Vier Asse mit Medaillenambitionen

Die Turner Pauline Schäfer und Andreas Bretschneider sowie die Bahnsprinter Joachim Eilers und Stefan Bötticher aus Chemnitz starten bei den Europameisterschaften in Glasgow. Die Form der Titelkämpfe ist eine Premiere.

Pauline Schäfer: Seit dem bislang größten Triumph ihrer Karriere tritt Turnerin Pauline Schäfer vom TuS Chemnitz-Altendorf erstmals wieder ins internationale Rampenlicht. Nachdem sie sich bei der WM vergangenen Oktober sensationell Gold am Schwebebalken erkämpft und damit eine 36-jährige deutsche Titelabstinenz beendet hatte, ließ sie es mit Wettkampfauftritten bewusst etwas ruhiger angehen. Die 21-Jährige gönnte sich dabei nur kurz eine Verschnaufpause, legte indes den Fokus auf intensives Training, um neue Elemente zu erlernen und einzubauen, ihre Übungen weiter aufzustocken. Auch tat es ihr gut, mal ohne nervliche Belastung zu arbeiten, wobei ihr diese Pause auch beim parallelen Bewältigen des Abiturkurses an der Abendschule half. Ende Juni stellte sich die gebürtige Saarländerin dann bei der EM-Qualifikation in Chemnitz erstmals wieder den Kampfrichter vor und avancierte auf Anhieb zur stärksten Athletin. Beim folgenden Länderkampf bestätigte sie ebenso diese Spitzenstellung.

"Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden, was ich bisher erreicht habe", meint Pauline Schäfer, der zuletzt am Stufenbarren ihre bisher beste Wettkampfübung gelang. An ihren Paradegeräten Schwebebalken und Boden besitzt sie erneut beste Chancen, um zunächst die Finals zu erreichen. Besonderen Druck möchte sich die Weltmeisterin nicht machen, zumal bei diesen Titelkämpfen der Fokus auf dem Teamergebnis liegt. Dennoch würde sie zu gern nach WM-Gold und -Bronze (2015) erstmals auch eine EM-Medaille im Gepäck verstauen.
 

Pauline Schäfer

ist 21 Jahre alt und startet für den TuS Chemnitz-Altendorf. Sie stammt aus dem Saarland, trainiert seit 2012 bei Gabi Frehse. Am Schwebebalken ist sie Weltmeisterin (2017) und WM-Dritte (2015).

Andreas Bretschneider: Am Königsgerät Reck schrieb Andreas Bretschneider schon Geschichte: Seit 2014 steht er mit seinem hochkarätigen Flugelement (Doppelsalto gehockt mit zwei Längsachsendrehungen) im internationalen Regelwerk. Doch bei Top-Ereignissen konnte er sich für sein Risiko noch nicht belohnen. Bei der WM 2015, bei Olympia 2016 und bei der WM 2017 patzte er jeweils. "Ich war immer super vorbereitet, habe es aber nie geschafft, meine Leistung auf dem Punkt abzurufen", meint der 28-Jährige, den diese Erlebnisse natürlich wurmten. Besonders nach der vergangenen WM, für die er nach zwei Schulteroperationen monatelang unermüdlich für den Reckeinsatz geackert hatte, fiel es ihm schwer, sich neu zu motivieren.

Doch es gelang ihm zunächst über die Bundesligawettkämpfe und später über das wieder vielfältigere Trainieren an allen Geräten, aus diesem Tief herauszukommen. "Es macht einfach auch mehr Freude, wenn man als Mehrkämpfer für das Team turnen kann", erzählt Andreas Bretschneider, der sich bei den Qualifikationswettbewerben als einer der stärksten Akteure präsentierte. Dabei veränderte er auch seine Herangehensweise an seinem Paradegerät. In der Qualifikation zeigt er nicht die schwierigste Übung, dennoch Inhalte, die einen Einzug in den Endkampf, wo er dann draufpacken könnte, ermöglichen. "Die Einzelfinals sind bei dieser Mannschafts-EM aber zweitrangig, bei uns ist alles auf die Teamentscheidung ausgerichtet", stellt der Chemnitzer, der als einziger deutscher Turner an fünf Geräten (außer Ringe) zum Einsatz kommt, klar.

Andreas Bretschneider

ist 28 Jahre alt und startet für den KTV Chemnitz. Er wird von Sven Kwiatkowski trainiert. Am Reck ist er mehrfacher Weltcupsieger, zweifacher WM-Finalist und kreierte ein spektakuläres Element.

