Tigersprung nicht optimal

Beim Saisonhöhepunkt erleben die Chemnitzer Bahnsprinter Licht und Schatten. Die deutschen Verfolgungsspezialisten waren indes so erfolgreich wie seit Jahren nicht.

Pruszkow.

Sieben Athleten aus Vereinen der Region sowie dem Chemnitzer Erdgasteam starteten bei der Bahnrad-WM im polnischen Pruszkow. Nicht alle Hoffnungen erfüllten sich. Einzig Sprinter Stefan Bötticher vom Chemnitzer PSV kehrt mit einer Medaille zurück. "Freie Presse" zieht ein Resümee.

Stefan Bötticher (Chemnitzer PSV): Nach der erfolgreichen EM 2018 (Gold, Silber, Bronze) meldete sich der 27-Jährige auch im Weltmaßstab zurück. Nachdem er 2016 sowie 2017 die WM verpasst und 2018 nur einen Lauf im Teamsprint absolviert hatte, gewann er Bronze im Keirin und wurde Vierter im Teamsprint. Das Aus im Achtelfinale des Sprints kam für den Weltmeister von 2013 dagegen etwas zu früh. "Ich hatte doch mehr Kraft gelassen als gedacht, der letzte Punch hat mir gefehlt. Außerdem war mein ,Tigersprung' ins Ziel nicht optimal", berichtete "Bötti", nachdem er Nicholas Paul aus Trinidad & Tobago mit vier Tausendstelsekunden unterlegen war. Bundestrainer Detlef Uibel sagte: "Stefan fehlt nach seiner langen Pause einfach die Wettkampfhärte. Im Sprint zählen leider oft nur noch die konditionellen Fähigkeiten." Nach einem Kurzurlaub bestreitet Stefan Bötticher ab Ende März die Keirintournee in Japan.

Joachim Eilers (Chemnitzer PSV): Der 28-jährige Doppelweltmeister von 2016 (Keirin, 1000 Meter) erlebte eine WM zum Vergessen: Ohne Chance in der Keirin-Hoffnungsrunde, keine Einsätze im Teamsprint, Verzicht auf seine Paradedisziplin 1000 Meter. Für den Mann mit den "grünen Socken" ist schon länger nichts mehr im "grünen Bereich": "Er steht in seiner Leistungssportkarriere am Scheideweg", sagte Detlef Uibel und machte unmissverständlich klar: "Es wird jetzt klare Vorgaben und Konsequenzen von uns geben."

Lea Sophie Friedrich (Team Erdgas): "Der Auftritt war überragend. Sie hat sich sofort in die Weltspitze gefahren", schwärmte der Bundestrainer. Die viermalige Junioren-Weltmeisterin von 2018 - seit Jahresbeginn im Team - führte sich mit einem vierten Platz im Sprint und Rang sieben im 500-Meter-Zeitfahren im Elitebereich ein. "Ich bin mega zufrieden mit meiner WM. Diese Ergebnisse hatte ich nicht erwartet", freute sich die 19-Jährige. Um den nächsten Schritt zu machen, muss die Blondine aber wohl den Trainingsstandort verlegen. "Ich denke, ich habe an anderen Stützpunkten bessere Bedingungen. In Schwerin gibt es keine Bahn, und ich trainiere nur mit Nachwuchssportlern. Bis 2020 könnte ein Wechsel anstehen", sagte Friedrich.

Maximilian Dörnbach (Team Erdgas): Bei seiner vierten WM-Teilnahme in Folge ist beim 23-Jährigen wohl der Knoten geplatzt. Zwar verpasste Dörnbach im Teamsprint als Vierter eine Medaille, bot aber auf Position drei glänzende Zeiten an. Problem: Diese Stelle ist am stärksten umkämpft im Teamsprint. Kehrt Maximilian Levy nach seiner Babypause zurück und findet Joachim Eilers zu alter Form, gibt es zwei starke Mitbewerber. "Darüber mache ich mir jetzt aber keine Gedanken", meinte der dreifache Deutsche Meister von 2018. Im Sprint steigerte er seine Bestzeit (9,917 s), schied aber im 1/16-Finale aus. "Ich hake das ab und nehme den positiven Eindruck aus dem Teamsprint mit. Ich bin auf dem richtigen Weg", resümierte der Sportsoldat.

Marc Jurczyk (Team Erdgas): Nach dem Aus im Keirin-Viertelfinale konnte sich der Erfurter mit seinem achten Rang im 1000-Meter-Zeifahren rehabilitieren und positiv in Szene setzen. "Nachdem ich im Vorjahr bei der WM fehlte, war Pruszkow ein Schritt in die richtige Richtung", meinte der 23-Jährige. Mitte März absolviert er sein Praktikum bei der Bundespolizei, danach beginnt die Vorbereitung auf die nächste Saison: "Von Tokio rede ich nicht, die Aufgabe ist zu groß. Aber bei der Heim-WM in Berlin am Start zu stehen, wäre schon eine Riesennummer."

