Turn-WM: Trainer Hirsch stolz auf das Teamgefüge

Die deutschen Männer zeigten bei der WM in Stuttgart eine solide Qualifikation. Zwei Asse glänzten besonders.

Stuttgart.

Seit 2002 ist Andreas Hirsch Cheftrainer der deutschen Kunstturner. Unter dem Berliner erfuhr die Riege einen enormen Aufschwung, dessen gemeinsamer Höhepunkt die Bronzemedaille bei der WM 2007 in Stuttgart darstellte. Zu den Erfahrungen, die er beim Auf und Ab im Turnzirkus bislang nicht machte, gehört diejenige, mit dem deutschen Team die Olympiaqualifikation zu verpassen. "Ich hoffe, dass es dabei bleibt", meinte der 61-Jährige am Montagmorgen.

Vorausgegangen war ein Abend, der die Nerven aller Beteiligten arg strapazierte. Bei der Heim-WM in Stuttgart waren die Gastgeber in der Qualifikation mit dem Wissen an die Geräte getreten, dass es nach dem Ausfall des zweimaligen OIympiazweiten Marcel Nguyen und weiteren Verletzungsproblemen in der Vorbereitung sehr schwer werden würde, das Ticket für Tokio zu buchen. Immerhin konnten sie sich darauf verlassen, von den Zuschauern getragen zu werden. Der Hannoveraner Andreas Toba, am Ende mit 82,781 Punkten bester der drei deutschen Mehrkämpfer, hatte gleich gespürt, "was das Publikum in mir auslöst". Der Routinier, der am Montag 29 Jahre alt wurde, hatte deshalb versucht, dies an seine Kollegen weiterzugeben. Dieses Gefühl, in Momenten der Schwäche durch den hörbaren Rückhalt doch noch genügend Kraft aufzubringen, seine Aufgabe zu schaffen. Am deutlichsten wurde dies beim letzten Sprung. Den musste der erst kurzfristig berufene Philipp Herder unbedingt stehen, wollte man nicht zu viel Boden auf die Konkurrenz verlieren. Je zwei Fehler an Barren und Pauschenpferd bedeuteten, dass jeweils eine verturnte Übung in die Wertung gekommen war. Dass die Reckvorträge viel sauberer, die Landungen am Boden viel sicherer gelangen als noch 2018 bei der WM in Doha, das war zu dem Zeitpunkt schon aus dem Blickfeld gerückt.

Andreas Toba schrie sich also die Seele aus dem Leib, als Herder Anlauf nahm. So sehr, dass es ihm selbst ein bisschen unangenehm war, als er später die Bilder davon betrachtete. Doch es half: Der Berliner landete seinen Roche tief in der Hocke, aber nicht im Sitz. "Ansonsten, hätte uns das sofort das Genick gebrochen", war sich Toba sicher.

Teamchef Hirsch zeigte Verständnis dafür, dass nicht alles klappte. Einer seiner Turner, erzählte er amüsiert, habe schon zwei Tage lang "Fischhände" gehabt, schwitzige Pfoten also, mit denen sich Holme und Stangen nur schwer im Griff behalten lassen. Der Coach machte deutlich, wie stolz er war auf das solide Teamgefüge, das sich während der schweren Zeiten der Vorbereitung in Kienbaum gebildet hatte. Bei Playstation- und Kartenspielen hatten die Athleten sich ausgetobt und zusammengerauft. "Wir sind charakterlich alle auf einer Ebene", erklärte Lukas Dauser. "Da gibt es keinen, der bevorzugt oder benachteiligt wird." Der Unterhachinger selbst hatte sich nach seinem Mittelhandbruch im Juni in Rekordzeit wieder in Form gebracht und am Barren eine Leistung angeboten, die den Juroren 15,033 Punkte und damit wohl einen Finalplatz wert war.

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