Robin Szolkowy: "Das Abenteuer reizt mich total"

Eiskunstlauf: Der Ex-Weltklasse-Paarläufer aus Chemnitz steht vor einer neuen beruflichen Herausforderung in den USA .

Gemeinsam mit Aljona Savchenko bestimmte Robin Szolkowy bis 2014 weltweit ein Jahrzehnt das Paarlaufniveau mit. Das Duo aus Chemnitz erkämpfte zweimal Olympiabronze, fünf Welt- sowie vier Europameistertitel. Nach Abschluss seiner Karriere wechselte der inzwischen 39-Jährige ins Trainermetier. Ab April arbeitet er in Kalifornien. Mit ihm sprach Martina Martin.

Freie Presse: Wo verfolgen Sie die aktuelle Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in Japan?

Robin Szolkowy: Dieses Mal nur aus der Ferne, denn es hat terminlich nicht gepasst. Seit Donnerstag sind wir ja erst in den USA. Ungewohnt ist es schon für mich, denn seit 2005 war ich ununterbrochen dabei, bis 2014 als Läufer, danach immer als Trainer.

Wie gestalten sich die ersten Tage in den USA?

Wir sind beim Einleben und Einrichten. Das Haus, in dem wir in Irvine wohnen, war bis auf die Küche und den Kühlschrank komplett leer. Auf der Fahrt vom Flughafen, für die wir einen Mietwagen hatten, kauften wir in einem Supermarkt erst einmal paar notwendige Sachen, eine Art Campingausrüstung. Alles andere kommt nach und nach.

Sie lebten mit Ihrer Familie in Zürich. Haben Sie dort alles komplett aufgegeben?

Was das Wohnen betrifft, ja. Wir fanden zum Glück einen Nachmieter. Es ist der französische Trainer, der wiederum meine bisherigen Aufgaben im Eislaufclub Küsnacht übernimmt. Die letzten zwei Wochen vor der Abreise haben wir schon in der Ferienwohnung meiner Schwiegereltern in den Schweizer Bergen verbracht. Das war nach den intensiven Chaos- Monaten, in denen wir alles organisatorisch auf die Reihe bringen mussten, eine etwas entspannte und schöne Zeit mit der Familie.

Was erwies sich in dieser Phase als besonders schwierig?

Vor allem die ganzen Formalitäten. Für das Arbeitsvisum musste ich ein ganzes Buch einreichen. Um das zu erhalten, war eine Menge an Dokumenten erforderlich. Schon im September habe ich angefangen, notwendige Zeugnisse, Anträge, Empfehlungsschreiben, Arbeitsnachweise, Lizenzen, auch Zeitungsbeiträge über meine Laufbahn, Fotos und vieles mehr zu organisieren und zu sammeln. Bis zur Genehmigung verging noch einmal viel Zeit.

Wie lange planen Sie, in den USA tätig zu sein?

Da möchte ich mich nicht festlegen. Das Arbeitsvisum, an das auch die Familie gekoppelt ist, gilt erst einmal für drei Jahre. Man kann das dann relativ stressfrei für ein weiteres Jahr verlängern. Ich muss ja sehen, wie sich alles entwickelt. Auf alle Fälle habe ich meine bisherigen Verbindungen nicht abgebrochen, plane beispielsweise weiterhin Trainingscamps in Europa.

Können Sie Ihr Betätigungsfeld näher beschreiben?

Im Eissportkomplex in Irvine nahe Los Angeles, der auch die Trainingsstätte des NHL-Clubs Anaheim Ducks ist und völlig neu entstand, bilde ich mit den früheren erfolgreichen USA-Paarläufern Jenni Meno und Todd Sand sowie Eistanzexpertin Christin Binder ein Trainerteam. Wir wollen Gruppen für Paar- und Einzellauf aufbauen, sind aber auch international offen aufgestellt, könnten ebenso für kurze Zeiträume die Betreuung übernehmen. Unser Konzept sieht vor, dass zu uns alle Alters- und Leistungsklassen kommen können. So sollte es möglich sein, Läufer von ihrem Beginn in der Kindheit bis zum Profi zu begleiten.

Was bewog Sie zu diesem Wechsel?

Es ist für mich sicher ein Abenteuer, aber vor allem eine total reizvolle Herausforderung. Ich habe die Möglichkeit, von Grund auf etwas aufzubauen, meine Ideen einzubringen, von Anfang an mitzuentscheiden, in welche Richtung es geht. Ich freue mich riesig auf diese Aufgaben und bin froh, dass es nun am 1. April endlich losgeht.

Gibt es schon Athleten vor Ort?

Es sind bereits Paare, beispielsweise Alexa und Chris Knierim, die auch mal kurz bei Aljona trainierten, da. Wir haben viel Werbung gemacht, übers Internet oder mit Gesprächen bei verschiedenen Meisterschaften oder Veranstaltungen. Ich denke, das wird kein Problem, auch weil die sportlichen Bedingungen und die Rundumbetreuung einfach vom Besten sind. Es existieren vier Eisbahnen unter einem Dach, wir dürfen den Kraftraum der Eishockeycracks mitnutzen. Von einem Restaurant aus können Eltern beim Training zuschauen und die Kinder im Objekt auch ihre Schulaufgaben erledigen.

