Weiter heiß auf Eis

Deutschland bleibt bei der Heim-WM in Inzell ohne Medaille, wobei ein Thüringer einen ganz bitteren Moment erlebt. Auch Nico Ihle kann nicht auf das Podest springen. Der Sachse nimmt es als Motivation für die nächste Saison.

Inzell.

Drei WM-Starts nach der ersten Vorbereitung ohne Trainer, drei Steigerungen zum Höhepunkt und drei neue Bestzeiten auf europäischen Eisbahnen - und dennoch kein Platz auf dem Podest. Für manch einen, der sich schon mal Vize-Weltmeister nennen durfte, wäre diese Bilanz ein Grund zum Trübsal blasen. Nico Ihle dagegen schaltete nach seinem letzten Rennen bei der Einzelstrecken-WM der Eisschnellläufer in Inzell, in dem er am Sonnabend über 1000 Meter Rang acht belegte, sofort auf Angriff um. Jegliche Gedanken an ein Karriereende störten da nur: "Ja, ich mache weiter, denn solche Ergebnisse motivieren mich eher", antwortete der 33-Jährige ohne Zögern auf eine diesbezügliche Frage.

In der Eisarena am Fuße des Falkensteins hatte der 500-Meter-Vizeweltmeister von 2017 mit Bruder Denny und dem Inzeller Joel Dufter zudem Rang vier im Teamsprint sowie Platz elf über 500 m erkämpft. Und dass es ein harter Kampf ist, in der absoluten Weltspitze der Sprinterasse mitzumischen, zeigte sich erneut über die 1000 m. Lange lag der Athlet von der Chemnitzer Skater-Gemeinschaft (CSG) hervorragend im Rennen. Dann musste er seinem rasanten Angang, ohne den es kaum noch etwas zu gewinnen gibt, Tribut zollen. "Die ersten 600 Meter war ich voll im Soll und bei den Besten dabei. Dann musste ich alles raushauen und die Beine gingen in der letzten Kurve zu", schilderte der Lichtensteiner das Rennen, welches Kai Verbij vor Olympiasieger Kjeld Nuis (beide Niederlande) gewann.

Wieder auf das Podest zu springen, reizt auch Ihle ungemein. "Natürlich ärgere ich mich, dass ich nicht ganz vorne hineinlaufen konnte. Aber immer, wenn ich die anderen schneller laufen sehe, arbeitet es bei mir im Kopf, was ich verbessern kann", erzählte der Sachse und fügt an. "Ich bin jetzt schon heiß und würde am liebsten sofort beginnen, um zu arbeiten und alles zu verbessern. Zu wissen, dass es noch besser geht, hält mich am Leben." Potenzial sieht er zum Beispiel in der Intensität beim Radtraining oder bei den Höchstgeschwindigkeiten, die er im Training viel öfter laufen möchte, um im Rennen darauf vorbereitet zu sein. "Das kannst du aber nur in einer größerer Gruppe machen, um nicht kaputtzugehen", meinte Ihle.

Leichter gesagt als getan. In Chemnitz steht dem Olympiaachten über 1000 Meter mit Bruder Denny nur ein Partner und Motivator zur Seite. Auch deshalb möchte Nico Ihle die gemeinsame Trainingsarbeit mit seinen Sprintkollegen Joel Dufter (Inzell), Hendrik Dombek (München) oder auch den besten deutschen Junioren intensivieren. "Da gibt es erste Überlegungen, dass wir öfter etwas im Trainingslager zusammen machen, um voranzukommen", erzählte der 33-Jährige von seinen Ideen. Ob Denny Ihle diese mit umsetzen kann, hängt jedoch von einem maßgeblichen Punkt ab. "Wenn mir der Verband das Vertrauen schenkt, in meine Zukunft investiert und die Stelle in der Bundeswehrsportfördergruppe zur Verfügung stellt, würde ich gern ein Jahr weitermachen", sagte der 34-Jährige aus Freiberg, der dabei auch an seine Familie denken muss. Seine zwei Töchter und seine Lebensgefährtin waren in Inzell als Zuschauer mit von der Partie.

