Nico Ihle lauert auf seine Chance

Der Eisschnellläufer von der Chemnitzer Skater-Gemeinschaft startet in der Höhe von Salt Lake City bei seiner 14. Einzelstrecken-WM. Er fühlt sich gut vorbereitet, muss auf dem Eis aber zwei Dinge zusammenbringen.

Salt Lake City/Chemnitz.

Als "Freie Presse" kürzlich mit Nico Ihle telefonierte, wurde im Hotel Residence Inn in Salt Lake City gerade das Mittagessen zubereitet. "Die Jungs machen Pancakes", erklärte er das geschäftige Treiben und Klappern im Hintergrund. Mit den "Jungs" meinte der 34-Jährige seine um einige Jahre jüngeren Teamkameraden Hendrik Dombek (22), Joel Dufter (24) und Jeremias Marx (22). Die vierköpfige deutsche Sprinterfraktion ist bereits seit dem 18. Januar in der Hauptstadt des US-Bundesstaates Utah, wo die Einzelstrecken-WM der Eisschnellläufer seit Donnerstagabend läuft.

Für Nico Ihle ist es das 14. Championat dieser Art. Damit hat er den "Jungspunden" einiges an Erfahrung voraus. Ob das reicht, um seine Ziele am Großen Salzsee zu verwirklichen, muss sich zeigen. Ein Pfund ist es bestimmt, zumal der Athlet von der Chemnitzer Skater-Gemeinschaft (CSG) einige seiner insgesamt 18 Landesrekorde (mit Teamsprint) in der Höhe von Salt Lake aufgestellt hat. Die letzte Bestmarke schaffte er im März 2017, als er im Olympic Oval über 500 Meter 34,35 Sekunden aufs Eis zauberte.

Bei der WM lauert er jedoch eher über 1000 Meter auf seine Chance. "Das Ziel ist, unter meiner Bestzeit zu bleiben. Dann könnte es für einen Platz unter den Top 6 reichen", sagt der Sachse. Genauer lässt er sich nicht festnageln, was angesichts der unglaublichen Leistungsdichte im Lager der Eissprinter kein Wunder ist. Klare Favoriten auf den Kurzstrecken zu benennen fällt schwer, so extrem eng liegen Russen, Koreaner, US-Amerikaner, Kanadier, Japaner, Norweger oder Niederländer in den Weltranglisten beieinander. "Auf Ansage kannst du nicht aufs Podest laufen", weiß Nico Ihle, der 500-Meter-Vizeweltmeister von 2017.

Podiumsplatzierungen schaffte der dreifache Vater, der per Videotelefonie fast täglich mit zu Hause verbunden ist, in dieser Saison noch nicht. Im kasachischen Nursultan kam er dem Treppchen mit Platz fünf über 1000 Meter aber nahe. Ansonsten, gibt Nico Ihle zu, ging die Saison "holprig" los. Für die zweite Hälfte mit den Höhepunkten in Salt Lake City und der Sprint-WM zwei Wochen später in Hamar fühlt er sich inzwischen aber gerüstet. Die Vorbereitung auf die "zweite Halbzeit" begann praktisch schon zu Weihnachten. "Da habe ich zu Hause bei der Familie in Lichtenstein Kraft getankt, aber natürlich auch in Chemnitz trainiert", erzählt er.

Pünktlich zu Jahresbeginn nisteten sich die Sprintasse dann bei besten äußeren Bedingungen im italienischen Klobenstein ein. Die Freiluftbahn liegt 1150 Meter hoch, was an die 1400 Meter von Salt Lake heranreicht. "Die Vorbereitung in Südtirol lief sehr gut, wir haben sehr intensiv trainiert", berichtet der mehrfache Deutsche Meister, der mit Blickrichtung WM die Europameisterschaften Anfang Januar im niederländischen Heerenveen ausließ. "Das hätte die Vorbereitung nur unterbrochen. Ich denke, so, wie wir es gemacht haben, ist es der richtige Weg."

Das wird sich zeigen. Optimistisch ist Nico Ihle, auch wenn die Generalprobe beim Weltcup im kanadischen Calgary mit Rang elf über 1000 Meter noch nicht optimal verlief. Er setzt jedoch auf das noch schnellere Eis in den USA und den relativ großen zeitlichen Vorlauf. "Normal ist, zehn Tage vorher anzureisen. Insofern sind wir wirklich gut an die Höhe angepasst und an das schnelle Eis gewöhnt", strahlt er viel Zuversicht aus. "Wir haben uns beim Training von Woche zu Woche gesteigert. Oft hatte ich sogar das Gefühl, dass die Beine schneller als meine Handlungen waren. Jetzt muss beides nur noch zusammenkommen, die Gedanken und die Schritte", hofft der Routinier.

Apropos. Trotz eines gewissen Altersunterschiedes fühlt sich Nico Ihle richtig wohl im Team der Sprinter. Dieses hat in den Tagen vor der WM neben dem Eis- und Krafttraining einiges gemeinsam unternommen. So standen u. a. Bowling, das WM-Halbfinale in der Rodeodisziplin Bullriding oder auch ein Steak-essen in der Innenstadt auf dem Programm. Denn mittags und abends verköstigen sich die deutschen Kufenflitzer selbst. Die Hotelzimmer sind mit einer Küchenzeile ausgestattet, wo sie kochen oder eben auch Pancakes, eine Art Eierkuchen, zubereiten können. "Das ist völlig okay, da können wir uns gesünder ernähren, denn ansonsten ist das Essen hier doch etwas fastfoodlastig", erklärt Nico Ihle.

Das preisgünstige Prozedere im Residence Inn provoziert freilich eine weitere Frage, denn der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) geht es finanziell gar nicht gut. 400.000 Euro fehlen laut Schatzmeister Dieter Wallisch in der Kasse. Sind da alle Kosten für die WM abgedeckt? "Von Seiten der DESG ist alles bezahlt, ansonsten hätten wir nicht so zeitig hierherfahren können", sagt Nico Ihle und fügt an: "Wir bekommen es mit, lassen das Thema aber gar nicht so an uns heran."


Eisschnelllauf-Geschichte 

Claudia Pechstein (Foto) ist mit den besten Erinnerungen an das Utah Olympic Oval nach Salt Lake City gereist. Vor knapp 18 Jahren hatte die damals 30-jährige Berlinerin dort Eisschnelllauf-Geschichte geschrieben. In 6:46,91 Minuten drückte sie im olympischen 5000-Meter-Rennen den Weltrekord in eine neue Dimension, holte Gold und ist seitdem Deutschlands erfolgreichste Winterolympionikin. "Das vergisst man nie. Die 5000 Meter waren das Rennen meines Lebens. Ich hatte das Gefühl, ich schwebe über das Eis", sagt die 47-Jährige, die am Donnerstagabend über 3000 Meter (bei Redaktionsschluss noch nicht beendet) in die WM gestartet ist.

Das deutsche WM-Aufgebot: Frauen: Roxanne Dufter (Inzell), Michelle Uhrig, Claudia Pechstein (beide Berlin), Männer: Nico Ihle (Chemnitz), Joel Dufter (Inzell), Jeremias Marx, Patrick Beckert, Felix Maly (alle Erfurt), Ersatz: Hendrik Dombek (München).


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.