War es schwer, die Familie für das Projekt zu gewinnen?

Überhaupt nicht. Mein Frau Romy, die perfekt Englisch spricht, fand das von Anfang an cool, war in alle Aktivitäten einbezogen. Und auch unser Henry, der jetzt dreieinhalb Jahre alt ist, geht gut damit um. Er versteht schon, was passiert, beschäftigt sich damit. Er hatte sein Abschiedsfest in der Kita, ist nun neugierig. Als Typ, der offen auf die Leute zugeht, wird alles passen.

Wie kam es eigentlich zu diesem Engagement?

Während meiner Zeit in Moskau, wo ich seit 2014 im Team von Trainerlegende Nina Moser tätig war, absolvierten wir im Sommer 2017 ein Paarlaufcamp in den USA. Da wurde ich erstmals angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, auch eine amerikanische Jacke zu tragen. Dann folgten Kontakte mit dem Sportdirektor des Verbandes, immer wieder Gespräche bei verschiedenen Gelegenheiten. Es war ein schleichender Prozess, den ich selbst gar nicht vorangetrieben habe. Zunächst war auch klar, dass ich meinen Vertrag in Moskau bis Olympia 2018 erfülle.

Hätten Sie auch in Russland bleiben können?

Das erledigte sich damit, dass es die Entscheidung gab, dass der russische Verband keine Trainer aus dem Ausland mehr bezahlt. Es hätte vielleicht auch Möglichkeiten über Sponsoren gegeben. Aber es erfolgte auch eine generelle Umstrukturierung im Team, sodass wir unsere Zusammenarbeit beendeten, aber in Kontakt bleiben wollen. Längerfristig war es auch für uns als Familie - schon wegen der Sprache - keine Option für die Zukunft. Ich wollte mich nach den vier Jahren aber sowieso neu orientieren.

In welche Richtungen gingen Ihre Überlegungen noch?

In der Schweiz arbeitete ich inzwischen auch als Trainer. Dort erhielt ich ebenso das Angebot, etwas aufzubauen. Aber da es im Paarlauf, in dem ich mich nun mal am besten auskenne, kaum Möglichkeiten gab, weiß ich nicht, ob ich glücklich geworden wäre. Auch habe ich über eine Rückkehr nach Chemnitz nachgedacht. Durch das Stützpunktsystem ist das kompliziert, es fehlte zudem die Sicherheit. Wir verbrachten im Sommer vier Wochen in den USA, haben uns Gegebenheiten in Colorado, Florida und Kalifornien angeschaut. Von Irvine waren wir besonders angetan. Daraufhin trafen wir unsere Entscheidung.

Sie sind noch 1. Vorsitzender des Chemnitzer Eislaufclubs, für den Sie fast 20 Jahre gestartet sind.

Das Ehrenamt muss ich aufgeben. Ich habe schon seit meinem Umzug in die Schweiz gemerkt, dass es schwierig ist, wenn man kaum noch live vor Ort ist. Trotzdem versuchte ich immer, den Verein zu unterstützen, Ideen einzubringen oder zu beraten. Natürlich bin ich auch weiterhin für die Chemnitzer erreichbar.

Seit Ihrem Karriereende betonten Sie immer, dass Sie einiges ausprobieren wollen, ehe Sie sich beruflich festlegen. Haben Sie nun Ihre Passion gefunden?

Als Trainer zu arbeiten, liegt mir am meisten, da kann ich mich entfalten, einbringen und entwickeln. Ich lernte unterschiedliche Systeme und verschiedene Facetten kennen, sammelte überall Erfahrungen. Ich habe einen guten Stand erreicht, spüre viel Anerkennung im Eiskunstlaufmetier. So stehe ich beim Weltverband ISU auf der Kandidatenliste bei der Wahl der Technischen Kommission Paarlauf. Ich würde sagen, ich bin jetzt angekommen - und trotzdem sehr gespannt auf das, was nun kommt.

Robin Szolkowy

Robin Szolkowy wurde am 14. Juli 1979 in Greifswald geboren, sein Vater stammt aus Tansania. Mit seiner Mutter zog er später nach Erfurt, wo er als Vierjähriger mit dem Eislaufen begann. Trainerin Monika Scheibe erkannte sein Potenzial als Paarläufer und animierte ihn, mit 16 Lenzen nach Chemnitz zu wechseln.

Mit Aljona Savchenko, seiner dritten Partnerin nach Johanna Otto und Claudia Rauschenbach (u. a. Deutsche Meister, Junioren-WM: 10.) bestimmte er unter Anleitung von Trainer Ingo Steuer ein Jahrzehnt die internationale Spitze. Das Paar gewann zweimal Olympiabronze (2010, 2014), ist fünfmal Welt- und viermal Europameister. Dazu kommen 18 Grand-Prix-Erfolge.

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