Von der "Volksstimme" zu "Freie Presse": Die zwei Gesichter der Zeitung

Wie jede Geschichte ist auch die der Zeitung nicht nur in Schwarz und Weiß und Dunkelrot geteilt. Sie war ein Herrschaftsorgan, und doch gab es auch vor 1990 kleine Fluchten und Versuche der Bürgernähe.

Chemnitz/Zwickau.

Die Freie Presse begleitete die "gelernten" DDR-Bürgerinnen und -Bürger im Bezirk Karl-Marx-Stadt von der Wiege bis zur Bahre. Sie hatten - wie so oft - gar keine Wahl. Sie war die auflagenstärkste Zeitung, trotzdem konnte sie wegen des Papiermangels nicht jeder abonnieren. Unser Haushalt hatte die Zeitung nicht, und dennoch war sie allgegenwärtig: an den Arbeitsstellen, im Wartezimmer des Arztes, in der Schule. Und wenn man sie in die Hände bekam, dann las man sie auch. Vor allem wegen des Lokalteils, täglich eine Seite, mit dem Sport manchmal zwei.

Dort, auf den hinteren Seiten, fand in den 70er und 80er Jahren auch etwas Leben und Sterben statt: Lokale Veranstaltungen wurden angekündigt und besprochen, örtliche Probleme verhandelt. Am wichtigsten aber: Die Todesanzeigen - jeden Tag Großmutters erste Lektüre. Den vorderen, den politischen, wirtschaftlichen, selbst den kulturellen Teil überblätterte man oft - erwartete nicht, dort so etwas wie ausgewogene, gar kritische Berichterstattung zu finden. Das hatte die Zeitung oft genug bewiesen.

Aber der Reihe nach. Im August 1945 hatte die Sowjetische Militäradministration auch in Sachsen wieder Zeitungen zugelassen. Am 2. August erscheint die erste Ausgabe der "Volkszeitung" als Organ der Kom-munistischen Partei Deutschlands, ab 27. August 1945 mit einer Lokalseite Chemnitz/Erzgebirge. Am 11. September 1945 darf auch die "Volksstimme", die Zeitung der SPD, wieder erscheinen, die ab 25. September eine Chemnitzer Lokalseite enthält. Nach der erzwungenen Vereinigung der beiden Parteien erscheint am 20. Mai 1946 die Nr. 1 der "Volksstimme" als Organ der SED im Bezirk Chemnitz-Erzgebirge mit sechs Lokalausgaben. Nach der Auflösung des Landes Sachsen und der Neubildung der Kreise und Bezirke erscheinen ab 15. August 1952 die "Volksstimme" Chemnitz mit 14, die "Freie Presse" Zwickau mit neun Lokalausgaben. Zum 1. Januar 1963 werden beide Zeitungen zur "Freien Presse" vereinigt. Der Name wurde gewählt, weil es bereits zwei weitere SED-Bezirkszeitungen namens "Volksstimme" gab.

Ihren Namen machten die Zeitungen wenig Ehre. Anlässlich der Arbeiterproteste um den 17. Juni 1953 titelte die "Freie Presse": "Die Provokation ist zusammengebrochen". Und die "Volksstimme" behauptete: "Die Menschen unseres Bezirkes verurteilen die Gangstermethoden in Berlin". Das traf offensichtlich nicht einmal für alle Mitarbeiter der "Volksstimme" selbst zu. In dieser Zeit arbeitete der junge Journalist Joachim Wenzel bei der "Volksstimme", ein überzeugter und wahrheitsliebender Kommunist, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hielt. Seine Frau Liane Wenzel schreibt in ihren Erinnerungen: "Wir waren von ganzem Herzen für die DDR und den Sozialismus - und darum sprachen wir uns auch für die Beseitigung der Missstände aus, die zu den Arbeiteraufständen geführt hatten und gegen die ungerechtfertigte Gewalt, mit der sie niedergeschlagen worden waren ... Nur so, offensiv und ehrlich, indem man Klartext sprach und schrieb, ließ sich eine bessere DDR aufbauen, so dachte er (ihr Mann/d. A.). Bei der 'Volksstimme', die ausschließlich die offiziellen politisch korrekten Versionen über den 17. Juni druckte, konnte er damit nichts ausrichten." Joachim Wenzel blieb sich treu. Er ging später nach Leipzig und Berlin, sprach sich gemeinsam mit unter anderem Wolfgang Harich, Walter Janka, Gerhard Zwerenz, Erich Loest für einen selbstkritischen, demokratischen Sozialismus aus, wurde von der Staatssicherheit verhaftet und noch todkrank verhört. Am 1. April 1958 starb Joachim Wenzel in der Haft - er wurde nur 30 Jahre alt.

