Skispringerin Katharina Althaus: "Platz zehn bei der WM bringt nichts"

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Die deutschen Sportlerinnen hatten mit der Medaillenvergabe bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften auf der Normalschanze nichts zu tun. Die Ursachen für den Abwärtstrend liegen schon länger zurück.

Oberstdorf.

Olympiasiegerin Carina Vogt bezeichnete ihr Comeback auf der großen WM-Bühne schlichtweg als "Debakel". Die bis zum Donnerstag amtierende Vize-Weltmeisterin Katharina Althaus konnte dem Top-10-Ergebnis auch nicht viel Gutes abgewinnen. "Platz zehn bei der WM bringt nichts", erklärte die Lokalmatadorin nach einem spannenden Normalschanzen-Springen mit einer vor Freude weinenden Weltmeisterin Ema Klinec. Die 22-jährige Slowenin holte Gold vor Maren Lundby (Norwegen) und Sara Takanashi. Die Japanerin überflügelte im Finale die nach dem ersten Sprung mit Schanzenrekord von 109 Metern führende Marita Kramer (Österreich), die Vierte wurde.

Damit bestätigten sich in Oberstdorf im ersten Damenspringen die Eindrücke dieses Winters. Die Ursachenforschung für den nicht berauschenden Auftakt beginnt wohl schon etwas früher. Vor dem Winter 2019/20, als Corona noch nicht das Leben einschränkte, hockten die Damen von Bundestrainer Andi Bauer in gemütlicher Runde zusammen, schauten sich tief in die Augen und suchten nach einer Antwort auf die Frage: Wie weit gehen wir mit dem Material im Schuh-Bindungssystem an die Grenze heran, um mit einer möglichst planen Skistellung im Flug hohe Weiten erzielen zu können? Die Mannschaft war durch schwere Knieverletzungen nach Stürzen von Ramona Straub, Anna Rupprecht, Carina Vogt, Gianina Ernst, Svenja Würth sowie Ex-Vizeweltmeisterin Ulrike Gräßler in der Vergangenheit gebrandmarkt. "Wir haben uns damals entschieden, nicht um jeden Preis alles auszureizen. Wir hatten zu viele Ausfälle. Und weil wir den Wahn nicht mitgegangen sind, habe ich die Mädels auch nie über die Ergebnisse kritisiert", sagte Bauer.

Dem Trainer liegen vom Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig Messdaten vor, dass die Konkurrenz zum Beispiel aus Österreich das Material mehr ausreizt. Nicht immer geht das gut. Jacqueline Seifriedsberger zog sich im März 2020 in Lillehammer einen Kreuzband- und Meniskusriss im linken Knie zu, fehlt aktuell. WM-Mitfavoritin Eirin Maria Kvandal erwischte es Anfang des Monats in Hinzenbach. Bei ihrem Sturz riss das Kreuzband, der Meniskus sowie das Seitenband im Knie. Die Norwegerin galt allerdings ohnehin nicht als die Sicherste bei der Landung.

Die Deutschen blieben diesen Winter bisher verschont. Der fünfte Gesamt-Weltcuprang von Katharina Althaus, vor zwei Jahren in Seefeld mit winzigen 0,5 Zählern hinter Maren Lundby noch silberdekoriert, konnte sich am Ende des Winters sehen lassen. Doch nun, im WM-Jahr, noch dazu vor der Haustür, zählen eigentlich nur Medaillen. Chefcoach Bauer ist der Meinung, dass Althaus oder Seyfarth bei optimalen Sprüngen um Edelmetall mitfliegen können. Doch die Ergebnisse schon vor der WM ließen Zweifel aufkommen. Dabei weckte die Änderung des Reglements Anfang des Sommers noch Hoffnungen. Da schrieb der Weltskiverband FIS symmetrische Schuhkeile vor, was die Planstellung der Ski in der Luftfahrt erschwert, dafür aber die Landung erleichtert. Doch die Entwicklung bereitet Sorgen. Nur Anna Rupprecht überzeugte, kam auf Rang 14, obwohl sie den vergangenen Winter komplett wegen einer Meniskusverletzung verpasste. "Es ist nicht so leicht zurückzukommen. Körperlich weniger, obwohl uns der Muskelaufbau schwerer fällt als bei den Herren. Es ist eher mental ein Problem, wieder richtig in diese hohen Weitenbereiche zu springen."

