Trainerentlassung bei Erzgebirge Aue: Dieses Projekt war eine Mogelpackung

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Nach der Trennung von Aleksey Shpilevski sucht der FC Erzgebirge einen Trainer, der den Fußball in Aue wieder vom Kopf auf die Beine stellt

Aue.

104 Tage lagen zwischen Vorstellung und Rausschmiss. Am Sonntag hat der FC Erzgebirge sich vom erst im Juni verpflichteten Trainer Aleksey Shpilevski getrennt. Er hinterlässt einen Scherbenhaufen. Wie der zu beräumen ist, analysiert die "Freie Presse".

War die Trennung von Trainer Shpilevski unausweichlich?

Ja. Die 1:4-Heimniederlage gegen den SC Paderborn war nur noch der letzte Auslöser. Die fußballerischen Darbietungen der Veilchen waren auch schon in den Wochen davor äußerst dürftig, Shpilevski wirkte bei seinen System- und Personalrochaden zunehmend ratlos.

Woran ist er gescheitert?

An den Anforderungen an den Trainerjob in dieser 2. Bundesliga. Vor seinem Engagement in Aue trainierte der 33-Jährige sowohl im Nachwuchs als auch später im Männerbereich jeweils Mannschaften, die zur Spitze ihrer jeweiligen Spielklasse gehörten, Gegner dominieren konnten. Im Erzgebirge ist die Aufgabe eine andere. Hier heißt es, mit Kampfkraft und Intelligenz gegen zumeist von der Papierform her überlegene Kontrahenten zu bestehen. Dafür hatte Shpilevski keinen geeigneten Plan. "Der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr", begründete FCE-Präsident Helge Leonhardt die Trennung, "beziehungsweise die Mannschaft erreicht den Trainer nicht mehr." Ein vernichtendes Urteil - für den Coach, aber auch für die Truppe, die am Sonntag zum Teil den Dienst verweigerte.

Was wollte Shpilevski?

Er kam mit der Idee, den RB-Stil des aggressiven Pressings in Aue zu etablieren. Das praktizierte der FCE zum Saisonauftakt, der mit dem torlosen Unentschieden in Nürnberg durchaus gelang. Auch das 0:0 gegen St. Pauli und das 1:1 auf Schalke - beides schon mit leicht geändertem System - konnten sich noch sehen lassen. Die magere Torausbeute wurde anfangs mit den noch fehlenden geeigneten Stürmern erklärt, Babarcar Gueye kam erstmals bei der Pokalschlappe in Ingolstadt zum Einsatz, Antonio Mance am fünften Spieltag, Nikola Trujic jetzt am siebten. In acht Pflichtpartien probierte Shpilevski vier verschiedene Systeme aus, wechselte munter durch. Damit überforderte er sein Personal.

Waren Fortschritte erkennbar?

Dass man wieder einen Schritt weiter sei, auch wenn das Ergebnis noch nicht passt, wurde Woche für Woche behauptet. Das Gegenteil war der Fall. Der FCE war von Partie zu Partie ein Stück weiter weg vom angestrebten ersten Sieg. Im Offensivspiel fehlt nach wie vor die erforderliche Feinabstimmung zwischen den Akteuren, zuletzt wackelte auch die anfangs stabile Abwehr immer heftiger, gegen Paderborn brach sie zusammen. Die erste wichtige Aufgabe für einen neuen Coach wird sein, wieder defensive Stabilität und Kompaktheit herzustellen.

Welche Aktie hat die Vereinsführung an diesem Dilemma?

Die dickste. Sie hat mit der Legende vom furchtbar schlechten Fußball der letzten Saison einen überflüssigen Trainerwechsel forciert und begründet. Dirk Schuster hat das getan, was für das Überleben in der 2. Bundesliga erforderlich war: die Spielweise dem jeweiligen Gegner angepasst. Damit hat der FCE in den vergangenen beiden Spielzeiten 47 bzw. 44 Zähler eingesammelt und vor allem dann gewonnen, wenn es am wichtigsten war: Gegen die vier Letzten der Endtabelle siegten die Auer 2020/21 in allen acht Partien - 24 für den Klassenerhalt entscheidende Punkte.

Was bleibt nach diesem Trainer-Intermezzo?

