Rico Rex: Chemnitz liegt mir am Herzen

Der einst erfolgreiche Paarläufer arbeitet inzwischen als Bundesnachwuchstrainer in Berlin. Sein derzeit bestes Duo darf bereits bei der EM kommende Woche starten.

Berlin.

Der eine oder andere war vielleicht überrascht, Rico Rex bei der Deutschen Meisterschaft in Oberstdorf und bei den Olympischen Jugendspielen in Lausanne als Betreuer des Chemnitzer Juniorenpaares Letizia Roscher und Luis Schuster in der "Tränenecke" zu sehen. Doch das hoffnungsvolle Paar ist nicht nach Berlin gewechselt, der Wahl-Berliner war nur eingesprungen, da Heimtrainerin Monika Scheibe aus gesundheitlichen Gründen fehlte. "Als Nachwuchsbundestrainer hat man seine Aufgabe nicht nur für den Standort wahrzunehmen, an dem man selbst arbeitet, sondern man macht das für ganz Deutschland", meint Rico Rex und fügt hinzu: "Natürlich liegt mir Chemnitz persönlich sehr am Herzen, weil es meine Heimatstadt ist. Meine Familie lebt dort. Und dass ich jetzt den Chemnitzern helfen konnte, ist natürlich auch eine Herzensangelegenheit für mich."

In Berlin ist er der Hauptcoach von Annika Hocke und Robert Kunkel, die erst seit dem vergangenen Frühjahr zusammen laufen und auf Anhieb Aufmerksamkeit erregten: Sie gewannen zwei Bronzemedaillen im Junioren-Grand-Prix und qualifizierten sich als erstes deutsches Paar überhaupt für das Finale im Dezember. Damit überraschten sie sogar ihren Trainer. "Ich habe mir zwar aus der Erfahrung heraus gedacht, dass wir uns nicht ganz hinten anstellen und dann nach vorn arbeiten müssen. Aber dass es dann gleich mit so einem guten Einstieg funktionierte, habe ich nicht erwartet", betont der 42-Jährige. "Sie sind wirklich gut angekommen - und wir alle natürlich glücklich." Im Juniorenfinale traten die Deutschen gegen fünf russische Duos an und belegten den sechsten Platz, konnten aber mit ihren Leistungen zufrieden sein. Der Coach freute sich auch darüber, die Wettkampfhalle von Turin wiederzusehen, in der er vor 13 Jahren seinen letzten Wettbewerb bestritten hatte.

Mit dem Olympiastart, gemeinsam mit Eva-Maria Fitze, ging 2006 für ihn und seine damalige Partnerin ein Traum in Erfüllung. Nur deshalb hatten er und die ehemalige Einzelläuferin (u. a. 1997: Deutsche Meisterin, EM-Siebente, WM-Zehnte) 2002 einen Neuanfang gewagt. Nach einem bösen Trainingssturz verlief damals die Vorbereitung zwar alles andere als optimal. Doch beide bissen sich durch. Sie lief beim Topereignis die Programme mit einem gebrochenen Handgelenk, er mit einem angebrochenen Steißbein. Am Ende stand dann Rang 15 zu Buche. "Wir haben Olympia einfach genossen. Es war für uns ein Superabschluss und der Lohn für all die Jahre, die wir geackert haben", wertet Rico Rex im Rückblick. Zuvor hatte der Kufenkönner, der insgesamt 17 Jahre aktiv war und ebenso die überwiegende Zeit in Chemnitz bei Monika Scheibe trainierte, bemerkenswerte Erfolge mit Silvia Dimitrov (1992 - 1997; mehrfach Starts bei EM und WM) erkämpft. Die Partnerin musste jedoch aus gesundheitlichen Gründen aufhören.

Nach seinem Karriereende 2006 legte Rico Rex nicht sofort als Trainer los, sondern brauchte einen Tapetenwechsel. Er arbeitete zwei Jahre in einer Werbe- und Modelagentur in Dresden. "Nicht als Model", sagt er und lacht. "Ich habe Marketing für regionale Firmen übernommen und auch Modenschauen organisiert. Ich brauchte einfach den Abstand. Es hat mir persönlich viel gebracht, um meinen Horizont zu erweitern", erklärt er. Aus privaten Gründen zog er schließlich nach Berlin. "Und dann bin ich Schritt für Schritt wieder dem Eislaufen verfallen. Eigentlich haben die Kinder mich zurückgeholt. Ich liebe es, mit ihnen zu arbeiten."

