Nachwuchs in Deutschland: Viele Bemühungen, wenig Ertrag

Die Förderung der Motorradtalente tritt auf der Stelle - Was kostet ein Jahr in einer Nachwuchsserie?

Chemnitz.

Am Wochenende beim deutschen Motorrad-Grand-Prix auf dem Sachsenring sind die einheimischen Fahrer dünn gesät. Jonas Folger startet als Einzelkämpfer in der MotoGP-Klasse, Sandro Cortese und Marcel Schrötter in der Moto2 und Philipp Öttl in der Moto3. So wenige deutsche Piloten in den drei WM-Klassen, das gab es seit Jahren nicht. "Freie Presse" nennt Ursachen und erläutert Hintergründe.

Wie sieht es mit Nachfolgern für die vier WM-Piloten aus?

Die sind an den Fingern einer Hand abzuzählen. Im Red-Bull-Rookies-Cup, aus dem alle letzten Moto3-Weltmeister hervorgegangen sind, starten mit Matthias Meggle aus Kempten (16 Jahre) und Kevin Orgis aus Arnsdorf bei Hainichen (17) zwei deutsche Fahrer. In den bisherigen beiden Rennen 2017 in Jerez holte Meggle die Ränge 8 und 9, Orgis wurde einmal Zwölfter und schied im zweiten Lauf durch Sturz aus. In der Junioren-WM, die im Rahmen der Spanischen Meisterschaft startet, ist in dieser Saison kein deutscher Fahrer am Start.

Wird in Deutschland zu wenig für den Nachwuchs getan?

Zu wenig nicht. Nur offenbar nicht das Richtige zum richtigen Zeitpunkt. Für Kinder gibt es die Möglichkeit, sich ab sechs Jahren mit dem Motorsport vertraut zu machen. Der ADAC bietet als Plattform den Pocketbike-Cup und ab acht Jahren den Minibike-Cup. Im Anschluss daran können sich Talente im ADAC-Junior-Cup beweisen.

Wo ist der Haken?

Die Sichtung und Förderung von Talenten lässt zu wünschen übrig und erfolgt nur sporadisch. Es fehlt auf nationaler Ebene die richtige Koordination, um die besten Talente in ihrer Karriere richtig zu fördern. Es fehlt ein Leistungssportsystem wie in den olympischen Sportarten.

Wie kümmern sich deutsche Teams um den Nachwuchs?

Sie machen im Rahmen ihrer Möglichkeiten viel. Das Kiefer-Racing-Team schickt mit Dirk Geiger, dem Schwarzenberger Toni Erhard oder auch Leon Orgis, dem Bruder von Kevin Orgis, Talente in verschiedene Rennserien. Das Freudenberg-Team aus Bischofswerda ebenso. Das Prüstel-GP-Team unterstützt mit Freddie Heinrich aus Lunzenau den Minibike-Gesamtsieger von 2016, der in diesem Jahr in der Spanischen Moto4-Meisterschaft seinen ersten Podestplatz geholt hat.

Wie machen es andere Länder?

In Spanien werden zum Beispiel die Talente härter und intensiver gefordert. Es gibt Rennen in einer Moto4- und in einer Pre-Moto3-Klasse. Daran ist in Deutschland nicht zu denken. Außerdem wird der Nachwuchs professioneller betreut. Ein Beispiel ist der 13 Jahre alte Joshua Bauer aus dem Leistungszentrum des sächsischen ADAC. Der Gymnasiast aus Limbach im Vogtland startet seit zwei Jahren in der Spanischen Meisterschaft für das Team Estrella Galicia von Emilio Alzamora, dem Manager von Marc Marquez. Die Talente werden hier regelmäßig in Camps sowohl fahrerisch und psychologisch geschult als auch in ihrer Fitness entwickelt. Bauers Trainingspläne werden an der Universität von Barcelona geschrieben. Wöchentlich muss der 13-Jährige abrechnen, wie er die Pläne umgesetzt hat. Bauer fährt in der Pre-Moto3 regelmäßig in die Top Ten.

Seit zwei Jahren gibt es den North ern-Europe-Cup (NEC), der auch am Sachsenring zum Programm gehört. Könnte er ein Erfolgsmodell werden?

Das muss sich noch herausstellen. Das Starterfeld ist übersichtlich und wird noch in eine GP-Klasse und eine Standardklasse unterteilt. Beim letzten Rennen in Donington gingen in der Standardklasse zehn und in der GP-Klasse sieben Fahrer an den Start, darunter lediglich drei Deutsche.

Was muss an Geld investiert werden, um ein Talent zur WM zu bringen?

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Eine Saison bei den Minibikes kostet etwa 10.000 Euro, will man in der Spanischen Meisterschaft mitfahren, kommen schon etwa 60.000 Euro zusammen. Bei einer Saison in der Junioren-WM können die Kosten dann schon auf 150.000 Euro steigen. Ohne ein großes Engagement der Eltern und zahlreicher Sponsoren ist da nichts zu machen.

Wie sieht es mit der Nachwuchsarbeit in Sachsen aus?

Hier wird im Vergleich zu anderen Bundesländern vorbildlich gearbeitet. Sächsische Talente bestimmen das Niveau in Deutschland. Bei den Minibikes ist der AMC Sachsenring die erste Adresse. Die unter anderen vom Ex-Grand-Prix-Piloten Dirk Heidolf betreuten Fahrer bestimmen die Spitze in dieser Rennserie. Das von Dirk Reißmann geleitete Leistungszentrum ist in seiner Form einzigartig in Deutschland. Hier erhalten die Talente eine professionelle Betreuung und die Möglichkeit, sich in Spanien mit Weltbesten ihres Alters zu messen. (sg)

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