Nach Leidenszeit wieder voller Elan

Turnerin Sophie Scheder aus Chemnitz ist nach längerer Zwangspause im Trainingsprozess zurück. Die Olympiadritte von 2016 motivieren zwei Ereignisse besonders.

Chemnitz.

Während sie die Riemchen festzurrt und die Handflächen mit Magnesia einreibt, verfolgt sie gleichzeitig die Übung ihrer Vereinsgefährtin Lisa Schöniger. Sie feuert an, gibt kurze Hinweise und freut sich mit ihr über den gelungenen Auftritt. Dann schwingt sich Sophie Scheder selbst an den Stufenbarren, um ihr Pensum in dieser Trainingseinheit zu bewältigen. "Ich bin jetzt auf einem guten Weg, habe auch gesundheitlich keine Probleme", erzählt die 22-Jährige später in einer Pause mit einem Lächeln. Dabei möchte sie am liebsten dreimal auf Holz klopfen. Sie wirkt entspannt, zuversichtlich, voller Elan. "Zurzeit bin ich positiv gestimmt, es macht wieder viel Spaß", bestätigt sie diesen Eindruck.

In dieser Gefühlslage befindet sich Sophie Scheder jedoch erst seit einigen Tagen. An ihrem Paradegerät trainiert sie die zweite Woche, zuvor standen nach Ende einer weiteren Zwangspause längere Zeit nur Stabilitäts- und Reha-Übungen auf ihrem Programm. Denn in den zurückliegenden Monaten musste die zweifache Deutsche Meisterin erneut mehrere Rückschläge verkraften. Im Herbst war sie voller Glücksgefühle von der WM aus Doha zurückgekehrt. Bei diesen Titelkämpfen hatte sie nach über zwei Jahren internationaler Abstinenz wegen einer komplizierten Knieoperation bemerkenswerte Leistungen erreicht. Ein kleiner Dämpfer folgte, als sie sich während eines Lehrganges in Neuseeland die kleine Zehe brach. Geplant war indes ein medizinischer Eingriff kurz vor Weihnachten, bei der ihr die Platten einer Ringfinger-OP vom Sommer entfernt wurden. Als alles verheilt war, wollte sie ab dem neuen Jahr voll durchstarten.

Doch es kam wieder einmal anders als gedacht. Rund zwei Monate lief es planmäßig, steigerte die Auswahlakteurin kontinuierlich ihr Pensum. Dann stoppte sie ein hartnäckiger Infekt, verbunden mit einer Bronchitis. Auch Schmerzen im Rücken plagten sie immer stärker. Gemeinsam mit ihrer Trainerin Gabi Frehse entschied sie daraufhin, die EM-Vorbereitung abzubrechen. "Ich habe dann meinen Urlaub vorgezogen und bin erst einmal mit meiner Oma nach Ägypten geflogen", berichtet Sophie Scheder. Das kurzzeitige Abschalten in der Ferne tat gut, doch nach der Rückkehr hörten die Probleme im Rücken nicht auf. Der Mannschaftsarzt in Frankfurt (Main) diagnostizierte die Vorstufe eines Bandscheibenvorfalls. Erneut vier Wochen aus dem normalen Trainingsprozess raus, selbst im Alltag war nicht alles möglich.

"Es nagt schon sehr an der Psyche. An manchen Tagen bekommst du die Krise. Da hast du Phasen, in denen du hinhauen möchtest, die Motivation weggeht", gibt die elegante Gerätkünstlerin zu. Doch ein Aufgeben kommt für sie nicht in Frage. An Tiefpunkten helfen vor allem Gespräche mit der Familie, der Trainerin, der Psychologin Grit Reimann oder mit Freunden, aber auch der Zuspruch der Fans sowie die Anerkennung ihrer jüngeren Gefährtinnen, für die sie gern Ratgeberin und Mutmacherin ist. Und wenn sie sich das Video ihrer Kür vom olympischen Finale in Rio, mit der sie die Bronzemedaille gewann und damit den bisher wertvollsten Erfolg ihrer Karriere feierte, anschaut, rücken alle Zweifel in den Hintergrund. "Mein Herz sagt, ich will noch diese zwei wichtigen Events. Dafür brenne ich, werde alles geben", blickt die dreimalige Weltcupsiegerin auf die Heim-WM Mitte Oktober in Stuttgart sowie die Olympischen Spiele 2020 in Tokio voraus.

Der Stufenbarren, an dem sie in der Lage ist, eine Weltklasseleistung zu zeigen, steht dabei besonders im Fokus. Einzeln klappen die Elemente schon nach dieser kurzen Zeit wieder, mit der geplanten Übung könnte sie international erneut ganz vorn mitmischen. Schritt für Schritt und mit einer gewissen Vorsicht möchte sie sich dann auch wieder den anderen Geräten widmen. "Ich liebe den Mehrkampf, es ist die Königsklasse. Ich habe große Lust, ihn auch wieder zu präsentieren", sagt die gebürtige Wolfsburgerin, die seit 2008 wegen der optimalen Bedingungen in Chemnitz am Bundesstützpunkt trainiert und in der Stadt lebt. Unter Druck setzt sie sich deswegen aber keineswegs. "Ich weiß, dass ich noch Kapazitäten habe, längst nicht am Ende bin", sinniert Sophie Scheder, die natürlich sehnlichst hofft, dass sie in den kommenden Monaten einfach mal planmäßig trainieren kann. Wer weiß, was dann möglich ist ...

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