Nico Ihle - Einzelkämpfer und Teamplayer

Der Eissprinter von der Chemnitzer Skater-Gemeinschaft holt Gold und Silber bei der DM in Inzell, will sich aber auch in der Weltspitze zurückmelden. Dafür geht er einen neuen Weg.

Inzell.

Die Zeit rast. Gefühlt hatte Nico Ihle gerade erst die Geburt von Söhnchen Levi verkündet, doch seit Sonntag ist der Stammhalter schon wieder vier Wochen alt. "Er ist zum Glück ein friedlicher Kerl, schläft viel", sagt der stolze dreifache Vater, den Ehefrau Anni und die Töchter Emma (7) und Maxi (3) so oft es geht bei Wettkämpfen anfeuern.

Am Wochenende in Inzell, bei den Deutschen Einzelstreckenmeisterschaften der Eisschnellläufer, war auch Levi erstmals mit von der Partie. Während der Kleine meist friedlich im Kinderwagen schlummerte, sprintete Papa Nico um die 400-Meter-Bahn. Nach Silber über 500 Meter hielt sich der 33-jährige Sachse am Sonnabend über 1000 Meter mit Gold schadlos, drehte den Spieß um. Joel Dufter (Inzell/1:10,29), der Sieger über die kürzere Distanz, musste diesmal mit Silber vorlieb nehmen. Für Ihle, der mit 1:09,74 Minuten gewann, war es der zweite Meistertitel über 1000 Meter. Das freute ihn natürlich, hundertprozentig zufrieden war er jedoch nicht. "Ich hätte mit einer schnelleren Zeit gerechnet. Momentan komme ich noch nicht an mein Limit", schätzt er eine Woche vor dem Weltcupauftakt in Minsk realistisch ein.

In Weißrussland will der Athlet von der Chemnitzer Skater-Gemeinschaft (CSG) zulegen, weil er wieder im Konzert der Besten mitspielen möchte. "Dafür haben wir viel getan, viel gearbeitet", sagt der Vizeweltmeister über 500 Meter von 2017, der die Weltspitze in der vergangenen Saison etwas aus den Augen verloren hat. Und deshalb geht Nico Ihle in diesem Jahr einen neuen Weg. Statt sich in Chemnitz allein nur mit Bruder Denny vorzubereiten, trainieren die beiden seit Mai in einem neuformierten Team. Chef der zehnköpfigen Truppe ist Sprint-Bundestrainer Danny Leger. Nico Ihle und Joel Dufter (24), ebenfalls bereits Weltcup und Olympiastarter, sind die Frontmänner. Einzelkämpfer und Teamplayer in einem. "Es gab eigentlich keinen anderen Weg als die besten Athleten zusammenzuziehen und im gleichen Atemzug die Anschlusskader einzubinden. So finden sie vielleicht ein kleines bisschen schneller den Weg in die Weltspitze", erzählt Coach Leger.

Bei Nico Ihle stieß er mit dem Projekt auf offene Ohren. Vor allem auch, nachdem sich der ehrgeizige Sprinter dazu entschlossen hatte, die Olympischen Spiele 2022 anzupeilen. "Weltweit trainieren die besten Läufer in ein super Mannschaftsgefüge und arbeiten sich so peu à peu nach oben", sagt der dreifache Weltcupsieger.

Bei internationalen Wettkämpfen wieder auf dem Podest zu stehen, ist seine Motivation. Die Konstellation aus dem letzten Jahr, als sich das Brüderpaar ohne Coach vorbereitet hatte - Trainer Klaus Ebert war in Rente gegangen -, ist Geschichte. Eine lehrreiche Geschichte. "Denny ist ein guter Kurzsprinter, der mir im Training viel geholfen hat. Aber wenn es darum ging, mal eine zweite oder dritte schnelle Runde zu laufen, dann hatte ich niemand und musste selbst die Geschwindigkeit hochhalten", erklärt Nico Ihle. Rückblickend fügt er selbstkritisch an: "Ich denke, ich habe nur das Geringstmögliche getan, um gut zu sein. Um weiter oben dabei zu sein, muss man vielleicht doch ein bisschen mehr machen."

