Nach Hambüchen-Kritik: Turner-Bund räumt Versäumnisse ein

Die Turn-WM sorgt schon vorab für Schlagzeilen: Nach harscher Kritik von WM-Botschafter Fabian Hambüchen räumt der DTB Fehler und Nachholbedarf ein. Hambüchen: «Da muss alles schief gelaufen sein.»

Düsseldorf (dpa) - Olympiasieger Fabian Hambüchen hat mit Kritik an den Zuständen im deutschen Turnen die Verantwortlichen auf den Plan gerufen. Kurz vor dem Start der Heim-WM in Stuttgart (4. bis 13. Oktober) musste der Deutsche Turner-Bund (DTB) Fehler und Versäumnisse eingestehen.

Nachholbedarf sieht DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam vor allem im Trainerbereich und bei der Vermarktung. «Der Trainermarkt ist beschränkt und es fehlen derzeit etwa acht bis zehn Trainer für wichtige Schlüsselstellen an den Stützpunkten», erklärte Willam auf dpa-Anfrage. «Wir versuchen, mit einem breit angelegten Personalentwicklungskonzept den Bedarf zu decken.»

Drei Jahre nach seinem Abgang von der internationalen Bühne ist der Reck-Olympiasieger von Rio noch immer das bekannteste Gesicht des deutschen Turnsports. Insofern haben Hambüchens Worte Gewicht. Im Interview der «Stuttgarter Zeitung» und der «Stuttgarter Nachrichten» hatte der 31-Jährige Missstände und Versäumnisse angeprangert. Seit der letzten Heim-WM 2007, wo er an seinem Paradegerät Gold gewann, sei «einiges schiefgelaufen», lautet sein Fazit.

Hambüchen monierte fehlende «finanzielle Anreize» und «Job-Sicherheit» bei Trainern durch die Befristung von Verträgen, kaum Anreize durch Prämien für die Athletinnen und Athleten sowie eine mangelnde Einstellung beim Nachwuchs. «Wo keine qualifizierten Trainer sind, gibt es irgendwann auch keinen nachrückenden Nachwuchs mehr», warnte Hambüchen. Den Turn-Talenten stellte er kein gutes Zeugnis aus. «Die heutige Nachwuchs-Generation tickt anders als meine. Da fehlt oft der Biss und das Feuer in den Augen. Heute habe ich das Gefühl, dass die Instagram-Story wichtiger ist als das Training selbst.»

Willam betonte, dass sich bei der Umsetzung der Leistungssportreform des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) hinsichtlich der «Anerkennung und Wertschätzung des Trainerberufes» einiges verändere. Das Gehaltsgefüge für Trainerinnen und Trainer im DTB sei «aufgabenbezogen angepasst». Leistungsbezogene Prämien sorgten zudem für zusätzliche Anreize. Das Problem von Befristungen bei Trainerverträgen sei erkannt worden: «So sind bereits mehrere Anstellungsträger von befristeten Arbeitsverträgen abgerückt und eine Umstellung auf unbefristete Verträge ist erfolgt.»

Fehlende Leistungsbereitschaft sehe er aber «bei keinem Kaderturner», so der Sportdirektor. «Wenn man berücksichtigt, dass unsere Nachwuchsturner neben 30 Stunden Schule auch noch 25 bis 30 Stunden Training plus Wettkämpfe bewältigen, ist die Motivationslage klar.» Die Probleme bei der Nachwuchsgewinnung ist für den 63-Jährigen kein spezielles Turn-Dilemma, sondern ein «generelles Problem im deutschen Sport. Dieses hat sicher auch mit dem Stellenwert des Leistungssports in unserer Gesellschaft zu tun».

2012 bei Olympia in London holten die deutschen Turn-Asse drei Silbermedaillen. «Man war quasi auf dem Höhepunkt - und dann wurde uns vom Deutschen Turner-Bund ein Jahr später mitgeteilt, dass man keine Prämien mehr auszahlen könne, weil die Sponsoren abgewandert sind», schimpfte Hambüchen. «Ja geht’s noch? Da muss doch alles schief gelaufen sein!»

Willam gestand, dass der Verband nach den Olympia-Erfolgen 2012 die «große Hoffnung» gehabt habe, bei der Vermarktung und Sponsorensuche entscheidend voranzukommen. «Das ist leider nicht eingetreten.» Allerdings benötige man auch entsprechend hohe Einnahmen beim Sponsoring, um «hierüber entscheidende Reize setzen zu können. Da tun wir uns im Moment noch schwer.» Durch neue Formate wie die European Championships oder die Finals in Berlin und die damit verbundene größere TV-Präsenz hofft der DTB, einen Schritt nach vorn zu machen.

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