Schwedische Festspiele in Sachsen

Frauenpower aus Schweden und Norwegen kann auch ohne Star Klaebo - so lautet das Fazit beim Weltcup in Dresden. Die deutschen Skilangläufer streben derweil einen Kulturwandel an.

Dresden.

Nur beim Nachtisch hatte Stina Nilsson das Nachsehen. In der Pressekonferenz saß die Sprintsiegerin mit ihren Landsfrauen Maja Dahlqvist (2.) und der drittplatzierten Jonna Sundling entspannt im Podium. Sichtlich genoss das Trio aus Schweden die warmen Waffeln mit Kirschmarmelade. Und Nilsson kam mit dem Essen kaum hinterher, was daran lag, dass sie viel zu erzählen hatte. Nach dem vierten Weltcup-Sprinttriumph in Folge sprudelte es aus der Olympiasiegerin nur so heraus: "Die Rivalität zu Norwegen ist nach wie vor da. Ich bin richtig glücklich heute, dass wir zu dritt auf dem Podest stehen", sagte die 25-Jährige. Und ihre Laune steigerte sich am Sonntag noch, als sie mit Dahlqvist im Teamsprint erneut der Konkurrenz die Skienden zeigte.

In einem dramatischen Fotofinish setzte sich zudem Schweden II im Duell um Platz zwei vor der erneut geschlagenen Weltmeisterin Maiken Caspersen Falla aus Norwegen durch. Als Zehnte war Falla am Vortag Schnellste aus der Skination Nummer 1. Bei den Herren lief es für die Wikinger deutlich besser. Sindre Bjoernestad Skar feierte Siege im Einzel und im Team, sprang damit für Tour-de-Ski-Sieger Johannes Klaebo ein. Der Superstar hatte sich nach dem strapaziösen Etappenrennen zum Jahreswechsel eine Pause verordnet und reiste wie einige andere Topläufer nicht in Dresden an.

Insgesamt kamen weniger Zuschauer als bei der Premiere im Vorjahr, als die Arena mit jeweils 3000 Fans an beiden Tagen ausverkauft war, ans Elbufer. Die laut Veranstalter 4700 Besucher an beiden Tagen im Stadion sowie 15.000 an der Strecke sorgten aber vor der einmaligen Kulisse der Altstadt für eine gute Stimmung, die der zweitbeste deutsche Sprinter Janosch Brugger als "atemberaubend" beschrieb.

Dass die nicht gerade atemberaubenden Ergebnisse der heimischen Athleten vor dem Heimweltcup und das miese Wetter ihren Teil zur sinkenden Resonanz beitrugen, kann gut sein. In Dresden wechselten sich aus deutscher Sicht Licht und Schatten ab. Der Auftritt von Sandra Ringwald am Samstag gehörte zu den lichten Momenten. Rang sieben war nach zähem Saisonstart ein deutlicher Schritt nach vorn. "Ich hatte heute richtig Bock und auch guten Speed. Schade, dass ich im entscheidenden Moment den Turbo nicht mehr zünden konnte", schätzte Ringwald ihr bestes Saisonergebnis ein. Fast symptomatisch aber folgte am Sonntag der Dämpfer: Im Teamsprint verkantete die Schwarzwälderin ihre Ski, als sie sich für den Endspurt positionieren wollte. Durch den Sturz konnte die 28-Jährige die von Victoria Carl sehr gut erarbeitete Ausgangslage nicht in einer Finalteilnahme veredeln. "Ich wusste, es geht nur Platz eins oder zwei, sonst ist es vorbei", meinte Ringwald poetisch und traurig zugleich. Dabei erweckte die Freundin von Kombinierer Fabian Rießle in Dresden als einzige Athletin den Eindruck, dass sie auf einer langen Sprintstrecke (1,6 Kilometer) auch am Ende körperlich noch dazu in der Lage ist, das Tempo anzuziehen.

Bundestrainer Peter Schlickenrieder kennt den Nachholebedarf: "Von nix kommt nix. Das ist so. Da müssen wir arbeiten, arbeiten, arbeiten", sagte der Mann vom Schliersee und warb um Geduld mit den jüngeren Sportlerinnen. Nach den desaströsen Sprints im bisherigen Saisonverlauf sah Schlickenrieder einen Fortschritt in Sachsen, wenngleich dieser durch das verpasste Finale der Herren-Teams am Sonntag getrübt wurde. Sebastian Eisenlauer hatte im Einzel mit viel Glück durch Stürze der Konkurrenten sowie dem frühen Aus des Vorjahressieger Federico Pellegrino wegen eines unlauteren Stockeinsatzes Platz 16 belegt. Damit schrammte der beste Deutsche an einer halben WM-Norm vorbei. Bei den Damen haben neben Ringwald die in Dresden pausierende Katharina Hennig sowie Pia Fink und Laura Gimmler gute WM-Chancen. Bei den verletzten bzw. erkrankten Routiniers Nicole Fessel und Steffi Böhler müsste fast schon ein Wunder geschehen, wollen sie noch auf den WM-Zug aufspringen.

