Das Flaschen-Geheimnis von Grünhain

Im Erzgebirge produziert Deutschlands einziges Gasflaschenwerk die immer gleiche Massenware. Wie geht das?

Grünhain-Beierfeld.

Wer Hans-Jürgen Werner besuchen will, muss erst einmal das Bürogebäude suchen. Das Betriebsgelände ist so mit Gasflaschen zugestellt, dass der Eingang nicht zu sehen ist. Überall türmen sich Paletten mit roten, grauen, blauen, braunen oder orangefarbenen Behältern. Sie stammen aus Deutschland, Tschechien, Polen, vom Balkan, einige sogar aus China. Die ältesten sind über 70 Jahre alt.

Hier bei der GWG Gasflaschenwerk Grünhain GmbH in einem Gewerbegebiet im Norden des Erzgebirgsorts werden sie überholt oder für den Schrott aussortiert; und natürlich werden auch neue Gasflaschen gefertigt. Die Internetseite des Betriebs heißt schlicht: gasflaschenwerk.de. Das hat Sinn - die GWG ist der einzige Gasflaschenhersteller Deutschlands. Ein Phänomen.

"Die Innovation bei diesem Produkt ist eigentlich gleich null", sagt Hans-Jürgen Werner. "Es ist eine reine Verpackung - ohne anderen Nutzen. Das einzige technische Feature ist das Ventil." Seit fünf Jahren ist er hier der Geschäftsführer, seine Firma mit 85 Mitarbeitern erwirtschaftet im Jahr einen Umsatz von 15 Millionen Euro, Tendenz leicht steigend - und das in einer Branche, in der sie bei den Herstellungspreisen niemals gegen Billiglohnländer konkurrenzfähig wären. Werner berichtet, bei Ausschreibungen sei sein Unternehmen grundsätzlich das teuerste. Das funktioniert aber trotzdem, denn das Gasflaschenwerk Grünhain hat einen großen Wettbewerbsvorteil: "Wir sind nicht nur Verpackungshersteller, sondern auch Logistiker."

Im Jahr 1930 wurden in Babelsberg bei Potsdam und in Elterlein im Erzgebirge die ersten Gasflaschenwerke gegründet. In der DDR war das Produkt ein Devisenbringer, noch im Wendejahr 1989 wurde das Werk in Elterlein Alleinhersteller. 2002 zog die Firma dann nach Grünhain um. Heute werden hier jährlich über 900.000 geschweißte Stahlflaschen im Niederdruckbereich für Propan, Butan und Kältemittel bearbeitet, über die Hälfte davon sind Neuflaschen - in den immer gleichen Baugrößen: 5 und 11 Kilogramm für den Haushaltsbedarf, 19 und 33 Kilo für die Industrie. Lediglich leichtere und umweltfreundlichere Premiumvarianten wurden zwischenzeitlich entwickelt. Vergangenes Jahr wurde die zehnmillionste Flasche in Grünhain gefertigt.

Hans-Jürgen Werner setzt auf Konstanz: "Unsere Kunden sind alle großen Flüssiggasversorger." Dazu gehören Westfalen AG, Tyczka und Progas in Dortmund. Die könnten dann auf ein umfassendes Logistiknetzwerk zugreifen. "Schon ab drei Paletten holen wir die Flaschen kostenfrei an jedem Standort in Deutschland ab." Gerade bei dieser flächendeckenden regionalen Durchdringung täten sich Konkurrenten aus Polen oder der Türkei schwer. Der Marktanteil des Gasflaschenwerks Grünhain liege in Deutschland bei 40 Prozent.

Mit speziell angefertigten Schnittwerkzeugen lässt die Firma kreisrunde Stahlplatten stanzen. Im Werk in Grünhain werden sie in Ziehpressen zu Kugelsegmenten verarbeitet, zwei Segmente werden jeweils von einem Industrieroboter zur Flasche verschweißt und lackiert; in die Oberseite kommt eine Öffnung, eine Muffe mit Kennnummer und das Ventil. Es gibt graue Flaschen, die dem Endkunden gehören, und rote Pfandflaschen des Energieversorgers, der sie auch befüllt.

Gebrauchte Flaschen werden von einem hausinternen Prüfdienst geprüft und restentleert; mit dem Gas wird der Betrieb zu großen Teilen beheizt. In einem Abbrennofen wird der Lack entfernt, dann geht es in die Wiederaufbereitung. Alle Flaschen, die älter als 50 Jahre sind, werden verschrottet. Das Problem: Oft weiß die Firma nicht, was sie erwartet, wenn sie gebrauchte Flaschen geliefert bekommt. "Alles läuft telefonisch", berichtet Geschäftsführer Werner. Und wenn die Mitarbeiter dann mit den Flaschen zurückkommen, stellt sich mitunter raus: "Auf dem Lkw ist was ganz anderes als ihnen angekündigt wurde."

Für die Zukunft aber kündigt sich hier doch eine Innovation an. In Grünhain arbeitet man an der "intelligenten Gasflasche" mit eingebautem RFID-Transponder. Damit könnte man stets genau sagen, wo sich eine bestimmte Flasche befindet, in welchem Zustand sie ist und wann der Kunde wieder eine neue braucht. Die klassische Flaschenverwaltung mittels Register, die ohnehin oft lückenhaft sind, würde damit irgendwann abgelöst.

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