Er fing als Nachwuchstrainer für Einzelläufer an, half aber immer gern bei den Paaren mit. Für ihn war es ein Glücksfall, dass er 2019 auf die neue Stelle des Nachwuchsbundestrainers für Paarlauf berufen wurde. "Es ist schön, dass der Verband diese Stellen geschaffen hat. Das Paarlaufen lag mir schon immer am Herzen. Bisher war es nur am Rande möglich, dies zu unterstützen. Ich bin froh, dass ich mich jetzt hauptsächlich um das kümmern kann, was mir wichtig und wertvoll ist", meint der Olympiateilnehmer.

Nach dem Olympiasieg von Aljona Savchenko und Bruno Massot 2018 gab es Mittel für den Aufbau eines Paarlaufzentrums in Berlin. Alexander König, bis dahin Coach des Gold-Duos, wurde zum Bundestrainer ernannt. "Wir sind ein gutes Team und auf dem richtigen Weg, um wieder in die Erfolgsspur zu kommen," ist Rico Rex überzeugt. Er möchte auch die Entwicklung in Chemnitz fördern. Mit Monika Scheibe gibt es ein gutes Zusammenwirken. Über eine Unterstützung durch Ingo Steuer, ebenfalls einst sein Coach, würde er sich freuen. "Ich hoffe, dass wir die Paarlauftradition in Chemnitz fortführen können. Ich werde versuchen, so gut es geht, zu unterstützen."

Internationale Erfolge sind allerdings noch in weiter Ferne. "Um wirklich erfolgreich im Paarlauf zu sein, brauchst du die guten Einzelläufer, und da fehlt uns in Deutschland insgesamt ein bisschen die Masse", stellt Rico Rex fest. "Wenn ich die Guten alle zum Paarlauf nehme, dann gibt es niemanden mehr fürs Einzellaufen. Das ist problematisch. Aber wir bemühen uns, das über eine gewisse Langfristigkeit zu lösen. Nichtsdestotrotz müssen wir auch in unseren Nachwuchs investieren. Das ist schwierig, aber wir arbeiten daran", skizziert er die Situation. In Berlin soll ein Zentrum auch mit internationalem Flair entstehen. Aber die Trainer müssen gegen teilweise verkrustete Strukturen und engstirniges Denken ankämpfen. Nicht jeder Politiker will einsehen, dass die deutschen Läufer davon profitieren, wenn sie zusammen mit internationalen Paaren trainieren können, die dann eben auch die Infrastruktur nutzen.

Rico Rex hat seine Berufung im Trainerberuf gefunden. Ihm sagt zu, dass er im Sport weiterarbeiten, um Erfolge kämpfen kann. Sein Ehrgeiz ist dabei ungebrochen. Gleichzeitig ist ihm aber auch die soziale Komponente wichtig: "Jungen Menschen Werte zu vermitteln, die heutzutage manchmal auf der Strecke bleiben - dieses Durchhalten, an seinen Zielen arbeiten und der respektvolle Umgang miteinander." Mit seiner positiven Art kommt er an. Und er hat noch viel vor. mit mm

Service zur Europameisterschaft in Graz 

Deutsches Team:

Einzel: Nicole Schott (Oberstdorf), Paul Fentz (Berlin).

Paare: Minerva-Fabienne Hase/Nolan Seegert; Annika Hocke/Robert Kunkel (alle Berlin).

Eistanz: Katharina Müller/Tim Dieck (Dortmund).

Zeitplan:

Mittwoch (22.1.): 11.30 Uhr: Kurzprogramm (Herren); 19.15 Uhr: Kurzprogramm (Paare); Donnerstag (23.1.): 12 Uhr: Eistanz (Kurztanz); 18.30 Uhr: Kür (Herren); Freitag: 11.30 Uhr: Kurzprogramm (Damen); 19 Uhr: Kür (Paare); Sonnabend; 13.25 Uhr: Kür (Eistanz); 18.30 Uhr: Damen (Kür); Sonntag: 14. 30 Uhr: Schaulaufen.

Fernsehen:

ARD-One: Mittwoch, Donnerstag, Freitag: jeweils ab 13 live; ab 22 Uhr: Zusammenfassungen; Sonnabend, ab 14 Uhr live und ab 22 Uhr; Sonntag: ab 14.30 Uhr live. fp


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.