Unabhängig davon fordert Schlickenrieder ein Umdenken bei Trainern und Sportlern, nennt dies einen Kulturwandel. "Der Athlet muss mehr Selbstverantwortung übernehmen und seinen goldenen Weg finden. Die Trainer können nur hilfreich zur Seite stehen." Vor allem muss Nachwuchs gefunden werden. Auch der Dresdner Weltcup soll dazu seinen Beitrag leisten. So fällt heute 8 Uhr auf der Weltcuploipe am Elbufer der Startschuss für eine Schulsportwoche, auch unter Anleitung des früheren Weltklasseläufers Tobias Angerer. Der Bayer gab das Motto aus, das auch für den deutschen Skilanglauf gilt: "Da werden wir uns mal den Wecker stellen."

Heimweltcup in Familie

Die Winklers aus Sayda erlebten das Wochenende in Dresden in unterschiedlichen Funktionen. Für Anne, die Athletin, hätte es besser laufen können.

Anne Winkler hatte sich so viel vorgenommen. Die 24-Jährige vom SSV Sayda, bei den Damen neben Nadine Herrmann größte sächsische Sprinthoffnung, hätte gern ihrem 13. Rang aus dem Vorjahr noch einen draufgesetzt. Doch dies gelang der Erzgebirgerin am Samstag nicht. Platz 29, einen Rang vor Nadine Herrmann, sorgten für traurige Augen bei Anne Winkler. Jeweils in der zweiten Runde, im Prolog und im Viertelfinale, ging der Sprinterin augenscheinlich der Saft aus. "Ich weiß, dass ich mein Ausdauerniveau steigern muss. Wenn die Konkurrenz in der ersten Runde bei 94 Prozent liegt, laufe ich schon fast volle Kanne. Das war brutal. Ich bin überhaupt nicht zufrieden", sagte Winkler ziemlich deprimiert.

Für ihr Saisonziel, sich für die nordische Ski-WM in Seefeld zu qualifizieren, bleiben jetzt nur noch maximal drei Chancen, bei den folgenden Sprint-Weltcups in Otepää, Lahti und Cogne. "Doch der Weg bis zur WM ist noch weit", vermutet Anne Winkler. Warum sie in diesem Winter noch auf eine Entwicklung nach ihrem besten Weltcupresultat (11.) vom März 2018 in Lahti wartet, ist ihr nicht ganz klar. Die Weisheitszahn-OP im Herbst und zwei Erkältungen zuletzt vor der Tour de Ski seien bestimmt nicht förderlich gewesen. Ihr langjähriges Hemmnis, sich im Wettkampf zu sehr unter Druck zu setzen und zu verkrampfen, war diesmal nicht der Grund für das Abschneiden. "Ich habe mich richtig auf dieses Heimrennen gefreut, wollte zur Not auch mit Ellbogen aggressiv laufen", sagte die Sächsin. Doch in diese Lage kam die Bundeswehrsoldatin erst gar nicht.

An Trost hat es in Dresden jedenfalls nicht gefehlt. Denn für Anne Winkler war es auch ein Weltcup in Familie. Ihre Eltern halfen als ehrenamtliche Helfer bei der Streckenpräparation. Ihr Bruder Jakob (28), der am Fichtelberg als Stützpunktkoordinator arbeitet, schaute Wettkampfchef Georg Zipfel über die Schulter, um sich für dieses Ehrenamt in der Jury eine Grundlage zu schaffen. Und an der Grundlage im konditionellen Sinn wird künftig auch seine Schwester in Oberwiesenthal unter den Fittichen von Janko Neuber weiter fleißig arbeiten.

Köstlichkeiten und eine Uhr für die Siege - Ex-Kombinierer erfüllt sich Weltmeistertraum

Für die besten Athleten hat sich das Wochenende auch kulinarisch gelohnt. Als Preise für die Erstplatzierten gab es von den Weltcup-Sponsoren Schweizer Käse, einen Stollen und Sekt. Und die Sieger sollten künftig zu jedem Termin pünktlich erscheinen. Sie bekamen die extra entworfene Weltcup-Uhr aus Glashütte im Wert von 2200 Euro überreicht.

Mit einem Trick holte sich ein ehemaliger nordischer Kombinierer aus Klingenthal den ersten Weltmeistertitel seiner Karriere. Bei der Maskottchen-WM im Rahmenprogramm trat Falk Schwaar für seinen Arbeitgeber Kreissportbund Bautzen als "Oly" an. Und der 47-Jährige gewann das Rennen dank einer taktischen Finesse: "Ich musste mir die Zähne aus dem Kostüm schneiden, sonst hätte ich gar nichts gesehen." Der Vize-Weltmeister der Junioren 1990 und Olympiateilnehmer von Lillehammer 1994 zog nach dem Titel einen konsequenten Schlussstrich unter seine Maskottchen-Laufbahn: "Jetzt bin ich Weltmeister. Ich trete zurück."

290 freiwillige Helfer, darunter welche aus dem Erzgebirge und Vogtland, kümmerten sich um einen reibungslosen Ablauf des Weltcups. Für die Versorgung wurden u. a. 1500 Essen, 2000 Kaffee, 3500 Becher Joghurt und 100 kg Käse bereitgestellt.

Großen Anteil am Gelingen der Veranstaltung hatten die "Freunde aus Oberstdorf", die ihr Knowhow samt Pistenbully zur Präparation der Strecke mit nach Sachsen brachten und für eine gute Loipe sorgten.

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