Neue Werkstoffe für das Erzgebirge

Metall ist nicht alles: Das Erzgebirge soll Vorreiter für smarte Werkstoffe in Deutschland werden. Das ist Ziel eines mehrjährigen Förderprojektes. Denn gefragt sind zunehmend Materialien, in denen sich die Elektronik integrieren lässt. "Smart Erz" hat aber auch noch einen anderen Hintergrund.

Annaberg-Buchholz.

Jan Kammerl wischt Bedenken mit einem klaren Satz beiseite: "Wir werden den Teufel tun, in Zukunft kein Metall mehr im Erzgebirge zu verarbeiten. Wir haben ja viele Betriebe, die im Metallbereich unterwegs sind, die wollen wir nicht ausschließen." Kammerl, Geschäftsbereichsleiter Wirtschaftsservice bei der Wirtschaftsförderung Erzgebirge (WFE) in Annaberg-Buchholz, macht aber zugleich klar: Eine Industrieregion, die auch morgen noch vorn mitspielen will, muss sich auch mit neuen, innovativen Werkstoffen beschäftigen. Genau das ist Ziel des Projektes "Smart composites Erz": Das Erzgebirge soll Vorreiter für smarte Werkstoffe in Deutschland werden.

Was für Werkstoffe das genau sind und wofür sie verwendet werden, ist noch offen. Das muss in den kommenden Monaten und Jahren im Rahmen des sogenannten "Wir"-Förderprogramms vom Bund mit Millionen geförderten Projektes von den beteiligten Firmen und Einrichtungen erst noch erarbeitet werden. Kammerl zeigt aber schon einmal die Stoßrichtung: "Ziel ist es, dass aus der vermeintlich Metall-dominierten Industrieregion Erzgebirge einmal Bauteile kommen, die aus funktionsintegrierten Faserverbundstoffen bestehen und die in der Automobilindustrie und anderen Bereichen wie Medizintechnik, Luftfahrt oder Sportgerätebau Verwendung finden."

Schon heute kämen aus der Autoindustrie die Impulse für solche Lösungen. Der Leichtbau werde für die Branche immer wichtiger. Hinzu komme, dass angesichts der Trends zum vernetzten Fahren und zu multimedialen Anwendungen die Leichtbaumaterialien künftig zunehmend mehr hochleistungsfähige, intelligente und multifunktionale Anforderungen erfüllen müssten, erklärt der Experte von der Wirtschaftsförderung. Elektronische Funktionen in Metall zu integrieren, sei allein schon aus physikalischen Gründen schwierig. Man brauche daher Hybridbauteile. Ein Teil der Lösung liege zum Beispiel in faserverstärkten Kunststoffen - oder eben "Smart Composites" -, die mit Sensoren oder Aktoren ausgestattet werden und mit anderen Bauteilen entsprechend kombiniert werden.

Das "Wir"-Förderprogramm des Bundes hat aber auch noch einen anderen Ansatz: Es soll helfen, den Strukturwandel zu befördern. Der Standort Erzgebirge zeichne sich durch eine kleingliedrige Wirtschaft, heterogene Branchen und handwerkliche Präzision aus, heißt es bei der WFE. So säßen Werkstoffspezialisten und Elektronikhersteller in unmittelbarer Nähe zu Automobilzulieferern und Maschinenbauern. Untereinander würden sich diese spezialisierten Firmen aber nur selten kennen. Die Synergiepotenziale, die im Know-how und der Fertigungskompetenz liegen, wolle man erschließen und mit neuen Technologien verknüpfen. "Wir wollen dabei Kompetenzen über alle Wertschöpfungsketten hinweg erschließen", erläutert Kammerl.

Im März hatte das Bündnis "Smart Erz" offiziell den Förderzuschlag vom Bund erhalten, seit April läuft die Umsetzung. Noch allerdings stehen die Beteiligten am Anfang: "Wir müssen jetzt erst einmal die Strukturen zum Laufen bringen, bevor wir in die inhaltliche Arbeit einsteigen", schildert Kammerl. Gerade sei man dabei, einen Projektbeirat aufzubauen. Der soll während der Laufzeit bis Ende 2025 über die Fördermöglichkeit der einzelnen Projekte befinden. Im Sommer soll der Beirat zu seiner ersten konstituierenden Sitzung zusammenkommen. "Wenn die Verfahrensweise klar ist, kann die Projektausschreibung erfolgen", erklärt Kammerl. Dann werde man allen Partnern die Möglichkeit geben, Projektvorschläge zu machen. "Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir von der ersten Ausschreibungswelle überrannt werden", meint der Mann von der Wirtschaftsförderung. Bereits während der Strategiephase mit Netzwerkveranstaltungen und Ideen-Workshops war der Wirtschaftsförderung zufolge das Interesse von Unternehmen, Forschungseinrichtungen und anderen Partnern an "Smart Erz" "enorm". Mittlerweile haben sich mehr als 130 Partner - mit gut 100 sind die Mehrzahl davon Unternehmen - in dem Netzwerk zusammengeschlossen.

Bei der WFE sind die operativen Strukturen angesiedelt, die 100-prozentige Tochtergesellschaft des Landkreises übernimmt also die Steuerung des Vorhabens.

Am Ende sollen aus den Projekten vermarktungsfähige Lösungen entstehen, die einmal zu Wertschöpfung in der Region führen. Für die erste Projektphase, die im Dezember 2021 endet, sind 6,6 Millionen Euro vorgesehen. Dann erfolgt eine Zwischenüberprüfung. Fällt diese positiv aus, stellt der Bund voraussichtlich weitere Mittel zur Verfügung. Insgesamt seien für die bis Ende 2025 angepeilte Gesamtlaufzeit bis zu 15 Millionen Euro möglich, sagt Kammerl.

Das Projekt "Smart composites Erz" ist eines von 20 Bündnissen in Ostdeutschland, die im Rahmen des Programms "Wir! - Wandel durch Innovation in der Region" Geld vom Bund bekommen. Insgesamt stehen dafür 200 Millionen Euro zur Verfügung. Jedes Projekt kann über einen Zeitraum von fünf Jahren maximal 15 Millionen Euro bekommen. In Sachsen wurden zehn Projekte ausgewählt. Neben "Smart Erz" gehören auch der Forschungscampus für automatisiertes und digitalisiertes Zugfahren in Annaberg-Buchholz, die Blockchain-Schaufensterregion Mittweida, das Recomine-Projekt für Umwelttechnologien in Freiberg sowie Imatech (Konzepte für die Sicherung der Material­, Technologie­ und Fachkräftebasis für den Musikinstrumentenbau im Vogtland) dazu.

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