US-Langläuferin versteht auch "Glück auf"

Julia Kern ist Schritt für Schritt in den Dunstkreis der weltbesten Loipenspezialistinnen gelaufen. Die 21-Jährige hat eine interessante Vita und fiebert bereits der U-23-WM 2020 am Fichtelberg entgegen.

Chemnitz.

Es tropfte und tropfte aus dicken Wolken am Dresdner Elbufer, aber Julia Kern strahlte übers ganze Gesicht. Die Skilangläuferin, die für die Stratton Mountain School im US-Bundesstaat Vermont startet, durfte beim Weltcup nach Rang 19 im Einzel erstmals im Teamsprint für ihr Geburtsland antreten. Und die 21-Jährige herzte im Ziel ihre Sprintpartnerin Sophie Caldwell, obwohl das Duo so hauchdünn wie es nur geht am Podest vorbeischrammte. Nach Fotofinish wurden Schweden II und Norwegen auf die Podestplätze gesetzt, obwohl dies selbst auf dem ausgedruckten Bild nur mit der Lupe zu erkennen war. "Wir haben uns gut geschlagen. Ich war ziemlich nervös, bin das erste Mal für USA I gelaufen. Aber es ist wie im Vorjahr fantastisch in Dresden gewesen", schwärmte Kern.

In ihrem Lauf musste sich die US-Lady gegen die Stars der Szene wie Olympiasiegerin Stina Nilsson behaupten. Mit Bravour meisterte Julia Kern die Bewährungsprobe, vermutlich auch ausgestattet mit einigen Glückshormonen vom Vortag. Denn ihr 19. Rang im Einzel, mit dem sie zweitbeste Deutsche gewesen wäre, brachte sie ein großes Stück näher an ein Ziel, das sie zu Saisonbeginn noch gar nicht auf dem Zettel hatte: die nordische Ski-WM im Februar in Seefeld. "Wir besetzen die WM mit fünf Sprinterinnen. Der 19. Platz müsste meine Qualifikation sein", sagte Kern am Vorabend des Teamrennens. Noch am Dienstag davor hatte sich die junge Dame in ihrer Alterskategorie den Titel der US-Meisterin in der Heimat geholt.

Julia Kern besitzt die deutsche und die US-Staatsbürgerschaft. Julias Mutter Dorothee war einst DDR-Nationalspielerin im Basketball. Vor 22 Jahren wanderte sie mit ihrem Mann Gunther, in Halle wohnhaft, aus beruflichen Gründen in die Staaten aus. Dorothee ist Biochemikerin und Biophysikerin. Um die Tochter moralisch zu unterstützen, nahmen beide eine kurze berufliche Auszeit. Stolz schlossen die Eltern Julia am Elbufer in die Arme.

Julia Kern ist zweisprachig aufgewachsen. Geboren wurde sie in Berkeley nahe San Francisco in Kalifornien. Heute wohnt die Familie, zu der auch noch Schwester Nadja (24) gehört, in Boston. Drei Autostunden nordwestlich von der US-Metropole entfernt drückt sie an der Stratton Mountain School, für die auch die zweimalige Sprint-Weltcupsiegerin Caldwell startet, die Schulbank. Sieben von zwölf Semestern ihres Studiums für Psychologie und Ökonomie hat Kern bereits bewältigt - dies meist in den Frühlings-, Sommer- und Herbstmonaten. Seit Frühjahr 2017 gehört sie dem US-Nationalteam an. Doch im darauffolgenden Winter setzten ihr nach Rang 38 in Dresden Verletzungen und Krankheit zu. Bei der Junioren-WM in Goms kochten ihr die Eltern Tee statt sie an der Strecke anzufeuern.

Diese Saison geht es wieder bergauf, so wie in den vergangenen Jahren. Bei der Junioren-WM debütierte Julia 2015 mit den Plätzen 32 und 38, ein Jahr später wurde sie 16. und 18. 2017 holte sie Staffelbronze und landete im Sprint auf Rang neun. Im März desselben Jahres sammelte sie als 24. beim Sprint in Quebec/Kanada ihre ersten Weltcupzähler.

Die USA hat Deutschland im Frauenlanglauf längst überholt. Mit Jessica Diggins (5.), Sadie Bjornsen (13.), Caldwell (20.) und Rosie Brennan (34.) stehen aktuell vier US-Läuferinnen besser im Gesamtweltcup da als die beste Deutsche Sandra Ringwald (36.). Viermal treffen sich die US-Damen vor dem Winter in Trainingscamps des Nationalteams. Julia Kern verkörpert dabei die Vielseitigkeit in Person. Seit sie laufen kann, stand sie bereits auf Ski. Doch bis sie sich auf die dünnen Bretter in der Loipe spezialisierte, war sie im Cross, Fußball, Basketball, Schwimmen und in der Leichtathletik aktiv: "Umso älter ich wurde, desto weniger Sportarten wurden es."

Übrigens: Julia Kern versteht nicht nur Deutsch, sondern kann auch "Glück auf" deuten. Der Bezug zum Erzgebirge ist durch Oma und Opa entstanden. "Sie haben ein Häuschen in Thalheim. Bis auf die letzten drei Jahre war ich zu Weihnachten dort. Es gefällt mir sehr." In dieser Zeit entstanden Freundschaften, u. a. mit der deutschen Langlaufhoffnung Katharina Hennig, mit der sie am Fichtelberg schon trainierte. Familie Kern aus Boston ist auch oft beim Johanngeorgenstädter Schwibbogenlauf dabei. "Deshalb freue ich mich schon riesig auf die U-23-WM in Oberwiesenthal 2020. Es ist mein letztes Jahr vor der Erwachsenenklasse", meint Julia Kern. Und was sagt die US-Deutsche zum Klischee des oberflächlichen Amerikaners und ordnungsliebenden Germanen? "Überall gibt es solche und solche Menschen. Die Leute in den USA sind schon freundlich", erzählt sie und überlegt kurz: "Ich hoffe, es kommt nicht so schlecht rüber: Die Deutschen meckern wohl mehr und denken: Wir sind die Besten." Im Langlauf trifft dasaktuell jedenfalls nicht zu.

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