zeug dazu?

Ja. Sie kann und - davon bin ich überzeugt - wird es packen. Das bringt ein bisschen frischen Wind.

Im Schlittensport ist das Material ein entscheidender Faktor. Wie sehen Sie das innerdeutsche Wettrennen zwischen Bayern und den Standorten im Osten? Ist das gut? Oder verbraucht das unnötig Ressourcen?

Konkurrenz belebt das Geschäft und schadet nicht. So lange das wie bisher in einem vernünftigen Rahmen abläuft, begrüßen wir als Verband das. Man kann da ja ohnehin nicht alles unter dem Tisch halten. Letztlich fährt die Nationalmannschaft gemeinsam zu den Wettbewerben. Da liegen die Schlitten alle in einem Raum; der eine sieht, was der andere macht. So profitieren am Ende alle von diesem Wettkampf der Stützpunkte, unabhängig davon, wer gerade die Nase ein wenig vorn hat. Wie auch das FES, das ja die Erfahrungswerte unserer Trainer und Sportler verwertet, um Geräte mit höchsten internationalen Standards zu bauen.

Mindestens alle vier Jahre entsteht schon aufgrund der Olympischen Spiele irgendwo eine neue Bob- und Rodelbahn. Also immer mehr Konkurrenz für die vier deutschen Weltcupbahnen? Lassen die sich alle vier auch mittel- und langfristig wirtschaftlich betreiben und ausreichend auslasten?

Unsere Bahnen sind sehr gut ausgelastet, wir könnten sie eigentlich noch viel länger vereisen. Und: Die Bahnen sind unser großes Pfund - gerade in der Nachwuchsausbildung. Schon die Zehnjährigen sind auf allen vier - ja auch sehr unterschiedlichen - Anlagen unterwegs, die Ausbildung ist sehr vielseitig. Das ist ein unschätzbarer Vorteil gegenüber der internationalen Konkurrenz.

Warum fahren die Schlittensportler anderer Nationen nicht einfach auch hier?

Das ist zum einen eine finanzielle Frage, zum anderen eine der Termine. Im November beginnt die Weltcupsaison, dann zieht der ganze Tross von Bahn zu Bahn, ist recht streng an diesen Kalender gebunden. Für Trainingslehrgänge haben wir einen festen Rhythmus: Erst kommt die A-, dann die B-Nationalmannschaft, dann der Nachwuchs. Wenn dazwischen Zeit ist, dürfen natürlich auch ausländische Teams auf unsere Bahnen. Wir müssen mit den Anlagen ja auch Geld verdienen. Aus Steuermitteln von Bund, Ländern, Kreisen und Kommunen bezuschusst werden nur gut 50 Prozent der Betriebskosten, der Rest - dabei handelt es sich um jeweils rund 500.000 Euro - muss von den Betreibern erwirtschaftet werden. Der BSD selbst tut das als Betreiber der Kunsteisbahn Königssee.

Und das funktioniert?

Es ist kein einfaches Geschäft. Die letzte Anpassung der Fördermittel hat im Jahr 2007 stattgefunden, die Kosten sind seitdem aber weiter gestiegen, zum Beispiel allein durch die EEG-Umlage von mittlerweile fast sieben Cent pro Kilowattstunde Stromverbrauch 70.000 Euro pro Bahn. Von den Personalkosten ganz zu schweigen. Wir sind an der Grenze des Machbaren, Aber ich denke, dass sich da jetzt im Zuge der Leistungssportreform etwas bewegt, auch was die Finanzierung der Trainingsstätten betrifft.

Grundlage der Reform ist die Potenzialanlayse Potas. Der BSD steht unter allen Wintersportarten mit seinen Disziplinen an der Spitze der Rangliste. Was bedeutet das für die künftige Arbeit Ihres Verbandes?

Wir waren nach der Potas-Veröffentlichung zum Strukturgespräch beim DOSB. Das ist recht harmonisch verlaufen. Geredet haben wir über die finanzielle Unterlegung der Jahresplanung des BSD: Bislang waren die Berechnungen so, dass es für unseren Verband hinten und vorn nie gereicht hat. Wir waren immer von Rückflussmitteln abhängig, die andere Verbände nicht verbraucht und im Herbst an den Bund zurücküberwiesen haben. Nur so war es uns überhaupt möglich, an allen Weltcuprennen teilzunehmen. Künftig gibt es ein neues Berechnungssystem, bei dem wir von Haus aus besser berücksichtigt werden. Darüber bin ich wirklich froh, das bringt uns vor allem Planungssicherheit.