Joachim Eilers: In den vergangenen Monaten lief es für Joachim Eilers sportlich meist nicht so wie erhofft. Bei der Bahnrad-WM Anfang März konnte der zweifache Weltmeister (2016) sein damals starkes Potenzial nicht abrufen, da ihn ein Virusinfekt alle Kräfte raubte. So musste er auf das 1000-m-Zeitfahren - neben Keirin mit gleichfalls mehreren WM- und EM-Medaillen seine zweite Erfolgsdisziplin - verzichten. Durchwachsen gestaltete er auch die internationalen Wettbewerbe im Juni, ehe ihn wiederum bei den Deutschen Meisterschaften eine Zehenverletzung (Absage Keirin) zu schaffen machte. "Ich wollte kein Risiko eingehen. Doch inzwischen ist alles verheilt. Ich fühle mich gut drauf und gesundheitlich fit", versprüht der 28-Jährige Zuversicht.

Für die EM sieht er, wenn die Tagesform passt, bei all seinen drei geplanten Einsätzen Chancen für Podestplätze. Im nichtolympischen Zeitfahren visiert er dabei erstmals eine Zeit unter einer Minute an. Zuletzt bei der DM musste er sich zwar dem Erfurter Maximilian Dörnbach (Chemnitzer Erdgasteam) geschlagen geben, doch davon lässt sich der Weltklassesprinter nicht verunsichern. Er vertraut auf sein Vorbereitungsprogramm, das ihn bisher immer befähigte, zum Topereignis seine beste Leistung abzurufen. Dass es wie zuletzt im Oktober 2017 bei der EM in Berlin beispielsweise im Keirin nicht funktionierte, lag nicht an der Physis, sondern an taktischen Fehlern. Zudem fuhr er im Teamsprint auf Position drei meist die Spitzenzeiten, rettet so manches bemerkenswerte Resultat. Letztgenannte Disziplin wird er mit Stefan Bötticher, seinem Vereinsgefährten beim Chemnitzer PSV, sowie erstmals Neuling Timo Bichler (Dudenhofen) als Anfahrer bestreiten.

Joachim Eilers

ist 28 Jahre alt und startet für den Chemnitzer PSV. Er stammt aus Köln, trainiert seit 2004 bei Ralph Müller und Andreas Hirschligau. Er ist zweifacher Weltmeister (2016) und dreifacher Europameister.

Stefan Bötticher: Nach einer langen Leidenszeit kann Stefan Bötticher endlich bei einem internationalen Topereignis wieder angreifen. Er durfte zwar bei der WM im März einmal im Teamsprint (Experiment als Anfahrer) ran. Doch in seiner Paradedisziplin Sprint, in der er 2013 WM-Gold und 2014 -Silber gewann, sowie im Keirin startete er bislang letztmalig 2015 bei einer WM. Schon damals konnte er sich verletzungsbedingt nicht optimal vorbereiten, danach plagte er sich mit verschiedenen gesundheitlichen, vor allem muskulären Problemen herum, die für diese Zwangspause sorgten. In den vergangenen Wochen meldete sich der 26-Jährige mit beachtlichen Ergebnissen, auch Siegen international in Tschechien und Polen (Finalerfolg gegen den siebenfachen Weltmeister Grégory Baugé aus Frankreich) zurück.

"Ich konnte auch ohne Probleme trainieren, musste nicht wie zuvor ständig einen Arzt aufsuchen", berichtet Stefan Bötticher. "Ich bin echt positiv gestimmt. Mal sehen, wozu es schon reicht. Nach drei Jahren Pause fehlt mir noch die Routine, zudem hat sich das Niveau erhöht", meint der Chemnitzer, für den während der schwierigen und teilweise nervenden Phase ein Aufgeben nie ein Thema war. Zugleich warnt er aber vor zu großen Hoffnungen, wobei er nach den bisherigen Resultaten trotzdem viel Rückenwind verspürt.

Die Radsportler können bei dieser EM zudem bereits erste Punkte für die Olympiaqualifikation 2020 sammeln. Ein zusätzlicher Anreiz besonders für "Bötti", der auch auf Rio 2016 verzichten musste.

Stefan Bötticher

ist 26 Jahre alt und startet für den Chemnitzer PSV. Er stammt aus Breitenworbis, trainiert seit 2010 bei Ralph Müller und Andreas Hirschligau. Er ist zweifacher Weltmeister (2013).

Multi-Sportevent als Klein-Olympia von Europa 

Zeitgleiche Titelkämpfe in sieben Sportarten sollen sinkende Zuschauerzahlen auffangen - Umfassende Fernsehübertragungen geplant 

Die European Championships, die vom 2. bis 12. August in Glasgow und Berlin stattfinden, stellen ein Projekt dar, wie Europameisterschaften in sieben Sportarten und 13 Disziplinen zeitgleich unter einen Hut gebracht werden können. dpa-Redakteur Frank Thomas beleuchtet die Hintergründe.

