Zwei Brüder, ein Ziel, kein Trainer

Nico und Denny Ihle wählten in der Saisonvorbereitung einen ungewöhnlichen Weg. Die erste Nagelprobe müssen die beiden Chemnitzer Eissprinter bereits am Wochenende bestehen - und die Skeptiker überzeugen.

Chemnitz.

Der altehrwürdige Kraftraum in der Eiskunstlaufhalle am Chemnitzer Küchwald: Stramme 160 Kilogramm wiegt die Hantel, die auf Denny Ihles Schultern drückt, die er nach oben stemmen will. "Komm, zieh", feuert ihn Nico Ihle an und sein ein Jahr älterer Bruder drückt schnaufend die Knie durch. "Nico ist darin 20 Kilogramm besser als ich, aber im Bankdrücken schaffe ich dafür mehr", sagt Denny. Es riecht nach Schweiß, aber auch nach Motivation und Ehrgeiz.

Die Stimmung bei den Eissprintern von der Chemnitzer Skater-Gemeinschaft ist trotzdem gelöst. Dabei steht vom Freitag bis zum Sonntag eine echte Nagelprobe für sie an. Bei den Deutschen Einzelstrecken-Meisterschaften im Eisschnelllaufen in Inzell wird sich herausstellen, ob die Geschwister in der Vorbereitung gut gearbeitet haben. Ob ihr spezieller, individueller, durchaus ungewöhnlicher Weg richtig war. Denn Nico und Denny Ihle haben sich ohne Trainer auf die neue Saison vorbereitet. "In Inzell müssen wir uns beweisen. Da wird sich zeigen, ob es funktioniert", sagt Nico Ihle und weiß um die Skeptiker: "Viele trauen uns das nicht zu."

Ihr Ex-Trainer Klaus Ebert, der sich nach den Olympischen Spielen in Südkorea im Frühjahr ins wohlverdiente Rentnerleben verabschiedet hat, gehört nicht dazu. Er glaubt an seine langjährigen Schützlinge, denen er ab und an ein paar Ratschläge gibt. Mehr aber auch nicht. Die Brüder haben ihr sportliches Schicksal selbst in die Hand genommen. "Es war von Anfang an eine neue Motivation, ohne Trainer unterwegs zu sein. Es hat sich irgendwie lockerer, freier, gelöster angefühlt", gibt 500-Meter Vizeweltmeister Nico Ihle (32) zu. "Was Herr Ebert aufgeschrieben hat, war mehr oder weniger Gesetz, aber die eine oder andere eigene Idee hatten wir schon", erklärt Denny Ihle (33).

Als Kritik an ihrem ehemaligen Coach wollen die beiden das keineswegs verstanden wissen. "Dafür haben wir ihm zu viel zu verdanken. Aber jetzt sind wir das erste Mal in der Lage, etwas selbstständig zu verändern", sagen sie unisono. So legten sie in der Vorbereitung zum Beispiel etwas mehr Wert auf die Grundlagenausdauer, gingen etwas später in den intensiven Bereich. Ob es funktioniert? "Die Frage stellen uns viele. Aber wir sind mittlerweile lange im Geschäft. Die ganze Trainingsplanung der letzten zehn, zwölf Jahre ist dokumentiert. Die Anmeldung für einen Wettkampf oder eine Hotelbuchung sollten wir in unserem Alter auch hinbekommen", erklärt Denny Ihle. Sein Bruder, langjähriger Trainingspartner und Gegner zugleich, ergänzt: "Mit einem 20-Jährigen kannst du das nicht machen. Aber wir profitieren jetzt davon, dass uns der Trainer immer eingebunden hat. Wir waren immer mit dem Kopf dabei und sind so auch gemeinsam in die Weltspitze gekommen."

Die Deutsche Eisschnelllauf- Gemeinschaft (DESG) hat den Weg der Sachsen abgesegnet - U-23-Coach Erik Bouwman fungiert als Ansprechpartner und Verbindungsmann. "Das habe ich gleich nach der letzten Saison mit Präsidentin Stefanie Teeuwen abgeklärt: Sie lassen uns in Ruhe, wir machen unser Ding und zahlen es mit Leistung zurück", sagt der Lichtensteiner Nico Ihle, der mit Denny ein klares gemeinsames Ziel ins Auge fasst: Die Einzelstrecken-Weltmeisterschaft Anfang Februar in Inzell.

In der Max-Aicher-Arena im Chiemgau hoffen die Familienväter, die jeweils zwei Kinder haben, auf den Heimvorteil und natürlich auch auf Erfolge. "Meinen Vizemeistertitel möchte ich schon gern verteidigen", blickt Nico Ihle voraus. Der dreifache Deutsche Meister Denny Ihle hingegen hängt seine Ambitionen ein Stück niedriger. Der Freiberger sieht vor allem im Teamsprint, für den die Deutschen als WM-Gastgeber als eine von acht Mannschaften gesetzt sind, eine gute Möglichkeit, sich in Szene zu setzen. "Da wäre es gut, wenn wir bereits im Weltcup in Richtung Medaillenplätze laufen", sagt der Angehörige der Bundeswehrsportfördergruppe Frankenberg.

Für die Weltcups muss sich das Brüderpaar kommendes Wochenende aber erst einmal qualifizieren. Viele Blicke werden auf das Chemnitzer Duo gerichtet sein, auch skeptische. Nico Ihle stört das nicht: "Der eingeschlagene Weg ist richtig und wann, wenn nicht nach einer olympischen Saison, sollen wir etwas verändern", sagt er und legt sich ein neues Gewicht auf. Bevor er die 180 Kilo zur Hochstrecke bringt, meint er: "Seit dem Trainingsbeginn im April gab es keinen Tag, an dem ich es ausfallen lassen wollte, an dem ich nicht motiviert war."

Eisschnelllauf-Termine

Weltmeisterschaft

07.-10.2.19 Inzell (Einzel)

23.-24.2.19 Heerenveen (Sprint)

02./03.3.19 Calgary (Mehrkampf)

Europameisterschaft

11. bis 13.1.19 Klobenstein

Weltcup

16.-18.11.18 Obihiro (JPN)

23.-25.11.18 Tomakomai (JPN)

07.-09.12.18 Tomaszow (POL)

14.-16.12.18 Heerenveen (NED)

01.-03.02.19 Hamar (NOR)

09.-10.3.19 Salt Lake City (USA)

Deutsche Meisterschaft

02.-04.11.18 Inzell

 

Shorttrack-Weltcup

01.-03.2.19 Dresden

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...