Neustart in der alten Heimat

Gewichtheber Ingo Steinhöfel, der 1988 Olympiasilber gewann und einst als fünffacher Starter beim Topereignis Geschichte schrieb, hat seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Chemnitz verlegt. Beim Erinnern schmerzt das abrupte Ende der Laufbahn noch immer.

Chemnitz.

Inzwischen betritt er wieder regelmäßig die Heberbühne seiner früheren Trainings- und Wettkampfstätte in Reichenbrand. Doch Hanteln wuchtet Ingo Steinhöfel nicht mehr nach oben, sondern begleitet die Bundesligaduelle des Chemnitzer AC als Sprecher. "Vor der Premiere war ich fast so aufgeregt wie früher vor einem Wettkampf", gibt der 51-Jährige, der am Sonnabend beim Vergleich gegen den Berliner TSC wieder am Mikrofon sitzt, zu. Von 2012 bis Sommer 2017 hatte er aus beruflichen und privaten Gründen in Wermelskirchen nahe Köln gelebt. "Ich möchte mich wieder stärker in den Verein einbringen, gern auch als Trainer tätig sein", meint der einstige Weltklasseheber, der ausgebildeter Versicherungsfachmann ist, aktuell bei einer Fliesen-GmbH arbeitet, sich zudem im Crossfit engagiert.

Über diese Trendsportart kam Ingo Steinhöfel nach längerer Abstinenz zunächst in Wuppertal mit seinem einstigen Metier wieder in Kontakt. Da das Beherrschen der Langhantel ein Grundstein dieses Mehrkampfes ist, sind seine Erfahrungen als Coach gefragt. Er selbst gehörte bis 2004 rund 17 Jahre zur internationalen Spitze. Damals schrieb er zudem Geschichte: Als erster deutscher Gewichtheber und als erst zweiter seiner Sportart weltweit startete er in Athen zum fünften Mal bei Olympischen Spielen.

Eigentlich wollte er zuvor bereits seiner Karriere ausklingen lassen. Doch als ihm sein langjähriger Weggefährte Joachim Kunz auf die Rekordidee brachte, forcierte er erneut sein Trainingspensum. Das Sichern eines der vier deutschen Startplätze galt für ihn schon als Riesenerfolg. "Ich war damals über meinem Leistungszenit. Mit 37 Jahren fällt mir bis heute kein Mittelgewichtler auf olympischer Bühne ein", denkt Ingo Steinhöfel gern an seinen internationalen Abschied zurück. Das Ergebnis - Rang 14 - war eher Nebensache. "Da habe ich das Feeling der Spiele am meisten aufgesaugt, alles genießen können", fügt er hinzu.

Sein wertvollster Coup war ihm bei seiner Premiere 1988 in Seoul mit der Silbermedaille gelungen. Bis dahin hatte er eine rasante Entwicklung genommen. Mit zehn Lenzen begann er in Plauen unter den Fittichen von Trainer Dietmar Bayer mit dem Gewichtheben, als 13-Jähriger wurde er zum damaligen SC Karl-Marx-Stadt delegiert und erkämpfte seinen ersten DDR-Meistertitel. "Darauf war ich stolz wie Bolle, habe es allen gezeigt. Denn weil ich ein kleines Hutzel war, wurde ich oft geärgert", erinnert sich der Sachse schmunzelnd. Drei Jahre später landete er beim Baltic-Cup seinen ersten Sieg im Männerbereich. 1987 wurde er Juniorenweltmeister sowie auf Anhieb WM-Dritter bei den "Großen" - der Übergang in die Nationalmannschaft glückte nahtlos.