Verstärkt wurde der "Ihle-Fanblock" in der Max-Aicher-Arena freilich auch von Nico Ihles zwei Töchtern und seiner Ehefrau Anni, die ein wichtiger Fixpunkt in den sportlichen Zukunftsplanungen ist. "Meine Familie steht voll hinter mir, darauf kann ich mich verlassen. Ich bin immer noch heiß auf diesen Sport und mit Spaß dabei", sagte der zweifache Weltcupsieger, der bei der Sprint-WM in zwei Wochen in Heerenveen erneut gefordert ist. Dann wird sicher auch wieder das ein oder andere Telefonat mit Klaus Ebert anstehen. Denn sein ehemaliger Trainer ist zwar als Rentner seit dieser Saison im Ruhestand, aber offenbar weiter voll bei der Sache. "Wir haben fast täglich telefoniert. Er ist jetzt sogar noch mehr beunruhigt als früher, denn zu Hause vor dem Fernseher kann er nicht mehr eingreifen", erzählte Nico Ihle. "Aber das muss er halt lernen."


Beckert fehlen 2,7 Zentimeter an Bronze 

Lauenhainer Felix Maly Zehnter im Massenstart 

Der Grat zwischen Triumph und Tränen kann äußerst schmal sein. Schlappe 2,7 Zentimeter fehlten Patrick Beckert über 10.000 Meter an Bronze und trennten die Deutsche Eisschnelllauf- Gemeinschaft (DESG) von ihrer einzigen WM-Medaille. Die Winzigkeit von zwei Tausendstel gaben am Ende den Ausschlag für den Russen Danila Semerikow und gegen den Erfurter. "Ein ganz bitterer Moment. Dabei ärgere ich mich nicht über meinen Lauf, die Zeit oder den Platz, sondern eben über diese zwei Tausendstel", sagte der 28-Jährige, der 2015 und 2017 jeweils WM-Bronze über die längste olympische Distanz im Eisschnelllauf erkämpft hatte. Wo der Sechste über 5000 Meter, der in Erfurt mit seinem jüngeren Bruder Pedro ein Trainingsgespann bildet, die Bruchteile von Sekunden liegengelassen hatte, wollte Beckert gar nicht erst analysieren. "Zwei Tausendstel gewinnt oder verliert man nicht. Das ist einfach dumm gelaufen", sagte er.

Durch das Pech des Thüringers blieb die DESG in Inzell wie bei der Weltmeisterschaft 2016 und den Olympischen Spielen 2014 und 2018 ohne Podestplatz. Denn in den abschließenden vier Wettbewerben vom Sonntag hatten die deutschen Athleten mit den vorderen Rängen nichts mehr zu tun. Der für den EC Erfurt startende Lauenhainer Felix Maly verkaufte sich im Massenstart der Männer mit Platz zehn aber ordentlich. Hier holte sich der US-Amerikaner Joey Mantia den Sieg. Bei den Frauen hatte zuvor Irene Schouten triumphiert und die insgesamt achte Goldmedaille für die Niederländer erkämpft. tt


Und sie läuft und läuft und ... 

Claudia Pechstein ist exakt so schnell wie vor acht Jahren und peilt Olympia 2022 an 

Claudia Pechstein herzte noch schnell ihre Freundin Gabriela Sablikova. Die Tschechin (32) hatte nach den 3000 gerade auch die 5000 Meter gewonnen, dann kam die Berlinerin recht gut gelaunt zu den Journalisten. Diese schauten sich auf einem TV-Monitor gerade die Ergebnisliste an. Flugs tippte Pechstein auf ihre Endzeit von 7:00,90 Minuten und meinte: "Ich bin exakt die Zeit wie vor acht Jahren gelaufen, darauf bin ich unheimlich stolz. Das ist Wahnsinn", sagte die Frau, die am 22. Februar 47 Jahre alt wird.

