Regionalligareform vor dem Scheitern

Der Nordosten will seine eigene Liga behalten/NOFV-Chef Bugar begrüßt den Beschluss/Drittligisten knirschen mit den Zähnen

Chemnitz.

Die geplante Reform der Fußball-Regionalliga sorgt seit mehr als einem Jahr für Unmut in der Republik. Am Dienstag beschäftigten sich Vertreter der Drittligisten sowie der Regionalligavereine aus dem Norden, Nordosten und Bayern auf einem gemeinsamen Treffen in Landsberg/Peißen in Sachsen-Anhalt mit dem Thema. Das Ergebnis: Alles soll so bleiben, wie es momentan ist. "Freie Presse" beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie gliedert sich die Regionalliga derzeit?

Seit der Einführung der 3. Liga zur Saison 2008/09 ist die Regionalliga die vierthöchste Spielklasse im deutschen Fußball. Zunächst wurde in drei Staffeln gespielt, seit 2012 in fünf: Nord, Nordost, West, Südwest und Bayern.

Wie sieht die Aufstiegsregelung aus?

Bis zum Ende der vergangenen Saison gab es drei Aufsteiger, die in Playoffspielen zwischen den fünf Staffelsiegern und dem Zweiten aus dem Südwesten ermittelt wurden. Weil dadurch jedes Jahr mindestens zwei Staffelsieger nicht aufsteigen konnten, forderten die Regionalligavereine eine Reform. Der DFB beschloss deshalb auf seinem Bundestag 2017, die Anzahl der Regionalligen perspektivisch auf vier zu reduzieren. Um künftig allen Staffelsiegern den Aufstieg zu garantieren, soll gleichzeitig die Anzahl der Drittligaabsteiger von drei auf vier erhöht werden. Dies gilt als Übergangslösung bereits für diese und die nächste Saison, in der jeweils drei Staffelerste aus der Regionalliga direkt aufsteigen und die übrigen zwei in Hin- und Rückspielen den vierten Aufsteiger ermitteln.

Was sollte sich ändern?

"Alle Meister müssen aufsteigen" - das war der ursprüngliche Hauptgedanke der beabsichtigten Reform. Das erscheint nun nicht mehr so wichtig. Auf ihrem Spitzentreffen in Landsberg lehnten die Vertreter der Dritt- und Viertligavereine aus dem Norden, dem Nordosten und Bayern eine Zerschlagung der Nordoststaffel mit deutlicher Mehrheit ab. Damit bekommt der Plan einer Reduzierung auf vier Regionalligen auf dem DFB-Bundestag am 26. und 27. September in Frankfurt/Main vermutlich keine Mehrheit.

Woran scheitert die Reform?

Daran, dass der regionale Zusammenhalt den Clubs wichtiger ist als andere Überlegungen. "Es waren sehr intensive und sachliche Diskussionen. Aufgrund unterschiedlicher Interessen gab es auch kontroverse Meinungen", erklärte Rainer Koch, DFB-Vizepräsident und Präsident des Bayerischen Fußballverbandes. "Wir sind zu dem klaren Ergebnis gekommen, dass es schlicht nicht möglich ist, aus den Regionalligen Nord, Nordost und Bayern zwei Ligen zu bilden. Das ist wirtschaftlich nicht darstellbar, dazu sind die Distanzen zu groß, außerdem ist die regionale Identität gerade im Nordosten viel zu bedeutsam, um ihn in zwei Teile zu zerschneiden", so Koch.

Was sagt der NOFV?

Der neue Verbandspräsident Erwin Bugar hatte im Vorfeld des Treffens vehement für die Erhaltung der Nordost-Regionalliga gekämpft. Mit dem Ergebnis vom Dienstag konnte er gut leben. 47 Vereinsvertreter votierten bei vier Enthaltungen für den Fortbestand einer fünfgleisigen vierten Liga in Deutschland. "Ich spreche den Vertretern der Bayern- und der Nord-Staffel meinen Respekt aus. Sie haben sich klar zu uns bekannt. Wir haben jetzt gute Grundlagen für die weitere Arbeit geschaffen", sagte Bugar der "Magdeburger Volksstimme". Neben dem NOFV gehörten auch die kleineren Vereine zu den Gewinnern. Volkhardt Kramer, Manager des VfB Auerbach, freute sich: "Wir sind der Unterbau. Ohne uns gibt es keine Nationalmannschaft und keine Weltmeister. Wir haben so entschieden, weil Prioritäten gesetzt werden sollten. Priorität war der Erhalt der Regionalliga Nordost."

