Rad-Asse auf historischen Straßen

Der Sachsenring springt als Gastgeber für die nationalen Meisterschaften ein - Für die Besten ist es der letzte Test vor der Tour de France

Hohenstein-Ernstthal.

Am 30. Juni gehen am Sachsenring die Deutschen Meisterschaften im Straßenradsport über die Bühne. Nach den Titelkämpfen 2017 in Chemnitz können die Fans erneut die besten Asse des Landes live erleben - und dies eine Woche bevor die weltbesten Motorradpiloten den legendären Kurs in Beschlag nehmen. "Freie Presse" beantwortet wichtige Fragen zur Meisterschaft.

Wie kam es dazu, dass Sachsen bei zwei von drei Meisterschaften innerhalb der letzten zwei Jahre Gastgeber sein darf?

Bewerben kann sich jeder Verein oder Landesverband beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR), der Veranstalter ist und die Titelkämpfe vergibt. Für das Jahr 2019 hatte sich ursprünglich das Deutsche Eck (Koblenz) beworben. Doch wegen behördlicher Probleme bei der Streckengenehmigung sagte der Ort am Rhein ab. Hintergrund sind auch die steigenden Kosten für Straßensperrungen. BDR-Präsident Rudolf Scharping mahnte: "Wir müssen die Aufmerksamkeit nutzen, um mit der Politik in den Ländern und Kommunen über Lösungen zu reden, wie man Straßenradsport künftig noch organisieren kann. Als fahrradfreundliche Städte bezeichnen sich in Deutschland immer mehr Kommunen. Dann sollte man dort auch bereit sein, vor allem sonntags einmal im Jahr einige Straßen für ein Radrennen kostenfrei abzusperren."

Wie ist der BDR auf den Sachsenring gekommen?

Per Internetrecherche stieß der Verband darauf, dass der Kurs eine Woche vor dem Motorrad-Grand-Prix noch frei ist. Daraufhin hat der BDR Kontakt zu Dietmar Lohr aufgenommen. Der langjährige Radsportfunktionär aus Chemnitz organisiert seit 16 Jahren zweimal im Jahr (Ostersamstag und Ende August) Radrennen auf dem Ring. Nach Gesprächen mit dem ADAC, der Stadt Hohenstein-Ernstthal und der Sachsenring-Event-GmbH konnte die Peinlichkeit verhindert werden, dass erstmals eine Deutsche Radmeisterschaft im Ausland stattfindet. Der BDR tritt als Meisterschaftsausrichter auf. So tragen Lohr und sein Team auch kein finanzielles Risiko für die Veranstaltung.

Warum finden nur die Einer-Straßenrennen am Sonntag und keine Einzelzeitfahren statt?

Dass liegt laut Dietmar Lohr daran, dass es keine behördliche Genehmigung dafür gegeben hätte, drei Tage die Straßen rund um den Sachsenring zu sperren. Deshalb weicht der BDR mit den Zeitfahrwettbewerben nach Spremberg (28. Juni) aus. Die Straßeneinzelrennen steigen beide am Sonntag, die Frauen starten bereits 8 Uhr, ab 11.30 Uhr nehmen die Herren um Titelverteidiger Pascal Ackermann (Bora-hansgrohe) den Kurs unter die Räder.

Welche Runde wird gefahren?

Abgesegnet ist der Kurs von der Straßenverkehrsbehörde noch nicht. In den Planungen sind einige Parameter aber fest verankert, so die Länge von 12,9 Kilometern pro Runde, die 8-mal von den Damen (103,2 km) und 14-mal von den Herren (180,5 km) bewältigt werden muss. Gestartet wird auf der Start-Ziel-Geraden am Sachsenring-Turm rund 100 Meter vor Eingang der Omega-Kurve, und zwar in dieselbe Richtung wie die Motorradpiloten. Nach ca. 2,5 Kilometern auf dem GP-Kurs verlassen die Rad-Asse selbigen und strampeln auf der Strecke des alten Sachsenrings weiter. Die 433 Meter hohe Erhebung des Badberges müssen die Fahrer in zwei Richtungen, nämlich auf dem Hin- und dem Rückweg, erklimmen. Eine geschlossene Runde zu fahren, war nicht möglich. Dietmar Lohr: "Wir können die Bundesstraße 180 nicht nutzen, weil sie die Umleitungsstraße bei einer möglichen Autobahnsperrung ist. Und eine Alternative über die Talstraße ist an Bauarbeiten gescheitert." So führt der Kurs nach dem Badberg auf die Parallelstraße an der Autobahn zur Baumschule (Verpflegung) bis hin zu einer Wendeschleife (Hockenheimer Str.), bevor es dieselbe Straße (Am Sachsenring/S 245) wieder zurück in Richtung GP-Kurs zum Ziel (an der Startlinie) geht.

Kommt der Kurs Kletterspezialisten oder Sprintern entgegen?

Schwer zu sagen. Ex-Radprofi Jürgen Werner spricht von einer schweren Aufgabe. Selbst Straßenradikone Wolfgang Lötzsch nannte den Kurs "sehr sportlich", was auch der zuständige BDR-Vizepräsident Günter Schabel, der früher selbst Rennen gefahren ist, bestätigte. Pro Runde sind 183 Höhenmeter zu bewältigen. In der Gesamtdistanz bedeutet das für die Männer 2563 Höhenmeter. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren in Chemnitz waren es mit knapp über 2600 Höhenmetern kaum mehr. Damals setzte sich Lokalheld Marcus Burghardt, ein Klassikerspezialist, durch.

Müssen Zuschauer im Start-Ziel-Bereich Tickets kaufen?

Nein, es wird keine Eintrittskarten geben, nur einen Einlassbereich nahe des ADAC-Turms. Im Start-Ziel-Gelände können die Fans die Sportler hautnah erleben.

Werden die Veranstaltungen der Radsportler und der Motorradpiloten voneinander profitieren?

Der eine Woche später stattfindende Motorrad-Grand-Prix ganz sicher, denn das Radsportevent bietet eine gute Chance, noch einmal die Werbetrommel zu rühren. Dass die Radsportler von der bestehenden Infrastruktur profitieren, ist logisch. Die vorhandenen Zuschauertribünen spielen keine tragende Rolle. Denn Radsportfans wollen so nah wie möglich an den Pedaleuren dran sein. Mitfavorit Maximilian Schachmann freut sich auf viele begeisterte Fans wie vor zwei Jahren in Chemnitz und besonders auf den geschichtsträchtigen Kurs, der Emotionen garantiert. "Es sind zwar nicht die hochkarätigen Radrennen, die wir zweimal im Jahr am Sachsenring veranstalten. Aber an der starken Gestik der Sieger kann man doch ablesen, dass sie wissen, wo sie gerade triumphiert haben", so Lohr.

Kommt "Täve" als Ehrengast?

Die älteren Fans reden noch heute von der Straßenrad-WM 1960, als 150.000 Menschen den Husarenritt von "Täve" Schur, der eine Einladung für die nationalen Titelkämpfe erhalten wird, und dem bereits verstorbenen Weltmeister Bernd Eckstein bejubelten. Dietmar Lohr hat errechnet, dass die Deutsche Meisterschaft das 70. Straßenradrennen auf dem Sachsenring wird. Und dieses soll eine Woche vor der Tour de France zu einem Fest werden. 

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