Winterberg ist Austragungsort der Rodel-WM 2019, Altenberg 2020 WM-Gastgeber für Bobfahrer und Skeletonis. Plant der BSD weitere Bewerbungen?
Ich habe Anfang der Woche eine Bewerbung für die Rodel-WM 2023 mit dem Austragungsort Oberhof an die FIL geschickt. Statistisch gesehen, muss jeder Ort 15 bis 22 Jahre auf das nächste Großereignis warten. Wir bewerben uns regelmäßig und ich glaube, beide internationale Verbände, also die für die Rodler zuständige FIL als auch die Bobfahrer und Skeletonis betreffende IBSF begrüßen Bewerbungen aus Deutschland, weil die Veranstaltungen hier professionell organisiert und durchgeführt werden und weil hierzulande viele Zuschauer dabei sind, das Ganze einen würdigen Rahmen hat. Das ist nicht überall so.

Das IOC hat im Juli beschlossen, dass der Damen-Monobob schon ab 2022 im Olympiaprogramm auftauchen wird. Wie schnell kann denn eine entsprechende Struktur - das Material, aber auch die Athleten betreffend - aufgebaut werden?

Wir sind gerade dabei, arbeiten als BSD in verschiedenen Projektgruppen der IBSF mit. Was den Schlitten betrifft, wird es wahrscheinlich ein Einheitsmodell für alle geben, das der internationale Verband ausschreibt und dann bei einem Hersteller kauft. Darüber ist aber noch nicht endgültig entschieden.

Wer fährt denn den Monobob? Gestandene Pilotinnen oder Talente, die später mal in den großen Schlitten "aufsteigen"?

Die Disziplin ist interessant für Pilotinnen, die stark am Start sind - wie zum Beispiel Stefanie Schneider, oder auch für Anschieberinnen, die Pilotinnen werden möchten - wie Lisa Buckwitz, die mit Mariama Jamanka in Korea Olympiasiegerin geworden ist und jetzt in die Pilotenschule geht. Auch Laura Nolte, die ja mit dem Monobob bei den Olympischen Jugendspielen 2016 in Lillehammer Gold geholt hat, wäre eine Kandidatin. Die Karten werden komplett neu gemischt. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir 2022 in Peking bei der Vergabe der Medaillen ein Wörtchen mitreden werden. Monobob wird eine Erfolgsgeschichte.

Wie schätzen Sie das andere Nationen betreffend ein? Gibt es da großes Interesse am Monobob?

Das denke ich doch. Die Disziplin ist gerade für kleinere Verbände attraktiv, weil sie kostengünstig ist. Ein Team besteht aus einer Person. Da ist es natürlich wesentlich preiswerter, von Wettkampfort zu Wettkampfort zu reisen.

Wann wird der Monobob in den Weltcup integriert?

Wahrscheinlich in der Saison 2019/2020. In diesem Winter sind die Monobobs im Europacup unterwegs, wir sammeln Erfahrungswerte. Im nächsten Winter starten die Damen dann - wahrscheinlich mit dem Einheitsschlitten - im Weltcup.

Der Frauen-Vierer ist damit vom Tisch?

Vorerst ja. Das ist vor allem eine Kostenfrage. Die Aufgabe, Schlitten und Teams von A nach B zu bringen, ist momentan für die Verbände nicht zu stemmen.

Die Aufnahme von Teamwettbewerben der Skeletonis und Bobfahrer ins Olympiaprogramm hat das IOC wie auch den Damen-Doppelsitzer im Rodeln abgelehnt. Wie ist Ihre Meinung hierzu?

Der Teamwettbewerb ist noch nicht reif für Olympia. Da muss am Modus gearbeitet werden. Einfach nur die Zeiten der einzelnen Athleten zu addieren - das ist nicht mehr zeitgemäß. Nach der notwendigen Überarbeitung werden wir den Wettbewerb dem IOC erneut vorstellen. Beim Damen-Doppelsitzer verhält es sich ähnlich. Die Zeit war einfach zu knapp. Die Disziplin wird jetzt erst einmal in den Juniorenweltcup integriert, sich langsam Richtung olympisches Niveau entwickeln. Vielleicht ist es 2026 soweit.

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