Das Ziel hieß von nun an nicht nur Olympiateilnahme, sondern es bestand eine realistische Medaillenmöglichkeit. "Die Vorbereitung war schon aufregend für mich. Bei Klaus Kroll trainierten Achim Kunz und ich bis zu dreimal am Tag, wir pushten uns gegenseitig, erarbeiteten uns eine Topform", erzählt Ingo Steinhöfel. Seine Ambitionen erhielten einen Schub, als in Seoul am Tag vorher sein Gefährte Silber erkämpfte. Noch vor seiner Entscheidung verwandelte sich das Edelmetall sogar in Gold, weil der vor ihm liegende Bulgare des Dopings überführt wurde. Da Klaus Kroll nicht mit nach Korea reisen durfte, betreute Joachim Kunz den Youngster mit, strahlte viel Ruhe aus. Der Wettkampf lief sehr gut, "Stein" erreichte mit 360 Kilogramm ein Zweikampfresultat, das Silber brachte.

"Dennoch war ich im ersten Moment etwas enttäuscht. Ich wollte im dritten Reißversuch den Weltrekord von 170,5 Kilo angreifen. Aber das ließen die Verantwortlichen nicht zu. Mit Wut schaffte ich dann die 170 kg auch nicht", weiß der Chemnitzer noch genau. Gegen den Bulgaren Gidikow, der mit 375 kg gewann, besaß er sowieso keine Chance. Und die vage Hoffnung, dass auch sein Bezwinger unerlaubte Mittel zu sich nahm, erfüllte sich nicht. Trotzdem zogen die Chefs des Balkanlandes danach ihre gesamte Hebermannschaft zurück.

"Ich habe die Medaille ständig mit mir rumgeschleppt, in der Nacht unters Kopfkissen gelegt. Mit einem Schlag wurde ich ganz anders in der Mannschaft akzeptiert. Und dieser Erfolg bleibt das Größte", wertet Ingo Steinhöfel, für den es danach wechselhaft weiterging. Nach Silber und Bronze bei der WM 1989 warf ihn die Wendezeit sportlich aus der Bahn. "Ich habe mehr das süße Leben genossen, als trainiert", bringt er es auf den Punkt. Die WM 1991 (7. Platz) bezeichnet er als Katastrophe, aber gleichzeitig auch als Weckruf mit Blick auf Barcelona 1992. Fortan veränderte er wieder die Prioritäten, kehrte zurück in die Spitze. Doch in Spanien erlebte er bittere Momente. "Das ist der Wettkampf, den ich mir nie verzeihe. Ich war so gut vorbereitet, hätte Olympiasieger werden können. Doch ich erreichte nur zwei Gültige, war übersteuert, nicht fokussiert genug. Im Training vorher schaffte ich 365 kg, Gold gab es für 357 kg", trauert Ingo Steinhöfel, der Fünfter wurde, im Rückblick noch immer dieser einmaligen Chance nach. Zwei Jahre später bei der WM in Istanbul konnte er sich rehabilitieren: Gold im Reißen sowie Silber im Zweikampf und Bronze im Stoßen. "Das war der Wettkampf meines Lebens. Die Leistungen sind heute noch deutsche Rekorde", ordnet er diese Titelkämpfe ein. 1997 gewann er mit EM-Silber sein letztes internationales Edelmetall, wobei ihn ebenso Verletzungen und Knieoperationen mehrfach ausbremsten.

Er hatte zwar seine leistungssportliche Karriere nach Athen 2004 beendet, hob aber weiter in der Bundesliga. Doch es gab zwei Tage nach der Verabschiedung aus der Nationalmannschaft ein abruptes Ende: Bei einer Dopingkontrolle am 7. Dezember wurde er positiv getestet. In der Nacht zuvor hatte er zum Hustensaft seiner Kinder gegriffen, der das verbotene Mittel Clenbuterol enthielt. Er konnte alles belegen, es folgte eine sechsmonatige Sperre wegen Medikamentenmissbrauchs. "20 Jahre habe ich aufgepasst, und dann dieser Lapsus. Es hat mich schwer getroffen und emotional sehr mitgenommen, wie die Öffentlichkeit damit umgegangen ist. Ich habe mich einige Zeit total zurückgezogen", sagt Ingo Steinhöfel, der sich dann auf seine beruflichen Aufgaben konzentrierte. Zudem erlebte der stolze Vater von vier Kindern auch privat nicht nur Sonnenseiten. Nun will er in der Heimat einiges neu anpacken.

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