WM-Prüfung für Schwimm-Teamchef Berkhahn

Seit Februar ist Bernd Berkhahn Teamchef der deutschen Schwimmer. In Magdeburg hat er sein Können als Trainer bereits gezeigt. Doch beherrscht er auch die neue Rolle? Der frühere Bundestrainer hat «Bauchschmerzen». Er arbeitet mittlerweile ganz woanders.

Gwangju (dpa) - Ein Spruch hier, ein Augenzwinkern da und zwischendurch die fachmännische Rennanalyse: Bernd Berkhahn vermittelt in den ersten WM-Tagen in Südkorea nicht den Eindruck, als würde er in seiner neuen Funktion als Teamchef der deutschen Schwimmer einen besonderen Druck verspüren.

Der Magdeburger ist Trainer von Hoffnungsträger Nummer eins, Florian Wellbrock, und Schmetterlings-Expertin Franziska Hentke. Er hat beim Saisonhöhepunkt aber auch erstmals nach der mit viel Wirbel beendeten Ära von Ex-Bundestrainer Henning Lambertz die Verantwortung für alle anderen deutschen Becken-Asse.

Vor seinem Amtsantritt am 1. Februar warb Berkhahn für eine «vertrauensvolle Kultur» im Verband und für das Abrücken von einer Hierarchie mit einem «Bestimmer». Forsche Aussagen sind vor oder während der WM-Tage von Berkhahn bislang nicht zu vernehmen, Medaillenziele nannte er auch keine.

Aber nach zwei Olympischen Spielen ohne Beckenmedaille und nur einmal Silber bei der WM 2017 lechzen die Schwimmer ein Jahr vor dem Ringespektakel in Tokio nach Erfolgen. Top-Sportler hat Berkhahn wiederholt ausgebildet. Bei der WM kann oder muss er nun beweisen, dass er es auch als Boss eines ganzen Teams draufhat.

Berkhahn wird von Teamcoach Hannes Vitense in einem «Tandemmodell», wie es der Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) Thomas Kurschilgen nennt, unterstützt. Auch für Kurschilgen ist es die Premiere in verantwortlicher DSV-Position bei einem Großereignis.

Im Vergleich zur Lambertz-Zeit hat das Duo Berkhahn/Vitense einiges umgestellt. So haben etwa Heimtrainer und Sportler mehr Eigenverantwortung, Normzeiten wurden gesenkt.

Aus Schwimmerkreisen gibt es erst mal Lob. «Das hat es mir ermöglicht, ohne große Vorbereitung die Norm zu erfüllen und danach ganz normal mein Training fortzusetzen», sagt der Heidelberger Lagen-Spezialist Philip Heintz, der dafür «sehr dankbar» ist. «In meinem normalen Alltag merke ich von den beiden nichts, was ich sehr positiv finde. Das ist ja genau das, was ich schon früher gerne gehabt hätte.» Heintz war bei den Weltmeisterschaften 2017 in Budapest mit Lambertz aneinandergeraten - auch, weil er sich eingeengt gefühlt hatte.

Der 48-jährige Lambertz unterrichtet mittlerweile an einer Realschule Sport und Biologie. Sein Herz hängt aber noch am Schwimmsport, die WM verfolgt er mit Smartphone und Tablet «bewaffnet» im Familienurlaub am Strand in Südfrankreich. Von 2013 bis zu seinem Rücktritt 2018 - offiziell aus persönlichen Gründen, aber auch wegen unterschiedlicher Ansichten mit Kurschilgen - hatte Lambertz die DSV-Schwimmer geführt. Er setzte dabei auf harte Normen, ein Kraftkonzept und Zentralisierung. Er sieht die Entwicklung unter Berkhahn kritisch, weil er von seiner eigenen Strategie weiter überzeugt ist.

«Klar tut das weh, wenn das, was man als richtigen Weg sieht, angepasst wird. Deshalb habe ich gerade auch ein bisschen Bauchschmerzen», sagt Lambertz. «Insellösungen sollten nicht die Grundidee eines Cheftrainers sein.»

Berkhahns Sportler haben damit naturgemäß kein Problem. Als Erste erfüllte sein Magdeburger Schützling Finnia Wunram im Freiwasserschwimmen im Hafenbecken des Weltausstellungsgeländes von 2012 ihr WM-Ziel: Sie buchte als Achte im Zehn-Kilometer-Rennen ihr Olympia-Ticket für Tokio 2020.

In den prestigeträchtigen Beckenwettbewerben will Vize-Weltmeisterin Hentke über 200 Meter in Südkorea wieder ihr Können zeigen. «Bernd ist der größte Arbeiter den ich kenne», beschreibt sie ihren langjährigen Coach. «Für ihn ist es nicht nur Beruf, sondern Hobby, Leidenschaft, Herzblut. Er hat mich in den letzten Jahren zur Weltklasse geschmiedet und geformt», ergänzt die 30-Jährige.

Auch Schwimm-Idol Britta Steffen bezeichnet Berkhahn als «super Trainer». Ihr früherer Erfolgstrainer Norbert Warnatzsch, der auch Franziska van Almsick betreute, ist Teil von Berkhahns Team in Magdeburg. Der DSV betonte wiederholt, dass sein Teamchef keine «Doppelrolle» habe. Klar ist aber, dass Berkhahn an mehr Fronten als vorher gefordert ist. Und klar ist auch, dass alle genau schauen werden, wie ausgewogen der Magdeburger als Teamchef agiert.

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