Neue Ziele mit den Österreichern

Der gebürtige Erzgebirger Ricco Groß trainierte drei Jahre die russischen Biathleten. Jetzt will er mit den Skijägern aus der Alpenrepublik verlorenen Boden wettmachen. In Ruhpolding verpasste sein Quartett das Podest.

Oberhof.

Spitze Zungen behaupten, dass die Österreicher manchmal genauso schwer zu verstehen seien wie die Russen. Ricco Groß, der das kyrillische Alphabet noch aus der Schule kennt, kann das jedoch nicht bestätigen. "Wenn man in der landesüblichen Sprache reden kann, tut man sich im Bereich Kommunikation natürlich wesentlich leichter", sagt der 48-jährige Cheftrainer der österreichischen Biathlonherren. Anfang Mai 2018 hatte der Skiverband der Alpenrepublik die Verpflichtung des gebürtigen Erzgebirgers bekanntgegeben. Sein Vertrag läuft über zwei Jahre bis 2020.

Der vierfache Olympiasieger und neunfache Weltmeister, der 2007 das Kleinkalibergewehr an den berühmten Nagel hängte, war zuvor drei Jahre lang für die russischen Skijäger verantwortlich. "Natürlich gab es auch Überlegungen, weiter mit dem russischen Verband zu arbeiten. Aber die Präsidentschaftswahlen des Verbandes waren dort erst Ende Mai. Da lag zu viel Zeit dazwischen, in der ich nicht wusste, geht es weiter oder nicht", begründet Ricco Groß seinen Entschluss, einen neuen Job anzunehmen. Die drei Jahre bereut er jedoch auf keinen Fall. "Definitiv nicht. Es ist doch schön, über eine Sache mitreden zu können, die man erlebt hat, als immer nur darüber zu reden", sagt der einstige Weltklassemann. Er spricht von "ganz, ganz wichtigen Erfahrungen, tollen Sportlern und einem guten Trainerteam".

Worüber in Bezug auf die russischen Biathleten noch häufiger geredet wird, weiß er freilich auch. So waren einige der Besten wie der inzwischen zurückgetretene mehrfache Weltcupsieger Anton Schipulin wegen des Staatsdopingskandals bei den Olympischen Spielen 2018 gesperrt. Der Chefcoach konnte deshalb im südkoreanischen Pyeongchang nur auf ein Mini-Aufgebot zurückgreifen. Immer wieder musste er sich äußern: "Natürlich nervt das. Aber ich muss auch sagen, dass es bisher nur Anschuldigungen gibt. Seitens sämtlicher Institutionen, die die Verdächtigungen in den Raum gestellt haben, sind bisher keine Ergebnisse geliefert worden", sagt Ricco Groß und fügt an: "Das sollte zu dem Thema auch mal reichen."

Bei den Österreichern kann sich der Wahl-Bayer auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren. Bei null fängt er nicht an. Simon Eder landete im Weltcupsprint in Groß' Wohnort Ruhpolding auf Rang acht, auch seine Landsleute Dominik Landertinger (Rang 16/1 Schießfehler) und Julian Eberhard (19/2) schafften es unter die Top 20. In der Staffel sprang am Freitag Rang vier, hauchdünn hinter Frankreich, heraus. "Mit Dominik, Simon und Julian haben wir zumindest drei Athleten, die den Weg zur Siegerehrung schon kennen. Sie wissen, wie das ist", meint Ricco Groß: "Als gesamte Nation haben wir aber etwas an Boden verloren." Ausdruck dessen ist, dass die Rot-Weiß-Roten momentan nur mit fünf Assen, davon vier 30 Jahre oder älter, im Weltcup vertreten sind. "Hauptziel, das auch der Verband klar formuliert hat, ist deshalb, den sechsten Startplatz zurückzuholen. Dann haben wir auch wieder die Möglichkeit, jüngere Athleten heranzuführen", erklärt der neunfache Weltcupsieger im Einzel.