Wie sehen die Drittligisten die Sache?

Die Clubs der Dritten Liga waren in Vorleistung gegangen und hatten vor der laufenden Saison einem vierten Absteiger zugestimmt - allerdings unter der Bedingung, dass es ab der Saison 2020/21 nur noch vier Regionalligen gibt, aus denen alle Meister direkt aufsteigen. Dieses Ziel hatten die Vereine bei einem Treffen Ende Februar noch einmal bekräftigt. "Wir sind mit dem Ziel angetreten: vier Aufsteiger, vier Absteiger und vier Regionalligen. Das tritt nun nicht ein. Dann geht man nicht zufrieden aus der Runde heraus. Aber man muss sich den Realitäten stellen. Es gibt keinen Königsweg, das haben wir heute gesehen", erklärte der Chemnitzer Sven-Uwe Kühn, Sprecher der Dritten Liga im DFB-Spielausschuss.

Ist die angestrebte Regelung gerecht?

Mit dem Fortbestand einer fünfgleisigen Regionalliga akzeptierten die Clubverantwortlichen auch die Tatsache, dass die Meister der Regionalligen West und Südwest ab der Saison 2020/21 direkt aufsteigen werden, während die Erstplatzierten aus dem Norden, Nordosten und Bayern zwei Aufsteiger in einem noch zu entwickelnden Modus ermitteln müssen. Dafür votierten 35 Sitzungsteilnehmer, fünf enthielten sich, zwölf stimmten dagegen. "Das ist schlicht ungerecht", sagte Kühn. "Es kann doch nicht sein, dass der Westen und der Südwesten zwei sichere Aufsteiger haben - und wir müssen uns um die Plätze prügeln", kommentierte Chris Förster, Geschäftsführer des aktuell akut abstiegsbedrohten FC Carl Zeiss Jena, das Votum.

Was spricht für das Modell?

Da auf dem Gebiet der Regionalligen West und Südwest rund 50 Prozent aller Vereine, Mannschaften, Fußballspieler und Einwohner Deutschlands angesiedelt sind, beanspruchen sie auch die Hälfte der Aufstiegsplätze. Für diese Argumentation gibt es durchaus große Zustimmung. Der NOFV hat mit 4281Vereinen und 21.847 Mannschaften im Spielbetrieb vergleichsweise wenige.

Was spricht dagegen?

Der Aspekt des sportlichen Erfolgs. Die Vereine des NOFV setzten sich seit 2013 in fünf von sechs Aufstiegsduellen durch. RB Leipzig, Magdeburg, Zwickau, Jena und Cottbus stiegen seitdem in die Dritte Liga auf, lediglich Neustrelitz scheiterte 2014 am FSV Mainz II. Aus dem Südwesten schafften im selben Zeitraum trotz jeweils zweier Relegationsteilnehmer neben Mainz nur noch Elversberg (2013) und Großaspach (2014) den Sprung nach oben. Die Erfolgsgeschichte der Dritten Liga ist eine der Attraktivität der Traditionsclubs - vor allem der aus dem Osten.

Gibt es andere Lösungsansätze?

Eine Idee, die Nord-Regionalligist VfB Lübeck und Drittligist Energie Cottbus ins Spiel brachten, lautet: Es bleibt bei fünf Regionalligen, die Dritte Liga wird von 20 auf 22 Teams aufgestockt. Alle Viertliga-Meister steigen auf, fünf Vereine aus der Dritten Liga ab. Um die Drittligisten zu entlasten, müssten sie nicht mehr in den jeweiligen Landespokalwettbewerben antreten, um den DFB-Pokal zu erreichen, sondern würden für die erste Runde dieses Wettbewerbs gesetzt.

Braucht Fußballdeutschland diese Reform?

Ja, aber es müsste viel grundsätzlicher darüber debattiert werden. Sollen mehr Vereine an den riesigen Fleischtöpfen des Fußballs satt werden können, bräuchte es mehr Solidarität seitens der großen Clubs bzw. der DFL oder eben verbindliche Festlegungen, die nur der DFB auf den Weg bringen könnte. Denkbar wäre die Einführung einer - möglicherweise zweigeteilten - vierten Profiliga, die eine deutlichere Abgrenzung zum Amateurbereich bringt, der dann in einer nur noch fünftklassigen Regionalliga beginnt. Diese könnte auf sechs Staffeln erweitert werden, regionalen Aspekten damit noch mehr Anerkennung verschafft und eine sinnvolle Fußballpyramide aufgebaut werden, in der das Prinzip "Alle Meister steigen auf" absolut gelten würde.fp/dpa

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