Was sind die European Championships?

Es ist eine Bündelung von sieben EM in den Sportarten Leichtathletik, Schwimmen, Turnen, Radsport, Triathlon, Rudern und Golf innerhalb von elf Tagen. Nur die Leichtathletik-EM findet in Berlin statt, alle anderen Titelkämpfe in Glasgow und Umgebung. Insgesamt werden über 4500 Athleten aus 52 Nationen um 188 Medaillensätze kämpfen.

Was sind die Gründe, ein solches Format zu starten?

Die Europameisterschaften in den traditionellen olympischen Sportarten haben eine lange, teils über 120 Jahre währende Tradition. Wegen der immer stärkeren Dominanz des Fußballs im TV sollen die European Championships nun dazu beitragen, das Interesse an den einzelnen Sportarten wieder zu erhöhen. "Wir wollen einen Sportanlass schaffen, der die Europameister aufwertet und den die Zuschauer unbedingt in den Medien und vor Ort verfolgen wollen", sagte Marc Jörg (Schweiz), Geschäftsführer der European Championships. "Das Ganze ist größer als die Summe der Teile."

Wann entstand der Gedanke für ein solches Multi-Event?

Seit mehr als zehn Jahren gibt es in Verbänden das Vorhaben einer Bündelung der Titelkämpfe. Konkret seit 2011 beschäftigt man sich mit dem Projekt, das sich in ähnlicher Form auf anderen Kontinenten seit Jahrzehnten - wie bei den Asienspielen oder den Pan-American- Games - großer Resonanz erfreut.

Warum finden die Championships in zwei Städten statt?

Ursprünglich war nur ein Austragungsort das Ziel. Doch unterschiedliche Interessen der Verbände, Vermarktungsstrategien und TV-Verträge führten schließlich zu der jetzigen Kompromisslösung mit Berlin und Glasgow. Eigentlich wollten noch mehr europäische Sportverbände mit ins Boot, hatten aber zum Start der Pilotprojekts schon fest fixierte Austragungsorte oder Fernsehverträge. Es ist denkbar, dass bei einem Erfolg künftig noch mehr Sportarten an den European Championships teilnehmen.

Kann Glasgow ein solches Multi-Event überhaupt stemmen?

Mit der exzellenten Durchführung der Commonwealth-Games 2014 und der Turn-WM 2015 hat die schottische Metropole beweisen, dass sie Potenzial für eine solche Massenveranstaltung hat. Organisation und Logistik sollten funktionieren. Ein Problem waren die Zeitpläne, damit sich die Entscheidungen nicht überschneiden.

Was erhoffen sich die veranstaltenden Verbände?

Der bislang schon überfrachtete Terminkalender soll durch die Komprimierung übersichtlicher werden. Doch vor allem ist das Ziel, die in den vergangenen Jahren sinkenden Zuschauerzahlen aufzufangen.

Welche TV-Quoten werden erwartet?

Die Planungen der Fernsehsender zeigen, dass diese Spiele zu wesentlich mehr Übertragungsstunden mit weit höherer Reichweite und rund 1,3 Milliarden potenziellen Fernsehzuschauern führen. Vorgesehen sind über 2800 Sendestunden in 43 europäischen Ländern. Die Zeitpläne wurden zu einem Gesamtplan zusammengeschmiedet, um die einzelnen Bedürfnisse der Verbände mit den Interessen der Fernsehsender unter einen Hut zu bringen. (dpa)

Service 

Zeitpläne Starter der Region starten an folgenden Tagen in Glasgow:

Bahnradsport: 3. August: Teamsprint (Stefan Bötticher, Joachim Eilers); 4. August: 1000-m-Zeitfahren (Eilers); 6. August: Sprint (Bötticher); 7. August: Keirin (Bötticher, Eilers).

Turnen: Frauen: 2. August: Qualifikation (Pauline Schäfer); 4. August: Teamfinale; 5. August: Gerätfinals.

Männer: 9. August: Qualifikation (Andreas Bretschneider), 11. August: Teamfinale; 12. August: Gerätfinals.

Leichtathletik in Berlin: Spezielle Informationen bringt "Freie Presse" in den nächsten Tagen.

Fernsehen: ARD und ZDF planen über 100 Sendestunden und zusätzliche Onlineangebote. Es sind tägliche Übertragungen vom Morgen bis zum späten Abend vorgesehen. (fp)

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