Einer von diesen jungen Wilden ist Felix Leitner. Der 22-jährige Tiroler aus Hochfilzen gilt im Nachbarland als eine der größten Nachwuchshoffnungen. Diese brauchen sie auch im Lager der Biathleten, wollen sie die "Nummer zwei" hinter Marcel Hirscher & Co. bleiben. "Alpin ist unbestritten die Nummer eins. Aber ich glaube, dass wir uns als nächste Wintersportart so präsentieren können, dass wir Gehör und Beachtung finden", hofft Groß.

In der aktuellen Weltcupsaison können die Österreicher drei Podestplätze vorweisen. In Oberhof erkämpfte die Staffel mit Tobias Eberhard (34 Jahre), Eder (35), Landertinger (30) und Julian Eberhard (32) Rang drei. Gefragt nach dem neuen Trainer, stimmte Landertinger eine Lobeshymne an: "Ricco ist ein Supertrainer, er hat das Team zusammengeschweißt. Das ist wichtig", sagte der 30-Jährige, der in Hochfilzen zu Hause ist. Am dortigen Stützpunkt und in Ruhpolding absolvieren sie hauptsächlich ihr Training.

Im Chiemgau, wo sie dieser Tage mit enormen Schneemassen zu kämpfen haben, ist der gebürtige Schlemaer Ricco Groß schon lange zu Hause. Insofern ist der Weltcup auch ein Heimspiel für ihn, selbst wenn seine Männer zu den Gegnern der deutschen Skijäger gehören. Einen kleinen Heimvorteil hat Ricco Groß dabei auf jeden Fall: "Ich bin froh, dass ich drei Söhne habe, die Schnee schaufeln können."


Beste Saisonstaffel für deutsche Skijäger - Rösch heult wie nie 

Die deutschen Biathleten sind mit der Staffel in Ruhpolding auf Platz zwei gelaufen. Das Quartett musste sich in der Premierenbesetzung Roman Rees, Johannes Kühn, Arnd Peiffer und Benedikt Doll nur den Norwegern geschlagen geben.

Nach sechs Nachladern (vier davon Kühn, zwei Doll) betrug der Rückstand auf die überlegenen Wikinger 13,5 Sekunden. In der Schlussrunde konnte Doll dem Saisondominator Johannes Thingnes Bö nicht mehr folgen. So blieb der erste deutsche Staffelsieg seit 13 Jahren aus.

Der Sachse Michael Rösch, Staffel-Olympiasieger 2006, absolvierte das letzte Rennen seiner Karriere und landete mit Belgien auf Rang 19. Der 35-Jährige traf als Startläufer alle zehn Scheiben und wurde im Ziel von den Fans gefeiert. "Ich habe noch nie in meinem Leben so geheult", sagte Rösch und verriet die Abendplanung: "Jetzt brauche ich eine stabile Leber. Heute wird richtig geballert." (dpa)

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1Kommentare
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  • 2
    0
    Hirtensang
    20.01.2019

    Zitat Ricco Groß: "Aber ich muss auch sagen, dass es bisher nur Anschuldigungen gibt. Seitens sämtlicher Institutionen, die die Verdächtigungen in den Raum gestellt haben, sind bisher keine Ergebnisse geliefert worden", sagt Ricco Groß und fügt an: "Das sollte zu dem Thema auch mal reichen."
    Im ZDF-Reporter-Team zeichnete sich Alexander Ruda dafür aus, ständig darauf hinzuweisen, dass russische Biathleten gedopt haben, während der unabhängige Biathlon-Experte Sven Fischer sich zu diesem Thema sehr zurückhielt. Ruda verfährt nach dem Verfahren, die ständige Wiederholung eines angenommenen Verstoßes gegen die sportliche Fairness erhellt die Wahrheit, ist aber nicht der leiseste Beweis. Es steht außer Frage, dass auch hier Russland politisch diffamiert wird und die russischen Biathleten in ihrem sportlichen Kampfgeist psychologisch geschwächt werden. Ob sich Ruda dazu einen persönlichen Auftrag gegeben hat?



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