Räder stehen still, alle bangen um die Tour

Die negativen Folgen der Coronakrise sind im Profiradsport noch nicht absehbar, halten sich derzeit aber noch in Grenzen. Die Branche hofft, dass die Tour de France 2020 stattfinden kann - zur Not auch im September.

Chemnitz.

Ganze vier Autos hat Radprofi Marcus Burghardt Anfang der Woche bei seiner anderthalbstündigen Trainingsausfahrt gezählt. Weit weg von zu Hause sollte er sich aufgrund der Vorschriften in der Coronakrise in seinem bayerischen Wohnort Samerberg nicht mehr bewegen. Und seit dieser Woche darf er auch nur noch allein oder mit seiner Frau gemeinsam in die Pedale treten. Andere Trainingspartner an seiner Seite sind untersagt. "Mit Maria fahre ich mal lieber nicht, da gibt's nur unnötig noch eine Familienkrise", meint der gebürtige Zschopauer und lacht.

Den Humor hat der 36-Jährige noch nicht verloren. Seit 20 Jahren als Radprofi erlebt Burghardt sein erstes Frühjahr daheim. Ungewohnt fühlt sich das an, denn die Klassiker in dieser Jahreszeit sind sein Metier. Als Edelhelfer im Rennstall Bora-hansgrohe genießt er u. a. bei Kapitän und Ex-Weltmeister Peter Sagan hohe Wertschätzung. Kommende Woche Sonntag stand die Flandern-Rundfahrt auf dem Plan. Doch die "Ronde" wurde wie alle Klassiker und Rundfahrten, die bis Anfang Mai stattfinden sollten, verschoben. Tirreno - Adriatico, Mailand - Sanremo, Paris - Roubaix, das Amstel-Gold-Race, Eschborn - Frankfurt oder der Giro d'Italia mit Start in Budapest fallen in diese Kategorie mit einem möglichen Nachholtermin. Die meisten kleineren Rennen wurden dagegen gleich abgesagt. Der Kalender ist im geplanten Umfang nicht zu halten, auch wenn der Weltverband UCI die Saison bereits offiziell bis November verlängerte.

Der Kalender im Profiradsport könnte also wie in anderen Sommersportarten auch im Herbst aus allen Nähten platzen. Existenziell aber verhält es sich mit den Radprofis, zumindest in den großen Teams, etwas anders als bei den Kollegen im Fußball. Die Rennställe hängen nicht direkt am Tropf der TV-Sender und generieren auch keine Ticketeinnahmen in Größenordnungen. Burghardt und Co. präsentieren aber während der Rennen die Sponsoren. Und dass sich potente Geldgeber auf der Kleidung finden, hat natürlich mit der Fernsehpräsenz zu tun. So ruhen die Hoffnungen vor allem auf dem jährlichen Saisonhighlight. Die Tour de France soll geplant am 27. Juni in Nizza starten. Dass ein lokaler Produzent von Kichererbsen-Chips die Rechte als offizieller Förderer des Grand Depart in Frankreichs Hafenstadt erworben hat, kann in diesem Zusammenhang wohl nur Zufall sein.

Ralph Denk, der Teamchef des Bora-Rennstalls, konnte seine Sponsoren bereits mit fünf Saisonsiegen erfreuen. Der Erfolg von Maximilian Schachmann bei Paris - Nizza Anfang März (mit Helfer Burghardt im Team) wurde medial gut wahrgenommen. Doch mit der Aufmerksamkeit von Etappensiegen bei der Tour ist das nicht vergleichbar. Die Frankreich-Schleife bildet das Herzstück des Radsports. "Ich denke, dass eine Verlegung der Tour bis September möglich wäre", dachte Ralph Denk im Internetportal "radsport-news.com" schon mal laut nach. Der Manager weiß aber auch: Das Wohl und Wehe der Sportart hängt nicht nur von einem, wenn auch dem wichtigsten Rennen ab. "Wenn der Absatz bei Sponsoren einbricht, könnte es eine neue Situation geben", vermutet Denk. Heißt: Kommen Unternehmen wirtschaftlich ins Schlingern, wird oft zunächst das Marketing gekürzt, nicht selten trifft es das Sportsponsoring.

Doch so weit ist es zumindest bei den World-Tour-Rennställen noch nicht. Deshalb herrscht das Prinzip Hoffnung, für Marcus Burghardt sowieso. Die Olympia-Verlegung berührt den Edelhelfer persönlich weniger, denn für den extremen Bergkurs in Tokio hatte er ohnehin keine Ambitionen. Und solange er momentan das Training noch im Freien ausüben darf, hat er es immer noch besser abgefasst als Teamkollege Patrick Gamper. Er wohnt 30 Kilometer Luftlinie entfernt in Österreich, darf das Haus aber nicht verlassen und strampelt deshalb täglich auf der Terrasse auf der Rolle. Das wird auf Dauer doppelt ermüdend. Es sei denn, es dringen auch mal so schöne Nachrichten durch, die auch in diesen Tagen geschrieben werden - sogar im Radsport. Elise Chabbey nämlich, die Schweizerin vom Team Bigla Katusha, hatte im Vorjahr ihr Medizinstudium abgeschlossen und wollte sich in dieser Saison nur noch dem Profiradsport widmen. Doch die Coronapandemie hat sie veranlasst, nun doch erst einmal in ihrem Beruf zu arbeiten. An der Uni in Genf hilft die 26-Jährige als medizinische Praktikantin, wo immer es nötig ist. Scheint also was dran zu sein an der These, dass einem beim Radeln gute Gedanken kommen.


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