OSP-Leiter: "Gefährliche Signale für den Nachwuchs"

Thomas Weise, Leiter des Olympiastützpunktes Chemnitz-Dresden, sieht bei Leistungssportreform Konzentration auf Topathleten kritisch

Chemnitz.

Die European Championships, die ab Mittwoch in sieben Sportarten an zwei Austragungsorten - Berlin, Glasgow - stattfinden, gelten als sportlicher Höhepunkt in diesem Sommer. Ein Anlass, um auch den aktuellen Stand der geplanten Veränderungen im deutschen Spitzensport näher zu beleuchten. Thomas Weise arbeitet seit 2005 als Leiter des Olympiastützpunktes Chemnitz-Dresden (OSP). Mit dem 62-Jährigen sprach Martina Martin.

Freie Presse: Was trauen Sie den Teilnehmern aus Ihrem Betreuungsbereich bei diesen Europameisterschaften zu?

Thomas Weise: Ich hoffe natürlich schon, dass unsere Asse einige Spitzenplätze erkämpfen. Es sind ja bei den sieben Leichtathleten, drei Wasserspringern sowie jeweils zwei Startern im Turnen und im Bahnradsport vor allem gestandene Athleten, die schon überragende Erfolge aufweisen können, dabei. Da darf man schon einiges erwarten.

Werden Sie Wettkämpfe live verfolgen können?

Zu einigen Entscheidungen der Leichtathleten fahre ich nach Berlin.

Mit den Leichtathleten Marvin Schlegel und Sebastian Hendel konnten sich nur zwei Athleten der jüngeren Generation für den Saisonhöhepunkt qualifizieren. Sehen Sie darin ein aktuelles Problem oder eine Tendenz?

Derzeit besitzen wir in vielen Sportarten - ob Sommer oder Winter - noch ein sehr gutes Potenzial. Aber die Athleten, die jetzt an der Spitze stehen, planen höchstens noch bis zu den Olympischen Spielen 2020 oder 2022. Dann hört ein Großteil von ihnen auf. Sicher gibt es neue Hoffnungen. Aber mit Blick in die weitere Zukunft fallen mir da nicht so viele Sportler ein, obwohl es von unseren Trainern und Vereinen enorme Bemühungen gibt. Aber einige geplante Veränderungen werden sich negativ auswirken.

Welche Dinge meinen Sie damit konkret?

In der neuen Leistungssportreform ist unter anderem vorgesehen, dass die Spitzenathleten mehr finanzielle Hilfe erhalten als bisher. Hingegen wird beim Nachwuchs die Unterstützung stark eingeschränkt. Das ist für mich die völlig falsche Herangehensweise, ein gefährliches Signal. Das Geld fehlt zum Beispiel für die Teilnahme an gemeinsamen Trainingslehrgängen mit den Assen, von denen die Talente profitieren.

Auch für den Außenstehenden eine nicht nachvollziehbare Festlegung. Wie soll dieses Problem gelöst werden?

Das ist schwierig und Leistungssport zu betreiben, nicht billig. Die Eltern, die Vereine sind da noch stärker gefragt. Sponsoren zu finden, ist kompliziert. Vom Skiverband weiß ich, dass die am besten geförderten Athleten einen Anteil dem Nachwuchs zur Verfügung stellen.

Nach ersten Aufregern zum Beschluss der Spitzensportreform im deutschen Sport Ende 2016 ist nicht mehr viel an die Öffentlichkeit gedrungen. Was können Sie zum aktuellen Stand sagen?

In den Prozess sind wir als OSP nicht direkt eingebunden. Festgelegt wurde inzwischen, dass sich die Analyse der Sommersportarten auf die Zeit nach Olympia 2020 verschiebt. Dafür haben wir vor wenigen Tagen die offizielle Bestätigung der Bundesstützpunkte erhalten. Neu ist dabei, dass diese sogar bis einschließlich 2024, also länger als bisher, erfolgte. Das bringt auch mehr Planungssicherheit.

Mussten dabei Abstriche in Kauf genommen werden?

Obwohl bundesweit eine Reduzierung stattfand, betrifft das in unserem Bereich nur die Leichtathletik in Dresden und Mountainbike in Altenberg. Im Turnen fällt die bisherige Trennung zwischen weiblich und männlich weg. Dazu existieren weiterhin die Bundesstützpunkte für Rudern, Wasserspringen und Volleyball (weiblich) in Dresden, für Leichtathletik und Gewichtheben in Chemnitz. Und erstmals gehört auch der Bahnradsport dazu. Im Radsport gab es bisher dieses Stützpunktsystem nicht. Dem Antrag wurde stattgegeben, weil die Kriterien erfüllt sind.