Pauline Grabosch (Team Erdgas): Nach knapp einer halben Minute war die WM für die 21-Jährige vorbei. Die Überraschung der WM 2018 (Gold im Teamsprint, Bronze im Sprint, 4. über 500 m) belegte im Zeitfahren nur den 15. Platz und saß hinterher tränenüberströmt in der Fahrerbox. "Ich hatte gehofft, dass sie sich hier fängt. Ihre Anfahrschwäche ist eklatant, zudem fehlt momentan das Selbstvertrauen", analysierte Detlef Uibel. Die Zusammenarbeit mit Heimtrainer Anner Miedema gilt als belastet. Uibel rät: "Pauline muss wieder unbequeme Wege gehen."

Felix Groß (RSV Venusberg): Platz fünf in der Mannschafts- und Rang elf in der Einerverfolgung stehen zu Buche. "Mit dem Team lief es gut. Im Einzel hatte ich mir mehr erhofft. Vielleicht hat mir doch etwas Substanz nach meiner Krankheit Anfang Februar gefehlt", bilanzierte der 20-Jährige, 2018 überraschend WM-Fünfter. Jetzt stehen zwei Wochen Urlaub mit Freundin Susann auf dem Programm. Ende des Monats beginnt wieder das Training.


Verfolger trumpfen im Einzel auf 

Jubel im Lager der deutschen Verfolger: Sie heimsten in den Einzelentscheidungen gleich drei Medaillen ein: Lisa Brennauer (Durach) und Lisa Klein (Erfurt) holten Silber und Gold, Domenic Weinstein (Unterbaldingen) wiederholte seinen zweiten Rang von 2016. Die Frauen beendeten damit eine langjährige Durststrecke, bislang letztmalig hatte Judith Arndt 2000 als Zweite auf dem Podest gestanden.

"Natürlich wäre es geil gewesen, mit dem Regenbogentrikot nach Hause zu fahren", meinte Lisa Brennauer nach ihrer Finalniederlage gegen die Australiern Ashlee Ankudinoff. "Klar ist man erst einmal kurz enttäuscht, wenn man verliert. Aber ich kann mich jetzt echt über Silber freuen, das ist etwas ganz Großes", fügte die 30-Jährige hinzu. Zusätzlich verbesserte sie in der Qualifikation ihren eigenen deutschen Rekord (3:25,697). Den hatte sie bei der EM 2018 in Glasgow, bei der die Allrounderin den Titel gewann, aufgestellt.

Bei einer WM auf der Bahn gewann die mehrfache Medaillengewinnerin auf der Straße ihr erstes Edelmetall in einer Einzeldisziplin. Über diese Premiere jubelte auch Lisa Klein. Die gebürtige Saarländerin bezwang im kleinen Finale die Neuseeländerin Kristi James souverän mit fast fünf Sekunden Vorsprung. "Ich bin total glücklich, das ist meine erste Einzelmedaille. Ich wusste schon nach dem Vierer, dass ich eine gute Form habe", freute sich die 22-Jährige, die gleichfalls in beiden Metiers erfolgreich unterwegs ist. So triumphierte sie 2017 bei der Deutschen Straßenmeisterschaft in Chemnitz.

Domenic Weinstein musste sich im Finale dem italienischen Titelverteidiger Filippo Ganna, der in 4:07,992 Minuten nur knapp einen neuen Weltrekord verfehlte, geschlagen geben. Der Europameister hatte in der Qualifikation mit 4:09,091 min seinen eigenen nationalen Rekord vom August 2018 um satte vier Sekunden unterboten.

Die deutsche Mannschaft erkämpfte in Pruszkow damit wie im Vorjahr in Apeldoorn (2/-/4) sechs Medaillen (1/2/3). (tju/mm)


Deutsches Duo verteidigt Titel 

Goldcoup zum Abschluss: Roger Kluge (l.) und Theo Reinhardt hielten auf dem Oval ihre Kindern Jenna (3 Jahre) und Pepe (3) in den Armen und strahlten. Die Berliner konnten im Madison ihren Triumph von 2018 wiederholen. Damit sorgte das Duo in Pruszkow für den einzigen deutschen Titelgewinn. Im Zweier-Mannschaftszeitfahren über 50 km verbuchten Kluge/Reinhardt drei Rundengewinne und verwiesen mit 105 Punkten Dänemark (84) und Belgien (82) auf die Plätze.

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