Paralympics: Chemnitzer vor Premiere

Goalballer Oliver Hörauf ist der einzige Starter aus der Region bei den Paralympics, die heute in Rio de Janeiro beginnen. Die russische Mannschaft wurde erstmals ausgeschlossen.

Chemnitz.

Oliver Hörauf versucht erst einmal kräftig durchzuatmen, während der Schweiß rinnt. Ein Schluck aus der Trinkflasche, dann fährt er in der kurzen Pause ein wenig runter. Eine Halbzeit dauert zwar nur zwölf Minuten, doch der permanente Wechsel zwischen der Defensive sitzend oder liegend am Boden und den Würfen auf das gegnerische Tor aus stehender Position verlangen ihm und seinen Mitstreitern alles ab. "Das Hoch und Nieder ist körperlich sehr anstrengend, da wird man voll gefordert", meint der 19-Jährige während einer Übungspartie in Chemnitz.

Diese Einheiten mit den Gefährten seines Vereins BFV Ascota ergeben sich jedoch nur selten, da er seit einem Jahr in Marburg am Paralympischen Stützpunkt trainiert und deshalb auch dort die Schule besucht. Doch wenn es wie wenige Tage vor der Abreise nach Rio klappt, dann nimmt er die Gelegenheit gern wahr. Zudem spielt der 1,95 Meter große Athlet in der Bundesliga nach wie vor für den BFV, mit dem er im Juni erstmals Deutscher Meister wurde. Als der leistungsstärkste Akteur hatte er an diesem überraschenden Erfolg maßgeblichen Anteil.

"Ich werde nie den Verein, der mich immer unterstützt, wechseln. Es hat sich alles so gut entwickelt, das Team ist super", gerät Oliver Hörauf ins Schwärmen. Für Trainer Jürgen Müller, bei dem er einst begann und unter dessen Fittichen er sich in erstaunlich kurzer Zeit als Nationalspieler etablierte, sind die Ereignisse in seiner langjährigen Tätigkeit gleichfalls außergewöhnlich. "Erst der Titel und dann fährt ein Spieler von uns erstmals zu Olympia. Das sind gleich zwei Highlights", beschreibt der 63-Jährige nicht ohne Stolz seine Glücksgefühle und fügt hinzu: "Oliver ist ein Ausnahmetalent. Mit seiner Größe bringt er beste körperliche Voraussetzungen mit. Dazu kommen sein enormer Ehrgeiz und viele Spielideen, die er einbringt." Jürgen Müller sprach den Jungen einst an, war zunächst froh, dass er sich überhaupt bereit erklärte, mitzumachen.

Auch Oliver Hörauf selbst kann sich noch gut an den Beginn erinnern. Er stammt aus Wetro, einem kleinen Dorf nahe Bautzen. Von Geburt an lebt er mit einem Sehvermögen von nur fünf bis acht Prozent, eine Behinderung, die er erbte. Ab der vierten Klasse wechselte er deshalb an die Schule für Blinde und Sehbehinderte im Förderzen- trum von Chemnitz. Goalball gehört da zum Unterricht. "Ich war überhaupt nicht begeistert, das Spiel hat mir nicht gefallen", erzählt er. Deshalb ging er in seiner Freizeit zunächst lieber regelmäßig schwimmen, absolvierte auch Wettkämpfe. Immerhin besitzt der BFV Ascota in diesem Metier erfolgreiche Traditionen, stellte von 1992 bis 2012 auch stets Teilnehmer an den Paralympics. Maria Götze, die insgesamt sieben Medaillen, darunter 1996 einmal Gold, gewann, und Swen Michaelis (zwei Podestplätze) sorgten für die wertvollsten Resultate.

Doch Oliver Hörauf verlor nach zwei Jahren die Lust am "Kacheln- zählen" wieder. Im Schulsport der nunmehr achten Klasse gehörte Goalball aber weiter zum Programm. "Ich weiß noch genau, wie es während des Unterrichts klopfte und jemand nach mir fragte. Ich erhielt eine Einladung zu einem Sichtungsturnier", berichtet der Sachse. Diese nahm er natürlich wahr - und bei jenem Test im Oktober 2012 mit Jugendlichen aus ganz Deutschland überzeugte er auf Anhieb. Er wurde daraufhin in den Kader der Juniorennationalmannschaft berufen, nahm an weiteren Lehrgängen teil und durfte als 16-Jähriger bereits 2013 mit zu den Weltjugendspielen nach Colorado (USA) reisen.

"Der Reiz ist dann immer stärker für mich gekommen", sagt Oliver Hörauf, für den sich von da an die Ereignisse fast überschlugen. Mit 17 Lenzen wurde er bereits in den Auswahlkader der Männer aufgenommen und für die WM in Espoo (Finnland) nominiert. "Das erste Spiel, in dem ich eingesetzt wurde, haben wir zwar gegen die USA mit 5:8 verloren. Aber ich konnte vier der fünf Tore erzielen", berichtet er. Seitdem ist er eine wichtige Stütze im Team, spielte 2015 die World Games, die EM und erneut die Junioren-WM, bei der er mit Gold seinen bisher wertvollsten Erfolg feierte.

Doch nun folgen die Paralympics als das Topereignis. Entsprechend der Nominierungsvorgaben hing der endgültige Startplatz vom Ausgang der Asienmeisterschaft ab. "Es war ein wunderbarer Schock, als ich nach der Schule von der Qualifikation unseres Teams für Rio erfuhr", denkt Oliver Hörauf, der einen Fachabiturkurs im Bereich Sozialwesen absolviert, besonders gern an den 12. November 2015 zurück. Die Gewissheit, dass er auch zum auserwählten Sextett gehört, steigerte sich bei den folgenden internationalen Turnieren. Er erkämpfte sich einen Platz in der Startaufstellung. "Oliver spielt trotz seines jungen Alters bereits sehr abgeklärt und ist aus unserer Offensive momentan nicht wegzudenken. Zudem besitzt er eine hervorragende Wurftechnik", schätzt Bundestrainer Johannes Günther das Leistungsvermögen seines Meisterschülers hoch ein. Und dieser ist nunmehr derart begeistert, dass er sich keinen besseren Sport mehr vorstellen kann: "So lange es geht, will ich spielen."

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