Rollstuhlbasketballer Rostislav Pohlmann: Eine Legende nimmt Abschied

Es ist ein besonderes Jahr für Rostislav Pohlmann. Im Juni feiert er seinen 55. Geburtstag. Seine Frau Iva wird 50. Ende Januar begingen beide ihren 30. Hochzeitstag. Sohn Ondrej wird 30, Tochter Jolana 18. Für die Familie wird der Ausnahmeathlet künftig mehr Zeit haben.

Zwickau.

Zwei Jahrzehnte lang hat er dem Bundesliga-Rollstuhlbasketball in Zwickau seinen Stempel aufgedrückt. In der kommenden Saison muss die Mannschaft ohne ihn auskommen. Rostislav Pohlmann, der über die Stationen Prag, Brünn (Tschechien), Cantù, Santo Stefano (Italien) und Salzburg (Österreich) im Jahr 2000 nach Westsachsen kam, hört auf. "Das ist mein Abschiedsjahr", betont der Tscheche. "Klar bedaure ich das. Es ist nicht einfach nach über 30 Jahren Sport."

Aber der Körper fordert seinen Tribut. Er hat Arthrose im Handgelenk, die Schulter schmerzt. "Jedes Jahr wird es schlimmer", gesteht der 54-Jährige. "Es ist anstrengend, das Tempo mitzuhalten mit den jungen Leuten. Während des Spiels muss ich mir die Kraft schon gut einteilen. Und ich brauche auch mehr Zeit zum Regenerieren." Für den Trainer des BSC Rollers Zwickau ist Pohlmann immer noch ein wichtiger Leistungsträger. "Es kann in dem Alter aber schnell passieren, dass er sich schlimm verletzt. Es ist jetzt schon grenzwertig", erklärt Marco Förster, der deshalb das Gespräch mit ihm gesucht hat. "Es ist bitter, aber irgendwann musste die Entscheidung getroffen werden. Ich habe ihm gesagt: Spiele noch eine letzte gute Saison. Es ist mir wichtig, dass er einen würdigen Abschluss hat. Das hat er jetzt definitiv, egal wie es ausgeht." Mit 217 Punkten in 15 Einsätzen ist "Rosti" zweitbester Korbjäger seiner Mannschaft hinter Kapitän Vytautas Skucas.

Der querschnittsgelähmte Sportler, der am 18. Februar vor 35 Jahren beim Rodeln verunglückte, will kein Wasserträger sein oder nur Kurzeinsätze haben, sondern auf einem ordentlichen Level abtreten, damit die Fans ihn in guter Erinnerung behalten. "Ich hätte niemals gedacht, dass ich so lange hierbleiben würde. Anfangs hatte ich mit drei, vier Jahren gerechnet", erinnert sich Pohlmann. Inzwischen sind es 20. Er war an allen großen Erfolgen des Vereins beteiligt: je zweimal Deutscher Meister und Pokalsieger und zweifacher Gewinner des André-Vergauwen-Cups, vergleichbar mit dem Uefa-Pokal im Fußball. "Wir haben zusammen viel erreicht, aber es ist uns leider nie gelungen, den Champions-Cup zu gewinnen. Vor zehn Jahren waren wir ganz dicht dran." 2009 musste sich Zwickau im Endspiel Galatasaray Istanbul nach großem Kampf geschlagen geben. Während etliche seiner ehemaligen Mitstreiter zu Klubs gewechselt sind, die stärker sind und besser bezahlen, hat Pohlmann nie mit dem Gedanken gespielt, woanders anzuheuern. "Allein von einem Klub zum anderen durch Europa zu tingeln wäre nichts für mich. In Zwickau habe ich mich immer wohlgefühlt, das ist wie eine große Familie - von den Spielern über die Betreuer bis zum Publikum. Ich habe hier viele Freunde und Bekannte. Und es ist nicht allzu weit nach Hause."

Er hatte es nicht immer einfach. "Rosti" ist ein Typ, der stets offen sagt, wenn ihm etwas nicht passt. Mit dem damaligen Spielertrainer Piotr Luszynski hat er ein paar heftige Meinungsverschiedenheiten ausgefochten. Pohlmann hat mehrere Präsidenten, ein Insolvenzverfahren und eine Vereinsneugründung miterlebt. "Mein Vorteil war, dass ich immer hierbleiben wollte. Damit hatte ich eine feste Position im Kader", erzählt der 54-Jährige. "Die letzten drei Jahre waren die besten, was die Stimmung in der Truppe angeht." Auch wenn Zwickau in der Liga nicht mehr zur Spitze zählt.

Sein Wunsch für den Rest der Saison: "Es sind meine letzten Spiele. Die will ich genießen und ohne Verletzung beenden", betont Pohlmann. "Das wichtigste Ziel ist natürlich der Klassenerhalt. Die Qualität haben wir. Wir sind kämpferisch ungemein stark. Ich kenne nicht so viele Mannschaften, die einen 15-Punkte-Rückstand wieder aufholen. Aber es tut weh, wenn wir am Ende trotzdem mit leeren Händen dastehen."

Wir wird sein Leben ohne Rollstuhlbasketball aussehen? "Es gibt viel zu tun daheim, im Haus und im Garten. Ich werde schwimmen gehen und mit dem Handbike fahren. Wahrscheinlich mache ich auch einen Monat Kurbad." Rostislav Pohlmann hat keine Ambitionen, ein Traineramt zu übernehmen. Stattdessen wird er weiter seinem Hobby Rollstuhl-Floorball frönen. "Und vielleicht ergibt sich die Möglichkeit, irgendwo aus Spaß noch ein bisschen Basketball zu spielen."

Fünfmal bei Paralympics

Zur Person: Rostislav Pohlmann, geboren am 1. Juni 1964 in Ceský Šternberk, Kreis Benešov (CSSR); Wohnort: Litovel (Tschechien) bei Olomouc; Familienstand: verheiratet, 2 Kinder

Titel im Rollstuhlbasketball mit Zwickau: Deutscher Meister 2002 und 2009, DRS-Pokalsieger 2004 und 2008, André-Vergauwen-Cup-Gewinner 2004 und 2006, IWBF Champions Cup-Endspielteilnahme 2009

Erfolge bei Paralympics: Atlanta 1996: Silber im Speerwurf (37,98 m), Vierter im Diskuswurf (39,46 m) und Kugelstoßen (11,08 m). Sydney 2000: Silber im Speerwurf (38,49 m), Vierter im Diskuswurf (40.96 m), Fünfter im Kugelstoßen (11,39 m). Athen 2004: Gold im Diskuswurf (47,53 m/ Weltrekord) und Bronze im Speerwurf (37,91 m). Peking 2008: Bronze im Diskuswurf (45,48 m) und Speerwurf (39,85 m). London 2012 (bei Eröffnung Fahnenträger für Tschechien): Silber im Diskuswurf (46,89 m)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...