In jener Zeit hatte die Volksstimme auch einen freien Mitarbeiter, der später weltberühmt werden sollte, dessen Werke heute sogar im Deutschen Bundestag zu sehen sind: Carlfriedrich Claus aus Annaberg. Der Sprach- und Schriftkünstler ließ sich ganz gewiss auch von der "Volksstimme" nicht verbiegen, obwohl sein Verständnis vom Kommunismus mit dem der SED-Diktatur nichts gemein hatte. Von 1953 bis 1957 schreibt er Rezensionen über Aufführungen am Annaberger Theater. Die sind für eine Lokalzeitung von außerordentlicher Qualität, zeugen von Feingefühl und umfassender Bildung. Ganz selbstverständlich bewegt sich Claus im Kosmos klassischer wie moderner Literatur, spart nicht mit bilderreichen Anspielungen und Zitaten. So verweist er nach einem Vortragsabend auf den französischen Surrealisten Jean Cocteau. Sein Urteil ist differenziert, etwa über die Schauspielerin Käthe Waldau, die in Friedrich Hebbels "Maria Magdalena" die Rolle der Klara spielt: "Sie war dort überzeugend, wo das melancholische, das in weite Fernen schauende Element überwog. Das aus Seelenfolterungen herausspringende, das flackernde, schreiende Rot konnte sie nicht so gut formen." Er verweist auch auf sprachliche Schwächen, die mit Claus' eigenen Forschungen korres-pondieren. So bescheinigt er einem Schauspieler: "... das Wort ist ihm noch nicht Träger seelischer Qualitäten geworden." Nach einer Moliere-Vorstellung fragte er zuversichtlich: "Vielleicht hat man auch bei uns einmal Mut zu Experimenten?"

Auf die Freie Presse traf dies nur in begrenztem Maße zu. Allerdings haderte ab den 70er Jahren ein Großteil der Redaktion mit der eigenen Zeitung, erinnern sich ehemalige Mitarbeiter: "Zu viel Einfalt, zu wenig Vielfalt. Man müsste mehr machen, rät einer dem anderen. Es war mehr ein Gefühl, dass die Redakteure und Redakteurinnen bedrückte." Und sie versuchten, zumindest das besser zu machen, was in den eigenen Händen lag. Die Redaktion baute die Arbeit mit Leserbriefen breit aus. Mit jährlich 15.000 bis 20.000 Leserbriefen, darunter nicht wenige kritische, stand die Freie Presse an der Spitze aller Bezirkszeitungen und bemühte sich um Lesernähe, indem sie besonders drastischen Missständen wie Wohnungsmangel, Ärzteirrtümer, Behördenwillkür, Dienstleistungs- und Handwerkermängel nachging und mit der Kraft ihres Namens und ihrer Position zum Teil auch positiv beeinflussen konnte. In einem Fall etwa, so ein ehemaliger Freie-Presse-Redakteur, sei der katastrophale Zustand der Wohnung einer in Schichten beschäftigten Arbeiterfamilie auch nach einer Eingabe im Staatsrat nichts geändert worden, wie es die lapidare Antwort aus dem Büro Ho-necker an den Einsender verhieß. Der Zeitung sei es dennoch gelungen, der Familie zu helfen, deren schriftlicher Dank schließlich in der täglichen Redaktionskonferenz unter Applaus verlesen wurde. Veröffentlicht worden seien solche Beispiele aber nicht - "zu gefährlich".

Mit einer Seitenserie unter dem Namen "Kleinstadt-Journal" wurde der Nerv der Leserinnen und Leser getroffen. Liebenswertes und Kritikwürdiges gaben sich hier die Hand. Die Idee war, im Ort einen Briefkasten aufzustellen und kritische Meinungen der Einwohner sammeln. Dazu musste dann der Bürgermeister Rede und Antwort stehen. Ein Witz über einen städtischen Missstand auf jeder Seite sorgte in den Rathäusern für Aufruhr. Monate später führte die Redaktion eine Nachkontrolle durch und prüfte die Realisierung der Versprechungen. Alle rund 50 Kleinstädte im Verbreitungsgebiet wurden mit einer Journalseite verewigt. Später folgten im gleichen Stil die "Dorfgeschichten" und die stark emotionalisierende Serie "Das Haus, in dem ich wohne".

Schon Ende der 1970er Jahre etablierte die Zeitung eine sogenannte "Forum"-Seite und die später bei manchem Verantwortungsträger aneckende Interview-Serie "Zur Sache befragt". Die Themen reichten vom miserablen Kundendienst über schlechte Versorgung im Handel, mangelhaften Straßenbau bis zur gehässigen Unfreundlichkeit in Ämtern. Noch heute klopfen sich alte Zeitungsmacher auf die Schulter, wenn sie sich daran erinnern, wie Kombinatsdirektoren, verantwortliche Wirtschaftschefs, leitende Bezirksfunktionäre und Bürgermeister auf kritische Fragen Rede und Antwort stehen mussten. Parteifunktionäre wurden allerdings nicht kritisch befragt.

