Stefan Bötticher und sein neuester Coup

Der Chemnitzer Bahnsprinter hat gestern auf dem Oval in Glasgow für eine Riesenüberraschung gesorgt und ist bis ins Finale des Sprintturniers gefahren. Nach einem turbulenten Turnier traf er auf den Niederländer Jeffrey Hoogland. Auch andere deutsche Asse präsentierten sich stark.

Stefan Bötticher meldete sich in der Königsdisziplin eindrucksvoll in der internationalen Spitze zurück.
Roger Kluge und Theo Reinhardt jubeln über Silber im Madison
Domenic Weinstein kann sein goldenes Glück kaum fassen.

Von Thomas Juschus

Stefan Bötticher hat sich eindrucksvoll in der internationalen Top-Sprinter-Szene zurückgemeldet. Gestern Abend fuhr der Chemnitzer bis ins Sprintfinale, in dem er auf den Niederländer Jeffrey Hoogland, der in Glasgow 2015 schon einmal Europameister in der Königsdisziplin war, traf. "Ich bin superglücklich. Das ist viel mehr, als ich erwartet hatte", jubelte der 26-Jährige und strahlte. Die Entscheidung fiel erst nach Redaktionsschluss dieser Seite.

Nach einer langen Durststrecke mit vielen gesundheitlichen Rückschlägen meldete sich der Weltmeister von 2013 und Vizeweltmeister von 2014 in seiner Paradedisziplin nahezu in Bestform zurück und bestätigte seine starken Auftritte aus dem Teamsprint, in dem er gemeinsam mit seinem Chemnitzer Trainingskollegen Joachim Eilers und Timo Bichler aus Dudenhofen schon Bronze geholt hatte.

Nach einem leichten ersten Tag mit Bestzeit in der 200-Meter-Zeitfahr-Qualifikation musste Stefan Bötticher gestern Schwerstarbeit verrichten. Löste er die Pflichtaufgabe im Viertelfinale gegen den Litauer Vasilijus Lendel mit 2:0 sehr souverän, kämpfte er danach den britischen Vizeweltmeister Jack Carlin vor seinem Heimpublikum mit 2:1 nieder. In den ersten beiden Läufen wurden beide Athletenaufgrund unsauberer Fahrweise jeweils disqualifiziert, in der entscheidenden "Belle" sorgte der Sachse zunächst für einen Schreckmoment, als er stürzte. Dabei rissen die Kabelbinder an der Pedale. "Wir haben das aber schnell wieder festbekommen", berichtete Mechaniker Marc Altmann. Stefan Bötticher ließ sich davon nicht beirren und fuhr bei der Wiederholung einen souveränen Lauf von vorn. Im Finale gegen Jeffrey Hoogland, bekannt für seine großen Gänge, ging der Abnutzungskampf weiter. "Die Gänge haben sich brutal entwickelt und ziehen unheimlich die Körner. Ich hatte zuletzt nur wenige Wettkämpfe auf diesem Niveau", resümierte Stefan Bötticher: "Ziel waren im Sprint die Top Acht - deshalb bin ich auf jeden Fall zufrieden."

Mit der ersten internationalen Einzelmedaille seit 2014 machte der Schützling der Trainer Ralph Müller und Andreas Hirschligau einen weiteren großen Schritt zurück in die Weltspitze. "Ich schätze meine WM-Medaillen schon noch höher ein als das Ergebnis hier. Es fehlen ja auch einige Fahrer wie der Australier Matthew Glaetzer. Und auch die Asiaten haben in letzter Zeit enorm aufgeholt", ordnete Stefan Bötticher sein Resultat ein - im Übrigen die erste Sprintmedaille im Elitebereich auf kontinentaler Ebene.

Roger Kluge und Theo Reinhardt, die im März überraschend Gold bei der WM in Apeldoorn erkämpft hatten erhöhten mit Silber im Zweier-Mannschaftsfahren weiter das deutsche Medaillenkonto auf der Bahn. Nach einem starken Rennen mussten sich die Berliner mit 49 Punkten nur den Belgiern Robbe Ghys und Kenny de Ketele (60 Punkte) geschlagen geben. Platz drei im Madison belegten die Briten Oliver Wood und Ethan Hayter (38).

"Wir haben die Belgier leider nicht vom Hinterrad bekommen, aber bewiesen, dass wir als Weltmeister jedes Rennen mitbestimmen können", meinte Roger Kluge. "Die Vorzeichen standen nicht so gut. Auch deshalb können wir mit dem Ergebnis zufrieden sein", ergänzte Theo Reinhardt, der mit Knieproblemen in der Vorbereitung länger pausieren musste.

Am Abend zuvor war Domenic Weinstein sein erster Goldcoup gelungen. Während er immer wieder seine Medaille küsste, flippte im Schwarzwaldörtchen Unterbaldingen seine kleine Fangemeinde aus. "Domenics Opa hatte Geburtstag, und da waren die ganze Familie, seine Partnerin und viele Freunde sowieso in Feierlaune. Das war einfach richtig geil", schilderte Vater Heinrich Weinstein die Party beim "Private Viewing" mit 15 Personen vor dem heimischen Fernseher. Auch in anderen Wohnzimmern hatten sich Weinstein-Fans zum kollektiven Goldjubel zusammengefunden.

Nach mehreren vergeblichen Anläufen stand sein Sohn endlich einmal ganz oben in der 4000-Meter-Einerverfolgung. "Endlich - das trifft es ganz gut", fasste Domenic Weinstein nach WM-Silber 2016 sowie mehreren zweiten und dritten Plätzen bei der EM seinen "Befreiungsschlag" zusammen. "So richtig realisieren werde ich den Erfolg erst, wenn ich mal Familie habe und auf die alten Zeiten zurückblicken werde", meinte der 23-Jährige, der in der Qualifikation seinen deutschen Rekord auf 4:13,073 Minuten verbesserte, nachdem er im Herbst 2015 die 16 Jahre alten Bestmarke von Olympiasieger Robert Bartko geknackt hatte. "Er ist hier zweimal in diesem Bereich gefahren. Das ist ein massiver Schritt nach vorn", lobte Bundestrainer Sven Meyer und adelte seinen Ausnahmeathleten. "Für mich ist die Einerverfolgung immer noch die Königsdisziplin."

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