Viele Baustellen, viele Fragen. Der Kader ist zahlenmäßig wieder vollzählig, die Lücken, die Florian Krüger, Pascal Testroet und Steve Breitkreuz hinterlassen haben, sind aber nicht geschlossen. Letzterer ist mit Regensburg Tabellenzweiter und am Freitag Gastgeber für den FCE. Testroet hat am Wochenende sein erstes Tor für Sandhausen erzielt. Krüger, dessen Abschied im Gegensatz zu den beiden anderen nicht zu verhindern war, wartet in Bielefeld noch auf den großen Durchbruch. In Aue fehlen diese Männer nun nicht nur als Fußballer, sondern auch als Typen.

Wer könnte Shpilevskis Nachfolge antreten?

Tomislav Stipic, erster von acht Trainern, die Helge Leonhardt in seiner mittlerweile siebenjährigen Amtszeit als Präsident seit Herbst 2014 ins Erzgebirge holte, war beim 0:1 gegen Fortuna Düsseldorf schon mal als Zuschauer da. Unter dem Kroaten stieg der FCE im Frühjahr 2015 in die 3. Liga ab, Stipic verschwand trotz aller Treueschwüre, Pavel Dotchev, Domenico Tedesco (von dessen Rückkehr so mancher Aue-Fan träumt), Thomas Letsch, Hannes Drews, Daniel Meyer, Dirk Schuster und Aleksey Shpilevski folgten. Wie Stipic ohne Job sind momentan unter anderen auch die zweitligaerfahrenen Uwe Neuhaus, Markus Kauczinski und Uwe Rösler. Fraglich ist, welchen Trainer sich der auch wegen der Auswirkungen der Coronakrise klamme FCE leisten kann. Was der neue Coach unbedingt zur Bedingung für ein Engagement machen sollte, ist absolute alleinige Entscheidungshoheit in allen sportlichen Belangen. Ein Coach, der nur ein besserer Hütchenaufsteller ist und ständig von irgendwelchen Gremien belehrt und bevormundet wird, kann keine starke Position im Verhältnis zu seiner Mannschaft haben. Die braucht er aber, damit ihm alle folgen.

Wer sitzt am Freitag in Regensburg auf der Auer Bank?

Sehr wahrscheinlich wieder Marc Hensel als Interimscoach. Das war schon bei den beiden letzten Partien der Vorsaison der Fall. Da standen als Ergebnisse ein 0:3 in Düsseldorf und ein 2:1-Sieg gegen Osnabrück zu Buche. Eine Trainer-Dauerlösung kann der 35-Jährige zumindest jetzt zum einen wegen seines Lehrerjobs an einem Auer Gymnasium, zum anderen wegen der (noch) fehlenden Fußballlehrerlizenz nicht sein.

Ist der Kader des FCE in der 2. Liga konkurrenzfähig?

Vom Marktwert her steht er mit den Aufgeboten von Ingolstadt, Dynamo Dresden und Hansa Rostock in etwa auf einer Stufe am Ende der Tabelle. Was aktuell fehlt, ist neben der angesprochenen Abwehrstabilität die fußballerische Klasse eines fitten Jan Hochscheidt in der Offensive. Der 33-Jährige steht wie Ognjen Gnjatic und nun auch Omar Sijaric, der sich gegen Paderborn einen Nasenbeinbruch zuzog, auf der Verletztenliste. Philipp Riese, der am Sonntag mit Schmerzen vom Feld humpelte, und der auf eine baldige Rückkehr ins Team hoffende Florian Ballas ließen sich am Montag bei einer MRT-Untersuchung checken.

Was macht Hoffnung, dass Aue den Klassenerhalt doch noch schafft?

Der Fakt, dass eben erst sieben von 34 Spielen absolviert sind. In den letzten zehn Jahren haben von den Tabellenletzten nach dem 7. Spieltag immerhin noch fünf den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga geschafft. Dafür muss der verloren gegangene Teamgeist ins Lößnitztal zurückkehren, dafür braucht es einen tauglichen Plan, dafür braucht es Punkte. Möglichst schnell, auch schon gegen die kommenden starken Kontrahenten Regensburg, HSV und Karlsruhe. Aber - und mit diesem Satz hatte Shpilevski auf jeden Fall recht - leichte Gegner gibt es in dieser Liga nicht - zumindest nicht für Aue.

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