Die Materialfrage ist sicher nur ein Teil des Ganzen. Die Weltbesten wirken mutiger und entschlossener beim Absprung und der Phase des Übergangs in den Flug. Die Zahl der Weltklasse-Springerinnen ist gestiegen. Bauer hätte dagegen sicher nichts einzuwenden, dass seine Besten mehr Druck von nachrückenden Athletinnen bekommen. "Wir haben keine Dynamik in der Trainingsgruppe. Alle sechs wussten, dass sie im Weltcup dabei sind", sagte Bauer schon vor dem WM-Winter. Und an dieser Situation hat sich kaum etwas geändert.

Zum Teil trugen seine Sportlerinnen aber auch ein zu großes Päckchen mit sich herum - allen voran Carina Vogt. Die erste Olympiasiegerin ihrer Sportart und Weltmeisterin von 2015 und 2017 stellt aktuell das Paradebeispiel dar, wie schwer es ist, nach einem Kreuzbandriss im Skispringen zurückzukehren. Im Juli 2019 passierte ihr das Malheur. Ein Jahr später kam ein Außenbandriss im Sprunggelenk dazu. Im Oktober des Vorjahres bildete sich eine Zyste im Knie, die ein Training auf der Schanze erst vor Weihnachten zuließ. Dass die 29-Jährige meilenweit an den Medaillen vorbeisprang, wollte sie aber nicht ihren nach wie vor bestehenden Knieproblemen zuschreiben: "Das war nicht die Ursache. Irgendwie ist mir das Feingefühl abhanden gekommen. Ich bin noch nie so schlecht Ski gesprungen. Das macht mich sprachlos."

Vor der Verletzungsmisere wurde Vogt bei der WM 2019 noch Zehnte, Althaus wie erwähnt Zweite. Juliane Seyfarth, die jüngst mit Nacktfotos im "Playboy" für Aufmerksamkeit sorgte, war vor zwei Jahren noch Vierte und wurde nun 21. Anna Rupprecht sprang in Seefeld noch auf Platz 24. Wenn es also eine positive Anmerkung dieses ersten Wettkampfes aus deutscher Sicht gab, dann war es Rupprechts Auftritt. "Ich habe mir einfach gedacht, die WM ist auch nur ein Wettkampf und so meinen Saft gemacht." Vielleicht ein gutes Motto für einen neuen Tag, wenn Luisa Görlich für Carina Vogt ins Team rutscht.

Katharina Hennig hat einen großen Fan an der Strecke

Mit einem Lächeln im Gesicht antwortete Katharina Hennig nach ihrem WM-Auftaktrennen im klassischen Sprint den Journalisten. "Das war mir zu schnell", sagte sie zu ihrem Viertelfinalrennen, in dem sie als Sechste ausschied und 27. wurde.

Den schnellen Lauf hatte die 24-Jährige vom WSC Oberwiesenthal aber bewusst gewählt. Denn den Sprint plante die deutsche Langlaufhoffnung als "Tag zum Durchputzen" nach der kurzen Wettkampfpause vor der WM.

Der für ihre Verhältnisse ausgezeichnete Prolog (22.) stimmte "Katha" Hennig zuversichtlich für den Skiathlon am Samstag. Zur guten Stimmung trug auch Laura Gimmler bei, die mit Endplatz zehn ihr bestes Karriereergebnis überhaupt einfuhr.

Obwohl im Skistadion Ried wie überall keine Zuschauer zugelassen sind, hatte die in Bad Hindelang lebende Hennig einen großen Fan an der Strecke stehen. "Mein Papa ist als Helfer akkreditiert und im Startbereich mit für den Aufbau zuständig", erzählte die Sächsin. "Ich habe seine Anfeuerungsrufe gut gehört."

Bei frühlingshaften Temperaturen durchbrach die Schwedin Jonna Sundling die Serie der Norwegerinnen, die bei den letzten fünf Weltmeisterschaften den Sprint-Titel erkämpft hatten. Die 26-Jährige aus Östersund verwies Titelverteidigerin Maiken Caspersen Falla und die Slowenin Anamarija Lampic auf die Podestplätze.

Bei den Herren wunderte sich Sebastian Eisenlauer nur kurz über seine zweitschnellste Prologzeit. "Mir war klar, dass da ein Fehler in der Messung vorliegen muss", meinte der Mann aus Sonthofen. Durch seine Rückstufung auf Position 37 nach Auswertung der Back-up-Zeitmessung schaffte es von den Deutschen nur Janosch Brugger (27.) ins Viertelfinale, in dem für den Sprint-Junioren-Weltmeister von 2017 Endstation war.

Norwegens Männer dominierten das Finale. Johannes Kläbo zeigte mit seinen Landsleuten Erik Valnes und Haavard Solaas Taugboel dem Russen Alexander Bolschunow am letzten Anstieg die Ski-Enden und jubelte wie 2019 in Seefeld über Sprint-Gold. (tp)

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