Einziger Unterschied: Bei der Weltmeisterschaft 2011 in Inzell war sie Dritte geworden, diesmal sprang Rang sieben heraus. Die beste deutsche Eisschnellläuferin bei der WM 2019, die als einzige die Kriterien für die Einstufung als Olympiakader erfüllte (Platz eins bis acht), nahm das nicht weiter tragisch. "Dass ich nicht mehr um die ersten Plätze mitlaufen kann, das war mir vorher klar. Diese Option hatte ich nicht", meinte sie.

Wie eine Gewinnerin fühlte sich die fünffache Olympiasiegerin nach den 5000 Metern trotzdem. "Nach den aktuellen Umständen ist das für mich ein Sieg. Hätte ich denn Lauf nicht gemacht, hätte ich wahrscheinlich aufgehört", sagte Pechstein. "Jetzt ist das klare Ziel, definitiv weiter bis Olympia zu laufen", meinte sie und spielte damit auf ihren bereits zehn Jahre dauernden juristischen Kampf an. Zuletzt hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte am Dienstag, zwei Tage vor WM-Beginn, Pechsteins Berufung zu einem Urteil vom 2. Oktober 2018 zurückgewiesen. Sie hatte daraufhin auf Facebook frustriert von "einem Tiefschlag" gesprochen und die 3000 Meter sowie die Teamverfolgung - wodurch der deutsche Startplatz frei blieb - abgesagt.

Über 5000 Meter hielt sie aber als Einzige die deutsche Fahne hoch. Und auch wenn sie am Sonntag im Massenstart als Zwölfte nicht in die Top Ten kam, Claudia Pechstein wird weiter ihre Bahnen auf dem Eis ziehen und so manchen Altersklassenweltrekord aufstellen. Die nächsten Olympischen Winterspiele finden 2022 in Peking statt. tt


Niederländer stellen Gros der Zuschauer - Inzeller stolz auf erfolgreiches Dreigestirn 

Mehr als 1500 niederländische und etwa 500 norwegische Fans hatten Tickets für alle vier WM-Tage bestellt. Richtig voll war die Max-Aicher-Arena im Gegensatz zur WM 2011, als fast jeden Tag 5000 Menschen die Wettkämpfe verfolgten, aber nie. Donnerstag kamen 2200, Freitag 3100, Samstag 3300 und Sonntag 3200 Zuschauer. Die Eintrittspreise für ein Tagesticket (Stehplatz: 25 Euro; Sitzplatz: 45 oder 50 Euro) könnten manchen abgeschreckt haben.

Bereits zum zwölften Mal war Inzell Gastgeber einer Eisschnelllauf-WM. Darauf sind die knapp 5000 Einwohner der Gemeinde in den Chiemgauer Alpen stolz, ebenso wie auf ihr erfolgreichstes Dreigestirn Anni Friesinger, Erhard Keller und Monika Holzner- Gawenus, die einst für den DEC Inzell Olympiasiege einfuhren.

Anni Friesinger holte drei olympische Goldmedaillen. Die inzwischen 42-Jährige ist mit dem ehemaligen niederländischen Weltklassemann Ids Postma verheiratet und Mutter zweier Töchter. Die 16-fache Weltmeisterin betreibt in Salzburg ein Geschäft für Kindermode.

Erhard Keller, der 1968 in Grenoble und 1972 in Sapporo Olympiagold über 500 Meter gewann, lebt in München und besitzt in Inzell eine Zweitwohnung. Dort genießt der agile 74-Jährige das Rentnerdasein und steht mindestens noch alle zwei Tage selbst auf den schmalen Kufen.

Monika Holzner-Gawenus gewann in Sapporo unter ihrem Mädchennamen Pflug als 17-Jährige Gold über 1000 Meter. Die vierfache Mutter, die in Inzell wohnt, kümmert sich dort um den Eisschnelllauf-Nachwuchs und ist jetzt 64 Jahre alt. tt

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