Ralf Paliks perfektes Wochenende

Eine fast hundertprozentige Ausbeute: Sechs von sieben möglichen Titeln bei den Rodel-Weltmeisterschaften am Königssee holten deutsche Athleten. Und auch zwei Erzgebirger mischten in der Weltspitze mit.

Königssee.

Am Ende war es dann doch so: Heimvorteil gleich Goldmedaille. Die Trainingsgruppe "Sonnenschein" räumte bei den Titelkämpfen im Berchtesgadener Land so richtig ab. Sechs Goldmedaillen fuhren die Bayern in den vergangenen drei Tagen ein, und auch die siebente gehört zur Hälfte dazu: Die Schweizerin Martina Kocher, die am Freitag den Sprint gewann und am Samstag Zweite wurde, trainiert die meiste Zeit des Jahres mit den deutschen Damen, ist eine gute Freundin von Natalie Geisenberger.

Den euphorischsten Jubel aller Rodler legte gestern aber Ralf Palik hin. Als Vorletzter war er in den zweiten Lauf gestartet, im Ziel blinkte die Eins auf, nach Sprintbronze war im Herreneinzel für den 25-Jährigen die Silbermedaille im Sack. "Da bin ich wirklich ausgerastet", gab er schmunzelnd zu. Entspannt klatschte der Oberwiesenthaler schließlich Beifall, als nach ihm der souveräne Felix Loch als Sieger ankam. "Ein perfektes Wochenende, der bisher schönte Tag in meinem Rodlerleben", strahlte der Vizeweltmeister. "Ich war heute wirklich ganz gelassen und ruhig. Aber am Abend wird gefeiert." Auch darüber, dass der Abstand zum nun fünffachen Einzel-Weltmeister Felix Loch mit 0,423 Sekunden am Ende gar nicht so riesengroß ausfiel, freute sich der Erzgebirger. Von Bundestrainer Norbert Loch gab es ein Sonderlob: "Ich freue mich sehr für Ralf. Er hat ja bei den Rennen zur Deutschen Meisterschaft und zur Weltcupqualifikation schon gezeigt, dass ihm die Bahn sehr liegt. Das hat er bestätigt." Die Feierlichkeiten daheim müssen warten. Heute geht es für Palik wie auch die anderen deutschen Rodel-Asse per Flieger von München schon weiter nach Sotschi, wo am kommenden Wochenende der nächste Weltcup auf dem Programm steht. Und auch da hat Ralf Palik nach dem dritten Platz zuletzt in Oberhof noch einiges vor.

Wie bei den Herren siegte auch bei den Damen mit Natalie Geisenberger die Favoritin. Die 27-jährige Miesbacherin stand bei ihrer Heim-WM gehörig unter Druck. Alle erwarteten nun auch den WM-Titel von der Olympiasiegerin, die wusste, wie eng das Feld beieinander liegt. Groß war am Samstag die Erleichterung im Ziel, als die Eins vor ihrem Namen aufblinkte. Gut zwei Zehntel Vorsprung auf Martina Kocher und die drittplatzierte Russin Tatjana Iwanowa brachte Geisenberger ins Ziel und gestand nach dem Jubel: "Der Druck war groß. Jetzt bin ich total erleichtert."

Total frustriert war hingegen Tatjana Hüfner. Die Thüringerin, die seit 2007 bei jeder WM eine Medaille gewonnen hatte, wurde diesmal um ein winziges Tausendstel geschlagen nur Vierte, fiel im zweiten Lauf noch vom Silber- auf den Blechrang zurück. Mit einem kleinen Wackler, aber - anders als Dajana Eitberger - ohne groben Schnitzer. Der Schlitten der 32-Jährigen lief am Königssee einfach nicht. Die Materialdiskussion innerhalb des deutschen Teams, vor Jahresfrist und bei den Winterspielen in Sotschi sehr heftig geführt, dürfte neue Nahrung erhalten. Zum Gold gehört ein Hackl-Schlitten. Der dreimalige Olympiasieger zeichnet auch für die Sportgeräte von Felix Loch sowie Tobias Wendl und Tobias Arlt verantwortlich. Das Berchtesgadener Doppel erwischte einen Sahne-Samstag, fuhr im ersten Durchgang einen fantastischen Bahnrekord, im zweiten souverän den dritten Weltmeistertitel in Serie ein. "Wir waren einfach gut drauf", freute sich Arlt. "Wir haben hier bei der Weltmeisterschaft 1999 als junge Buben in der Zielkurve gestanden und von diesem Tag geträumt. Jetzt ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Das kommt gleich hinter Olympiagold."