Ansonsten gefiel den Funktionären der niedrig dosierte kritische Ton in der Zeitung sogar, konnten sie doch so behobene Unzulänglichkeiten in ihre Bilanz aufnehmen. Als Erfolge wurden verbesserte Konsumgüter, freundlichere Rathausangestellte, wiedereröffnete Bäckereien und Gasthäuser in den Dörfern bis hin zur Behebung von Versorgungsengpässen gefeiert.

Manchmal hatte der Einfluss der Zeitung auch fatale Folgen. In ihrem meist hochgelobten Service- und Ratgeberteil war etwa zu lesen, dass sehr teures Gardinenwaschmittel durch das besser wirkende spottbillige Backpulver ersetzt werden könne. Das Ergebnis: In kurzer Zeit war im Bezirk Karl-Marx-Stadt das Backpulver ausverkauft. Und das unmittelbar vor Beginn der Weihnachtsbäckerei nicht nur im Erzgebirge. Staatliche Stellen, Parteileitungen machten der Zeitung die Hölle heiß.

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Druckfehler waren selten in der Freien Presse - das lag nicht daran, dass Beiträge vor Veröffentlichungen den Parteifunktionären vorgelegt werden mussten. Eine solche Zensur habe es nicht gegeben, versichern ehemalige Mitarbeiter. Stattdessen lieferte seit den 1960er Jahren die Abteilung Agitation beim ZK der SED sogenannte Argumentationshinweise. So erfuhren die Redakteure, was sie durften und was nicht. Das reichte von genauen Formulierungen über angeordnete Weglassungen bestimmter Themen bis zur Ermahnung, nichts über die Höhe der Honorare der DDR-Schlagersänger zu schreiben. In den 1980er Jahren gab es solche Hinweise nur noch selten.

Text- und Bildmaterial zu politischen Höhepunkten in Berlin erhielt die Zeitung über die Nachrichtenagentur ADN per Fernschreiber und Fotosendegerät. Noch in den 1970er Jahren war bei ausgewählten politischen Veranstaltungen der komplette Abdruck des gesendeten Materials Pflicht. An solchen Tagen war das Blatt nicht selten eine mehrseitige Bleiwüste. Später wurden unter Nutzung des Papiermangels "mit dem Mut der Verzweiflung", so ein Redakteur, die gelieferten Texte aus Berlin platzsparend zusammengestrichen. In seltenen Fällen wurde von der Agentur eine Überschrift vorgegeben, die dann auch verwendet werden musste. Ansonsten machte der Redakteur vom Dienst die Titel. Am nächsten Morgen folgte dann Entspannung oder Ärger beim Vergleich mit dem Neuen Deutschland, der LVZ oder der Sächsischen Zeitung. Am besten war dran, wer der ND-Aussage in der Überschrift nahekam. Regionale und lokale Parteitermine wurden auch bedacht - wobei die Funktionäre am nächsten Tag genau verglichen, wer wie viele Zeilen auf welcher Seite "bekommen" hatte.

Ein "Druckfehler" aber machte die Freie Presse sogar berühmt. 1988 erschien in der Ausgabe vom 21. Oktober auf Innenseiten der Zeitung die Kopfzeile "FREIE FRESSE". Den meisten Mitarbeitern fiel der zufällige oder beabsichtigte Fehler gar nicht auf. Auch über die vergeblichen Ermittlungen der Staatssicherheit erfuhr die Redaktion nach eigenen Angaben nichts.

Es gab inzwischen auch längst einen viel wirksamere Protestbewegung. Die kam in der Freien Presse zunächst gar nicht und dann in diffamierender Weise vor. Von "gewissenlosen Provokationen" war da zu-nächst die Rede und dem "entschlossenen Einsatz gesellschaftlicher Kräfte", womit zum Teil brutale Verhaftungen von Demonstrantinnen und Demonstranten durch Polizei und Staatssicherheit gemeint waren.

Es dauerte jedoch nicht mehr lange, bis die friedlich erkämpften Veränderungen im Land auch die Freie Presse erreichten und sie ihrem Namen endlich gerecht werden konnte.

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11 Kommentare

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  • 0
    0
    Neideiteln
    22.05.2021

    Auch für diesen Beitrag noch einmal herzlichen Dank!

    Vor allem auch dafür, dass Sie mich mit Ihren Ausführungen über das "Prinzip Eingabe" zum Lachen gebracht haben.

    Noch heute grinst der wichtigste Mann in meinem Leben nur fies, wenn ich mich mal wieder über irgendwas aufrege, gefolgt von dem Tipp: "Schreib doch ne Eingabe!"