Was ist für eine Anerkennung vor allem ausschlaggebend?

Da spielen die Zahl der Kaderathleten, die anvisierten Leistungsentwicklungen der Jüngeren genauso eine Rolle wie die Bedingungen im Umfeld. Diese sind ja bei uns mit der Nähe von Eliteschulen, Internat und Sportstätten optimal gegeben. Es stehen dann wiederum mehr Mittel für die Trainerfinanzierung zur Verfügung. Für die Sportstätten gibt es Zuschüsse, bei Baumaßnahmen besitzen Bundesstützpunkte in den Kommunen Vorrang. Ein großes Problem ist derzeit jedoch, dass uns und damit ebenso den Fachverbänden, obwohl schon August ist, kein bestätigter Haushalt für das Jahr 2018 vorliegt. Das gab es noch nie.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Wir bekommen nur vorläufige Bewilligungsbescheide, können keine Neuanschaffungen für die Betreuung realisieren. Um auf dem neuesten Stand zu bleiben, sind bestimmte Dinge aus Sicht der Trainingswissenschaft oder der Medizin notwendig. Auch ist weiter unklar, wie die Zuwendungen auf Bund und Länder verteilt werden.

Für die Reform sollten laut DOSB die Wintersportverbände schon seit März auf dem Prüfstand über das Potenzialanalysesystem (PotAS) stehen. Liegen Ihnen bereits Ergebnisse vor?

Das passiert wohl jetzt im August. Danach folgen bis November weitere Strukturgespräche. Bei den Wintersportverbänden liegen wir im Zeitrahmen. Ziel ist die Anerkennung der Stützpunkte bis Ende des Jahres. Die finanziellen Auswirkungen zum Beispiel bei der Trainingsstättenförderung sollen ab 2019 spürbar sein. Ich weiß nur, dass es für die Verbände ein Wahnsinnsaufwand war, diese PotAS-Fragebögen zu beantworten. Dazu kommt die enorme Bürokratie durch die neue Bezeichnung der Kader für alle Vertragswerke mit anderen Einrichtungen wie Hochschulen, Bundeswehr oder Bundespolizei. Bei uns blieb die Kaderanzahl weitestgehend stabil.

Eine Forderung ist, dass es in jedem Bundesland nur noch einen OSP geben soll. Wie ist die aktuelle Situation in Sachsen?

Wir haben gemeinsam mit dem OSP Leipzig ein Konzept über die künftige Struktur erstellt. Entscheidend wird sein, dass wir nur noch unter einem Trägerverein arbeiten. Dabei sind wir uns einig, dass wir alle Standorte und Arbeitsplätze erhalten müssen, um auch weiterhin eine qualitativ hochwertige Betreuung zu gewährleisten. Erste Absprachen fanden mit dem BMI und dem DOSB statt. Eine Realisierung wird es im Laufe des Jahres 2019 geben.

Zu den publizierten Hauptpunkten gehört, die Rolle des Trainers aufzuwerten. Hat sich bei diesem Thema inzwischen etwas getan?

Von zentraler Seite kaum. Es wurde gerade mal ein Profil für den Beruf erstellt. Aber sonst wurde nichts bekannt, um das Image zu stärken, den Job, vor allem finanziell, lukrativer zu gestalten. Nach wie vor verdient ein Grundschullehrer mehr. Wechsel sind üblich, zumal die Möglichkeiten mit den Quereinsteigern forciert werden. Wir spüren das auch bei Ausschreibungen, da ist die Resonanz mäßig. Was nach wie vor fehlt, ist auch das Angebot einer entsprechenden Hochschulausbildung. In unserem Bereich sind wir derzeit sehr gut aufgestellt, die überwiegend sehr erfahrenen Trainer erhielten unbefristete Verträge. Aber auch bei uns steht in den nächsten Jahren ein schwieriger Umbruch bevor.

Zur Leistungssportreform insgesamt: Wie sehen Sie die Erfolgsaussichten?

Ich bin zwar normalerweise ein Optimist. Allgemeines Ziel ist ja, dass Deutschland international im Ländervergleich wieder konkurrenzfähiger werden soll. Nach dem bisherigen Verlauf der Reform sehe ich momentan keine Verbesserungen, die der Leistungsentwicklung der Athleten dienen. Ich bin eher skeptisch.

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