Toni Eggert und Sascha Benecken rehabilitierten sich für ihren Fauxpas vom Freitag (da war das Duo wegen eines 200 Gramm zu schweren Schlittens disqualifiziert worden) mit WM-Silber. Der Abstand zu den Weltmeistern war gewaltig, trotzdem hatte Toni Eggert Freudentränen in den Augen: "Ich habe eine der härtesten Nächte meines Lebens hinter mir, hatte unheimlich mit meinen Gefühlen zu kämpfen und bin jetzt drei Kilo leichter. Für uns ist diese Silbermedaille Gold wert. Mehr war einfach nicht drin. Die Tobis sind weit weg, auf dieser Bahn einfach nicht zu schlagen. Aber wir werden weiter hart an uns arbeiten. Irgendwann wollen wir selbst einmal ganz oben stehen."

 Ein Stern namens Julia

 19-jährige Annabergerin wird U-23-Champion und ist in der Weltspitze angekommen

"Ich bin total happy. Besser kann's nicht laufen. Ich habe mir so etwas insgeheim erhofft, aber niemals damit gerechnet." Julia Taubitz ist in der Weltspitze angekommen. Gleich bei ihrer ersten Weltmeisterschaft spielte die 19-Jährige ganz vorn im Konzert der Großen mit: Nach Platz sechs im Sprint am Freitag wurde die Annabergerin am Samstag auch Sechste im eigentlichen WM-Rennen der Damen. Und damit gleichzeitig U-23-Champion.

Die Startnummer 13 hat ihr mal wieder Glück gebracht. 0,006 Sekunden Vorsprung auf die Amerikanerin Summer Britcher rettete die sächsische Sportsoldatin unter dem Beifall tausender Zuschauer, darunter Mama Simone und Bruder Toni, ins Ziel. In der Gerade hatte sie einen Fehler eingebaut, das Herz war kurz in die Hose gerutscht. "Die Bande kommt immer näher, man bangt und hofft. Dann atmet man durch, wenn man unbeschadet in der nächsten Kurve angekommen ist", schildert sie später ihre Emotionen während der Fahrt und ergänzte: "Sechs Tausendstel. Ein Wimpernschlag. Wenn die Trainer sagen, dass jede Kleinigkeit wichtig ist, dann glaube ich das jetzt endgültig."

Keine Kleinigkeit ist der Abstand zu einer wie Natalie Geisenberger. "Das ist pro Lauf eine halbe Sekunde. Da fehlen mir noch viel Erfahrung und wohl auch ein paar Schnitzel." 95 Kilogramm bringt Julia Taubitz inklusive der maximal erlaubten zehn Kilogramm Blei und ihres Schlittens auf die Waage, rund 25 kg mehr die Weltmeisterin.

"Irgendwann will ich selbst ganz oben stehen. Die Motivation dafür ist jetzt noch größer geworden", sagt Julia Taubitz. "Ich werde noch mehr trainieren, muss am Start schneller werden. Aber Speckschwarten will ich eigentlich nicht haben." Am kommenden Wochenende wartet auf Julia die nächste Goldmission: In Winterberg will sie zum ersten Mal Juniorenweltmeisterin werden. (ts)

 WM-Ergebnisse

Frauen: 1. Natalie Geisenberger (Miesbach) 1:40,799 min ; 2. Martina Kocher (Schweiz) 1:41,038; 3. Tatjana Iwanowa (Russland) 1:41,055; 4. Tatjana Hüfner (Friedrichroda) 1:41,056; 5. Eliza Cauce (Lettland) 1:41,154; 6. Julia Taubitz (Oberwiesenthal) 1:41,555; 7. Summer Britcher (USA) 1:41,561; 8. Erin Hamlin (USA) 1:41,570; 20. Dajana Eitberger (Ilmenau) 1:43,089.

