Warum Teams den WM-Lauf am Sachsenring boykottieren wollten

Beim Auftakt-Grand-Prix der Motorrad-WM in Katar sorgten im Fahrerlager Steuerbescheide vom Finanzamt Zwickau für Aufregung. Auslöser für den Ärger um vermeintliche Steuernachzahlungen soll ein Rennstall sein.

Als wären die Rennen beim Saisonstart der Motorrad-WM nicht aufregend genug gewesen, sorgte im Fahrerlager in Katar Post aus Zwickau für emotionale Diskussionen. "Wenn wir auf dem Sachsenring nicht mehr erwünscht sind, sollten wir den Grand Prix absagen oder ihm einfach fernbleiben", sagte Gino Borsoi, Sportdirektor des Ángel-Nieto- Teams, dem Fachportal speedweek.com. "Alle Teams halten in dieser Causa zusammen. Denn es sind alle Rennställe betroffen, egal ob Moto3, Moto2 oder MotoGP, egal ob Werksteam oder Privatteam."

Was den Italiener und weitere Teamchefs so auf die Palme brachte? Rund um den Jahreswechsel erhielten zahlreiche Rennställe beziehungsweise Piloten Briefe vom Finanzamt Zwickau. Darin die Forderung, Steuern für die zurückliegenden Grands Prix in Deutschland nachzuzahlen.

Was ist dran an dem Thema, das vor anderthalb Wochen in Katar beim offiziellen Treffen der Teamvereinigung Irta diskutiert wurde? Warum kocht die Steuerproblematik jetzt, 21 Jahre nach der Rückkehr der WM auf den Sachsenring, hoch? Fakt ist: Grundsätzlich müssen nach deutschem Einkommenssteuergesetz Einkünfte, wie Prämien und Gewinne, bei Veranstaltungen versteuert werden. Egal, ob Rennen gewonnen oder Tore erzielt werden, ob ein Schauspieler auf der Bühne steht oder ein Künstler seine Bilder ausstellt. Das gilt laut Paragraph 50 a Einkommenssteuergesetz auch für Personen, die im Ausland wohnen.

Deutsche Teams und Fahrer müssen ohnehin hierzulande Steuern zahlen. Bei ausländischen Rennställen, die ausschließlich beim Sachsenring-Grand-Prix Steuern an den deutschen Fiskus abführen müssen, gestaltet sich die Angelegenheit komplizierter. Unter anderem, weil der WM-Vermarkter Dorna und die Teamvereinigung Irta die Zahlungen streng geheimhalten. Das Bundeszentralamt für Steuern in Bonn hat deswegen mit den Veranstaltern einen Kompromiss ausgehandelt: Die Behörde schätzt Preisgeld, Einkommen etc. und verlangt eine Pauschale, die der Grand-Prix-Veranstalter zahlt und damit die Steuerschuld begleicht. In Veranstalterkreisen wird diese Abgabe ans Finanzamt als Ausländersteuer bezeichnet.

Warum flatterten dennoch Steuerbescheide in die Briefkästen der internationalen WM-Teams? Das Finanzamt Zwickau äußert sich auf Anfrage nicht, verweist auf das Steuergeheimnis.

Nach "Freie Presse"-Informationen soll ein Rennstall die gesamte Verwirrung ausgelöst haben. Ein WM-Team nahm es besonders genau und zahlte fälschlicherweise von sich aus Steuern. Dies warf im Zwickauer Finanzamt, das erst im Dezember mit dem Hohenstein-Ernstthaler fusionierte und seitdem zuständig ist, offensichtlich die Frage auf, warum die anderen Teams ihrer Steuerpflicht nicht nachkommen. Und das offenbar schon seit Jahren. So erhielten Teams und Fahrer Steuerbescheide - rückwirkend bis zum Jahr 2010.

Die Prämien und Zahlungen an die weltbesten Motorradfahrer und deren Teams sind zwar ein streng gehütetes Geheimnis. Man kann aber davon ausgehen, dass sich die Forderungen des Finanzamtes teilweise auf siebenstellige Beträge summierten. Schließlich ging es um Einkünfte von insgesamt acht Grands Prix. Dementsprechend ist auch nachzuvollziehen, warum einige Teamchefs befürchteten, ihre Lastwagen, Motorräder und das übrige Teameigentum würden gepfändet, sobald sie nach Deutschland kommen. "Wir müssen mit unseren Trucks immer wieder durch Deutschland fahren. Zum Beispiel auf dem Weg nach Assen. Oder nach Brünn. Naja, dorthin können wir über Österreich ausweichen", erklärte Luca Boscoscuro, Teambesitzer des italienischen Motorradherstellers Speed-up, gegenüber speedweek.com.

Der ADAC, Veranstalter des Sachsenring-Grand-Prix, weiß um die Steuerbescheide und reagiert gelassen. "Nach aktuellem Kenntnisstand gehen wir davon aus, dass sich die Angelegenheit zwischen Teams und Finanzbehörde klärt und es keine Auswirkungen auf die Veranstaltung geben wird", teilte der ADAC auf Nachfrage mit.

Die Teamvereinigung Irta hat einen Anwalt beauftragt, der sich um die Sache kümmern soll. Sollten die Veranstalter der vergangenen Sachsenring-Grands-Prix brav die Ausländersteuer abgetreten haben, dürfte die Auflösung des Problems für den Juristen eine leichte Aufgabe werden - und das Thema für Fahrer, Teambesitzer und beunruhigte Motorradfans am Sachsenring eine folgenlose Anekdote bleiben.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 2 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...