Das hohe Pensum, welches als Zweimann-Team nicht zu stemmen gewesen wäre, verdeutlicht die Vorbereitung auf die aktuelle Saison. So war das Sprintteam dreimal im niederländischen Heerenveen im Trainingslager, zudem einmal auf Lanzarote. "Dabei wurden von trainingswissenschaftlicher Seite auch komplett neue Reize gesetzt. Das ist mir am Anfang nicht leichtgefallen", erzählt Nico Ihle. So wurde etwa das Radtraining nicht mehr in der Gruppe absolviert sondern nach individuellen Vorgaben. Danach hieß es meist allein, immer im Bereich bestimmter Wattzahlen, zu strampeln. "Es ist schon ein Unterschied, ob du zwei Stunden im Windschatten fährst oder zehn Minuten im Wind", meint Ihle.

Ab September kam die Truppe regelmäßig im bayerischen Inzell zusammen, um sich gemeinsam in Form zu bringen. Wobei der Familienvater aus Lichtenstein nach seinem 34-jährigen Bruder bereits der zweitälteste im Team ist. "Nico behört schon zum älteren Eisen. Das weiß er auch und bekommt es manchmal zu spüren", sagt Leger lächelnd. Soll heißen: die jungen Anschlusskader, zu denen unter anderen der Mylauer Michael Roth zählt, schauen zu den Erfahrenen zwar auf. Sie wollen sie aber auch ärgern und fordern. "Ich finde das spannend, dass sie versuchen, uns die Plätze streitig zu machen. Da muss ich natürlich gegenhalten", meint Nico Ihle.

Der nunmehr 14-fache Deutsche Meister (9x 500 Meter, 2x 1000 Meter, 3x Sprintvierkampf) geht den neuen Weg mit viel Zuversicht an. "Ich glaube, dass wir uns alle im Grundlagenbereich total weiterentwickelt und eine sehr gute Basis haben", sagt er. Das kann nur gut sein für die kommenden Aufgaben wie Weltcups, Weltmeisterschaften und schlussendlich die Olympischen Spiele 2022 in Peking. Denn die Zeit rast.


Kurioser Titel 

Claudia Pechstein (Foto) hat mit Gold über 5000 Meter den wohl kuriosesten Meistertitel ihrer Karriere erkämpft. In 7:10,07 Minuten lag sie beim erstmals international ausgeschriebenen Titelkampf in Inzell deutlich hinter Martina Sablikova aus Tschechien (7:00,51). Die dreimalige Olympiasiegerin war Pechsteins einzige Gegnerin. Die Deutschen Roxanne Dufter (Inzell) und Michelle Uhrig (Berlin) hatten abgemeldet, dennoch erhielt Pechstein die Goldmedaille umgehängt. "Dass sich keine der Konkurrentinnen auf den 5000 Metern gestellt hat, dafür kann ich nichts", sagte die 47 Jahre alte Berlinerin.

Für Denny Ihle (CSG) lief es nach Platz fünf über 500 Meter auch über die 1000 Meter nicht optimal. Nach Rang sechs wird der Freiberger voraussichtlich keinen Weltcupplatz erhalten - das insgesamt zwölfköpfige deutsche Team wird am Montag bekanntgegeben. Die Weltcupserie beginnt am kommenden Wochenende in Minsk. Die weiteren Stationen sind: Tomaszow (Polen/22.-24.11.), Nur Sultan (Kasachstan/6.-8.12.), Nagano (Japan/13.-15.12.), Calgary (Kanada/7.-8.02.) und Heerenveen (Niederlande/7.-8.03.). Die WM (Einzel) geht in Salt Lake City (USA/13.- 16.02.) über die Bühne. (tt/dpa)

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