Erzgebirge wird Welterbe - Tränen bei Ministerpräsident Kretschmer

2019 wurde das Erzgebirge Welterbe. Frank Hommel war in Baku dabei.

Baku.

Dann fällt auch schon der Hammer und Jubel bricht los. Ich kann es im ersten Moment kaum glauben. So viel Herzblut, so viel Schweiß, so viele Rückschläge. Und dann braucht der Tagesordnungspunkt "Welterbe-Antrag Erzgebirge/Krušnohoøí" nur ein paar Minuten. Die meisten Schwierigkeiten macht die Aussprache des deutschen und tschechischen Namens. Gutachter stellen die Region vor. Ein Vertreter Ugandas lobt das Bergbauerbe in einer Stellungnahme als "Meisterwerk menschlicher Kreativität" und befürwortet die Initiative ausdrücklich. Will noch jemand einen Kommentar abgeben, fragt die Sitzungsleiterin. Einwände? Nein? Dann ist der Antrag angenommen. Danke, fertig, poch.

Die Sternstunde fürs Erzgebirge ist auch eine Sternstunde in meinem Berufsleben. Baku, Ölmetropole am Kaspischen Meer, beeindruckt als Gastgeberstadt der 43. Sitzung des Welterbekomitees der Unesco im Jahr 2019 auf den ersten Blick. Glitzernde Häuser wachsen in den Himmel. Auf den Autobahn-gleichen Magistralen üben Taxifahrer fürs nächste Formel-1-Rennen. Mit dem zweiten Blick fällt auf, dass sich die Kräne vieler Baustellen seit Jahren nicht mehr drehen. Dass hinter den Fenstern so mancher Wolkenkratzer kein Licht leuchtet, weil niemand darin wohnt oder arbeitet.

Aber es ist nicht die widersprüchliche Großstadt, die das Besondere dieses Termins ausmacht. Es ist die Aufbruchstimmung. Es ist die Idee dieser einen Menschheit, die auf denselben Idealen fußt. Die am Ende dieselben Ideale, dieselben Werte teilt: Respekt vor dem Erbe der Ahnen. Demut vor ihrer geistigen und kulturellen Leistung. Verpflichtung, die das Erbe für die Zukunft bedeutet. Die Verpflichtung für die Bewahrung unserer Erde. Dieses Gefühl der Eingebundenheit macht den Moment, in dem der Hammer fällt, so besonders für mich. Es ist nur ein Moment, dann geht die Arbeit weiter. Sich durch sich in den Armen liegende Menschen drängeln, Zitate aufschnappen, Interviews führen, Statements aufnehmen, im Kopf schon mal die Schlagzeilen gegeneinander abwägen. Im allgemeinen Durcheinander jongliere ich mit Stift, Block, Handy, Kamera.

Später, als ich die Fotos sondiere, die ich kurzerhand gleich mit dem Handy aufgenommen habe, weil es mit der Kamera zu lange gedauert hätte, stoße ich auf eines, das ich wenige Augenblicke nach dem Hammerfall aufgenommen habe. Es ist im Gedränge etwas unscharf geworden, aber der Mann darauf, er trägt bergmännischen Habit, ist deutlich zu erkennen. Er hält den Kopf gesenkt, fährt sich mit der rechten Hand übers Gesicht. Hinter ihm eine grün-weiße Fahne. Der Mann ist Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Vielleicht ist ihm in dem Augenblick nur etwas ins Auge geflogen, ein Staubkorn vielleicht. Vielleicht aber hat er auch in dem Moment etwas ähnliches gefühlt wie ich.

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