Was die deutsche Abwehr so stark macht

Die Handball-Nationalmannschaft ist mit einem 24:19-Sieg gegen Island in die Hauptrunde der Heim-WM gestartet. Schlüssel zum Erfolg war wie schon in der Vorrunde die Verteidigung.

Köln.

Sie ist das Prunkstück, der Grund, warum die deutschen Handballfans vom WM-Titel im eigenen Land träumen dürfen: die Abwehr der DHB-Auswahl. Im Schnitt kassierte die Nationalmannschaft in diesem Turnier nur 21,67 Gegentore pro Partie - so wenig wie kein anderes Team. Bundestrainer Christian Prokop bezeichnet nach dem 24:19 (14:10)-Erfolg am Sonnabend im ersten Hauptrundenspiel gegen Island seine Defensive als "Fundament" und bescheinigte ihr eine "Topleistung". "Freie Presse" analysiert die Vorzüge der deutschen Abwehr.

Physis: Patrick Wiencek ist 2,01 Meter groß, Hendrik Pekeler 2,03 Meter. Sie bringen gemeinsam 221 Kilogramm auf die Waage. Der deutsche Innenblock - die zwei zentralen Verteidiger einer Abwehr - allein stellt dadurch eine gewaltige Mauer dar. Brauchen "Bam Bam" (Spitzname von Wiencek) oder "Peke" eine Pause, kommt Finn Lemke. Der Hüne bringt mit einer Körpergröße von 2,10 Meter noch einmal mehr Masse mit. "Wir sind groß, kräftig und haben noch einen Andi Wolff im Tor. Wenn man da keine gute Abwehr spielen kann, dann weiß ich es auch nicht", erklärt Wiencek. Auch die Nebenleute glänzen mit Physis: Zwölf der 16 DHB-Spieler sind größer als 1,90 Meter. Außenspieler Matthias Musche ist mit 1,86 Metern der "Zwerg" im Team.

Abstimmung: "Wir spielen schon seit einigen Jahren zusammen", erklärt Nummer eins Wolff die funktionierende Abstimmung. Und das nicht nur in der Nationalmannschaft: Wiencek, Pekeler und Wolff stehen auch beim THW Kiel gemeinsam auf dem Feld. "Das ist sicher ein Riesenvorteil. Aber auch, wenn jemand anderes reinkommt, weiß jeder, was er zu tun hat", sagt Wiencek vor allem mit Blick auf Lemke von der MT Melsungen. Der Bundestrainer lässt seinem Prunkstück viele Freiheiten: "Patrick, Peke und Finn haben das Abwehr-Chefkommando. Sie sprechen sich vor den Spielen ab und stellen in den Partien die Gegner vor unterschiedliche Aufgaben", berichtet Prokop. Gegen Island wechselte Deutschland mehrfach zwischen zwei Systemen. "Wir hatten dadurch viele gelungene Aktionen in der Abwehr, die die Isländer ins Hintertreffen gebracht haben", meint Prokop.

Überzeugung und Wille: Im Vergleich mit den anderen Topnationen fehlt es Deutschland an überragenden Individualisten im Rückraum. Dieses Manko lässt sich nur über eine starke Defensive ausgleichen. Denn erkämpft sich die Abwehr die Kugel, dann kann Uwe Gensheimer auch in Tempogegenstößen glänzen. Die Mannschaft weiß, dass sie den Titel nur über eine herausragende Verteidigung holen kann - und dementsprechend agiert sie auch, gibt keinen Zentimeter kampflos her. "Diese Ringkämpfe, wenn du einen Ball blockst und der Kugel hinterher hechtest, wenn dich die Fans dafür feiern - das macht Spaß. Das ist ein ähnlich gutes Gefühl wie bei einem Tor", beschreibt Pekeler den Reiz an der Abwehrarbeit.

Experte auf der Bank: Die Aufgaben von Teammanager Oliver Roggisch liegen eigentlich im organisatorischen Bereich. Der 40-Jährige sitzt - bzw. wütet - seit dem enttäuschenden neunten Platz bei der EM im vergangenen Jahr an der Seitenlinie. Er sorgt neben den Taktikfüchsen Prokop und Co-Trainer Alexander Haase für die Emotionen. Roggisch war auch der Abwehrchef der Weltmeister-Mannschaft von 2007, einer der gefürchtetsten Verteidigungsspezialisten seiner Generation. "Er erklärt uns während des Spiels, was wir in den jeweiligen Situationen besser machen können", sagt Wiencek. "Er hat so viel Erfahrung, wenn man davon nicht profitieren würde, wäre man ziemlich blöd."

Fazit und Ausblick: "Die Mischung aus Größe, Spielintelligenz und Schnelligkeit auf den Beinen macht unsere Abwehrreihe zu einer der stärksten der Welt", bringt es Torhüter Wolff auf den Punkt. Die Verteidigung wird auch wieder gegen Kroatiens Offensive um den Welthandballer von 2013, Domagoj Duvnjak, gefordert sein. Der Rückraumspieler verdient seine Brötchen wie Wolff, Pekeler und Wiencek beim THW Kiel. "Natürlich ist es ein Vorteil, wenn man seine Lieblingsecke und -täuschungen kennt", meinte Pekeler vor dem nächsten Topspiel. "Ob uns das hilft, seht ihr am Montag ab 20.30 Uhr."


Semper ausgetauscht, Däne ersetzt seinen Bruder, bitteres Aus für Spaniens Torwart 

Nicht mehr im deutschen Kader steht seit Sonnabend Franz Semper. Der 21-jährige Bornaer vom SC DHfK Leipzig musste für Kai Häfner Platz machen. Häfner war erst kurz vor der WM gestrichen worden. Der 29-Jährige vom TSV Hannover-Burgdorf trainiert bereits seit Mittwoch mit der Mannschaft, nachdem sich die etatmäßige Nummer eins im linken Rückraum, Steffen Weinhold, eine Zerrung zugezogen hatte. "Ich wollte unbedingt Steffen im Kader lassen. Gegen Island habe ich ihn geschont, er kann noch eine ganz bedeutende Rolle bei dieser WM spielen. Franz gehört die Zukunft. Er hat bisher viel Erfahrung sammeln können und bleibt weiter im Kreis der Mannschaft. Kai bringt einfach viel Erfahrung im Umgang mit so vielen Zuschauern und den Gegnern, die jetzt kommen, mit", erklärte Bundestrainer Christian Prokop. Er hat nun noch zwei Wechseloptionen.

Toft Hansen ersetzt Toft Hansen im Kader der Dänen: Weil sich Kreisläufer René, ehemals THW Kiel, in der Vorrunde an der Leiste verletzte, wurde sein jüngerer Bruder Henrik ins Team berufen.

Unglücklich verletzt hat sich Spaniens Torwart Rodrigo Corrales. Im Training in der Kölnarena kippte eine Werbebande um und dem Profi von Paris St.-Germain auf den Fuß. Damit war die WM für den Keeper vorbei. Die Spanier nominierten Arpad Sterbik nach. Die 30:33-Niederlage des amtierenden Europameisters gegen Frankreich konnte der 39-jährige Routinier im Kasten der Spanier nicht verhindern. (sesi)

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