Traum bleibt trotz Widrigkeiten

Turnerin Sophie Scheder vom TuS Chemnitz-Altendorf hat den Start bei den Sommerspielen 2021 weiter fest im Visier. Aktuell kann die Olympiadritte von 2016 aber nicht wie eigentlich geplant trainieren.

Chemnitz.

Konzentriert verfolgt Sophie Scheder während dieser Übungseinheit am Vormittag das Programm am Schwebebalken. Teilweise nimmt sie mit dem Handy auch Videos auf, um diese gleich danach mit ihren jüngeren Gefährtinnen auszuwerten. Sie gibt Hinweise, nennt Fehler, zeigt Bewegungen, muntert auf und freut sich mit über ein besonders gelungenes Element. "Ich helfe gern mal als Trainerin aus", meint die 23-Jährige. In diesem Metier liegen auch ihre beruflichen Pläne. "Ab Oktober beginne ich ein Fernstudium zum Diplomtrainer in Köln. Die schriftliche Bestätigung habe ich erhalten", fügt die Ausnahmeathletin in einer Pause hinzu.

Auch wenn ihr diese Betreuung sichtlich Spaß bereitet - viel lieber würde Sophie Scheder selbst turnen. Denn in ihren aktiven Karriere möchte sie 2021 unbedingt noch einmal Olympia erleben. Auf dieses Ziel in Tokio ist alles ausgerichtet. Doch aktuell muss sie wieder einmal eine Zwangspause einlegen, kann ebenso bei Aufwärm- oder Ballettprogrammen ihrer Mitstreiterinnen nur wehmütig zuschauen. "Derzeit ist nicht daran zu denken, dass ich schmerzfrei an ein Gerät gehen kann", konstatiert die mehrfache Deutsche Meisterin, die ihre Hauptaktivitäten derzeit über drei Stunden am Nachmittag bewältigt. Doch nicht in der Turnhalle, sondern im Ambulanten Therapiezentrum für Rehabilitation (ART). "Unter Anleitung von Sport- und Physiotherapeuten sowie Sportwissenschaftlern absolviere ich zwei Wochen lang ein spezielles Programm", erzählt Sophie Scheder, die sich seit Monaten mit Knieproblemen herumplagt. Nachdem sie sich 2017 einer komplizierten Operation am linken Knie unterziehen musste und damals erst nach über einem Jahr in das Wettkampfgeschehen zurückkehrte, bereitet nun die Sehne im rechten Bein Schwierigkeiten.

Mehrfach gab es dabei auch Schwankungen. So kehrte sie beispielsweise nach den zwei Wochen, in denen wegen der Coronakrise das Sportforum verschlossen blieb, mit viel Elan zurück. Drei Tage mit leichter Belastung ging es gut, am vierten meldete sich erneut das Knie. Intensive Behandlungen folgten, eine MRT-Untersuchung bestätigte Probleme mit der Patellasehne. Sie konsultierte erneut den renommierten Sportmediziner Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, von dem sie sich schon 2017 beraten ließ. Eine Woche unterzog sie sich bei ihm in München einer Spezialbehandlung. Noch steht auch eine Operation im Raum, für die wegen der Olympiaverschiebung Zeit wäre. "Klar habe ich auch mal die Nase voll. Aber jetzt warte ich erst einmal ab, wie sich alles entwickelt. Ich habe mich schon so oft durchgequält und zurückgekämpft. Nun hoffe ich weiter auf ein Happy End", sagt Sophie Scheder, die das tolle Gefühl kennt, für all die Mühen belohnt zu werden. Bei den Spielen in Rio 2016 landete sie mit Bronze am Stufenbarren ihren wertvollsten Erfolg. In den bitteren Situationen der vielen Rückschläge, die sie seither verkraften musste, ist das Erinnern oder Anschauen für sie die beste Motivation.

Ihre jüngeren Gefährtinnen bewundern an ihr deshalb nicht nur die tollen Erfolge, sondern auch ihre Fähigkeit, nie aufzugeben. Eine bessere Orientierung kann es für die Talente nicht geben - und wenn Sophie Scheder direkt als Ratgeberin dabei ist, lässt sich so manche harte Einheit besser überstehen. Seit vergangener Woche können alle Turnerinnen am Bundesstützpunkt wieder ihrer Leidenschaft nachgehen. "Zunächst waren wir dem Land Sachsen sehr dankbar, dass die Olympiakader bald wieder trainieren durften. Wir haben auch sehr aufgepasst, die Mädels trugen beispielsweise schon viel eher als vorgeschrieben beim Einkaufen Masken", berichtet Trainerin Gabi Frehse, die bei der Gestaltung gemeinsam mit ihren Kollegen streng auf die Einhaltung der Hygieneregeln achtet. Inzwischen sind Organisation und Abstimmung aber schwieriger, weil der Schulbetrieb aktuell anders läuft als vor der Pause.

Als klar war, dass lange keine Wettkämpfe stattfinden, spürte die Fachfrau bei ihren Schützlingen, dass nach anfänglicher Rückkehr-Euphorie die Motivation litt. Auf der Suche nach neuen Reizen kontaktierte sie Leichtathletiktrainer Jörg Bretschneider. Mit dem Ziel, vor allem eine bessere Sprungkraft aufzubauen und den Körper zu stärken, entwickelte sie mit ihm einen Kraftkreis, den die Mädchen nun zwei- bis dreimal pro Woche absolvieren. "Das ist für sie sehr anstrengend, aber alle ziehen sehr gut mit. Sie sind ehrgeizig", freut sich Gabi Frehse und hofft auf sichtbare Fortschritte. "Für diese grundlegenden Dinge haben wir ja sonst nicht die Zeit. Auch können neue Elemente besser erlernt und Defizite leichter beseitigt werden", sieht die 59-Jährige auch positive Aspekte in dieser ungewöhnlichen Zeit.

Dennoch hofft sie, dass bald wieder Wettbewerbe motivieren, es nicht bei internen Tests bleibt. Besonders schmerzhaft war dabei die Absage des Länderkampfes in Chemnitz Anfang April. "Wir hatten bereits sehr viel investiert, sind in Vorleistung gegangen. Das Hotel verlangte 60 Prozent Stornokosten, die zum Glück der DTB übernahm. Auch von der Stadt erhielten wir finanzielle Unterstützung", berichtet Gabi Frehse. Es ist keineswegs einfach, alles abzusichern. Der TuS Altendorf ist nicht in Gefahr, auch weil die Mitglieder ohne eigene Aktivitäten trotzdem weiter die Beiträge bezahlen. Und auch sie wären natürlich stolz, gäbe es 2021 erneut eigene Olympiastarterinnen.

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