Männer: 1. Felix Loch (Berchtesgaden) 1:38,864 min; 2. Ralf Palik (Oberwiesenthal) 1:39,287; 3. Wolfgang Kindl (Österreich) 1:39,553; 4. Chris Mazdzer (USA) 1:39,733; 5. Andi Langenhan (Zella-Mehlis) 1:39,869; 6. Tucker West (USA) 1:40,181; 7. David Gleirscher (Österreich) 1:40,224; 8. Semen Pawlitschenko (Russland) 1:40,229, 11. Johannes Ludwig (Oberhof) 1:40,299.

Doppelsitzer: 1. Wendl/Tobias Arlt (Berchtesgaden/Königssee) 1:38,975 ; 2. Eggert/Benecken (Ilsenburg/Suhl) 1:39,586; 3. Oberstolz/Gruber (Italien) 1:40,728; 4. Geueke/Gamm (Winterberg); 5. Sics/Sics (Lettland) 1:40,778; 6. Bogdanow/Medwedew (Russland) 1:40,882; 7. Rieder/Rastner (Italien) 1:41,054; 8. Walker/Snith (Kanada) 1:41,155.

Teamstaffel: 1. Deutschland (Geisenberger, Loch, Wendl/Arlt) 2:44,062 min; 2. Lettland 2:45,614; 3. Kanada 2:45,907.

 "Keine Olympiamüdigkeit"

 

Gast der WM war auch Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Im Pressezentrum stellte sich der 62-Jährige den Fragen.

Freie Presse: Bei dieser Rodel-WM wurden erstmals Sprintrennen ausgetragen. Ist das auch eine Überlegung für Olympia wert?

Thomas Bach: Ich freue mich, dass der Rodelverband neue Formate entwickelt. Vor allem bei jungen Leuten kommen schnelle, kurze Wettbewerbe gut an. Es gibt eine hohe Leistungsdichte, das Ganze ist spannend. Wir werden sorgfältig beobachten, wie sich der Sprint bei Weltcups und Weltmeisterschaften weiter entwickelt, solche Rennen dann eventuell bei Olympischen Jugendspielen ausprobieren. Aber ich freue mich sehr, dass der Sprint hier im Mekka des Rodelsports so gut aufgenommen wurde.

Nachdem zwei Münchner Bewerbungen gescheitert sind - wird dieses "Rodel-Mekka" irgendwann auch Olympische Spiele erleben?

Ich hoffe natürlich sehr, dass auch in Deutschland weiter über die Austragung Olympischer Spiele nachgedacht wird. In unserem Land gibt es nach wie vor eine große Begeisterung für den Sport. Man muss freilich den richtigen Zeitpunkt abwarten.

Für Hamburg war es der falsche Zeitpunkt?

Das Nein der Hamburger Bevölkerung hatte nichts mit einer Antipathie gegen den Sport zu tun. Die Themen Finanzierung, DFB und Fifa-Skandal, Flüchtlingskrise und Paris-Attentate haben die Abstimmung geprägt. Die zwei großen Lebenslügen des Sports heißen: Sport hat nichts mit Geld, und Sport hat nichts mit Politik zu tun.

Gibt es eine Olympiamüdigkeit in der Welt?

Das Beispiel Rio de Janeiro zeigt das Gegenteil. Brasilien hat wirtschaftliche Probleme, Olympia wird aber als Teil der Lösung, nicht als Problem begriffen. Die positiven Effekte für die Entwicklung des Landes und der Infastruktur stehen im Vordergrund.

Die nächsten beiden Winterspiele finden in Asien statt. Gibt es in Europa kein Interesse mehr?

In Norwegen wird eine Kandidatur für 2026 vorbereitet, in der Schweiz denken gleich drei verschiedene Regionen über eine Bewerbung nach.

Und welche deutsche Stadt oder Region sollte es - für Sommer oder Winter - als nächste versuchen?

Das ist Sache des DOSB. Da halte ich mich raus. Zu meiner Zeit als DOSB-Präsident hätte ich mir dazu Ratschläge vom IOC auch verbeten. (ts)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...