Spendenaktion: "Leser helfen" Leben zu verändern

Die Aktion "Leser helfen" hat einer Frau aus Beierfeld nicht nur zu einem Treppenlift, sondern auch zu mehr Lebensqualität verholfen. Sie sagt heute: "Freie Presse" hat mein Leben verändert.

Beierfeld.

Es ist einer jener Hinweise gewesen, bei denen selbst wir Journalisten zweifelnd sagen oder denken: "Das gibt es doch nicht, das kann doch nicht wahr sein?!"

Eine Frau erzählt mir im Herbst 2016, dass in Beierfeld eine Frau lebt, die ihre Arme nicht bewegen kann. Sie könne nichts greifen, nichts heben, nicht mal allein einen Löffel zum Mund führen - und doch versprühe sie eine enorme Lebenslust. Ihre Arme hingen an ihrem Körper, als seien es Würste. Sie kann sie nicht steuern, nicht die Kühlschranktür öffnen - nichts. Die steile Holztreppe in ihrem Haus würde die 54-Jährige nur auf dem Po sitzend, Stufe für Stufe hinunterrutschen und die Krankenkasse habe gerade den Zuschuss für einen Treppenlift abgelehnt. Ihr Mann hat Angst, dass sie mal stürzt und sich nicht abfangen könne. "Kann da die "Freie Presse"-Aktion "Leser helfen" nichts tun?" - so die Frage der Anruferin. Damit begann für mich eine der emotionalsten Geschichten, die ich in mehr als 30 Jahren Reportertätigkeit erlebt habe.

Ich vereinbare einen Termin mit Manuela Seidel. Der Hall im Hörer verrät mir, sie spricht über eine Freisprecheinrichtung, und sie ist verwundert, weshalb sich "die Zeitung" gerade für sie interessiere. Ich darf sie besuchen, und genau das tue ich: "Kommen Sie einfach die Treppe hoch, die Haustür ist tagsüber immer offen", sagt sie noch am Ende des Telefonats. Tatsächlich, die Haustür steht offen, obwohl es kalt ist. Ich folge dem Ruf: "Kommen Sie ruhig hoch." Ich steige eine steile Holztreppe empor, offensichtlich jene, um die es geht. Oben angekommen, steht mir eine Frau gegenüber, deren Augen strahlen, und die lacht, als ich (völlig daneben, aber automatisch) ihr meine Hand zur Begrüßung reiche. "Das geht allen so", meint die 54-Jährige und schiebt mir mit dem Fuß einen Stuhl hin. Auf dem Tisch steht ein großes Glas Wasser mit einem Strohhalm, nur so kann sie tagsüber etwas trinken. Ihr Mann ist auf Arbeit. Ehemann Frank, der sie füttert und für sie im Wortsinn alle Handgriffe erledigt.

Manuela Seidel erzählt mir ihre Geschichte. Sie ist nur ein Jahr älter als ich. Als gelernte Weberin hatte sie einst sehr geschickte Finger, mit denen sie später in der Montage im Waschgerätewerk Schwarzenberg tätig war. 1998 musste sie sich einer OP an der Halswirbelsäule unterziehen. Danach habe in einem schleichenden Prozess der Verlust der Steuerungsfähigkeit ihrer Arme und Hände begonnen. Damals war das jüngste ihrer drei Kinder gerade zwei Jahre alt. Die Diagnose, die sie erhielt: Muskelatrophie, also Muskelschwund. Inzwischen war es so schlimm, dass auch das Zwerchfell betroffen war, sie tags und nachts Sauerstoff benötigte. "Kann sein, dass ich irgendwann gar keine Luft mehr bekomme", sagt sie. Man sieht, dass sie die Schultern nach oben zieht, um besser atmen zu können.

Doch zunächst geht es um den Treppenlift, dessen Bezuschussung die Krankenkasse ablehnt. Die Geschichte wird zum Fall für "Leser helfen" und schließlich gehen mehr als 30.000 Euro aufs Spendenkonto für sie ein. Damit ist der Einbau des Treppenlifts locker finanzierbar - und sie von der Hilfe überwältigt.

Doch mich lässt die Krankheitsgeschichte der Beierfelderin einfach nicht los. Ich kenne Fälle von Muskelatrophie, aber für mich ist das keine. Doch darf ich so anmaßend sein und eine Diagnose anzweifeln? Die Frage stelle ich mir oft. Aber eine zweite Meinung einholen, das darf jeder. Bei meinem nächsten Besuch frage ich, ob sie das je getan hat. Sie schaut mich entgeistert an. Nein, diese Frau würde es gar nicht wagen, den Aussagen eines Arztes zu misstrauen. Doch ich kann sie überreden, mit mir gemeinsam zu einem Spezialisten zu fahren, in eine Privatklinik nach Berlin. Wir fahren los. Ihr Ehemann Frank mit, denn auch für den Gang auf Toilette, für jedes Essen braucht sie seine Hilfe, seine Assistenz. Der mir bekannte Neurochirurg hat sich auf Wirbelsäulenerkrankungen spezialisiert. Er sieht sie an, dann mich und dann sagt er: Gehen Sie zu diesem Kollegen und schiebt uns einen Zettel hin. Auf meine Frage nach der Rechnung für die Konsultation sagt der gebürtige Jordanier lächelnd: "Dafür nicht." Der Name eines Kollegen aus dem Berliner Bundeswehrkrankenhaus steht auf dem Zettel. Von ihm wird Manuela Seidel kurze Zeit später von Kopf bis Fuß untersucht. "Dann wurde mir gesagt, dass ich keine Muskelatrophie habe, sondern eine multifokale motorische Neuropathie. Und ich bekam eine Infusion nach der anderen", erzählt sie mir später. Bereits am nächsten Morgen nach der ersten Infusion habe sie unbewusst zwei Finger bewegt. "Da war ich total erschrocken und überglücklich", erzählt sie mir nach ihrer Rückkehr vom ersten Krankenhausaufenthalt. Seither fuhr sie aller vier Wochen zur Behandlung: Fünf Tage am Stück mit jeweils acht Infusionen pro Tag. Und sie habe endlich Gewissheit: Es sei ein Immundefekt, der zwar nicht heilbar ist, aber durch eine gezielte Therapien und regelmäßige Physiotherapie sei Linderung möglich. "Den zusätzlichen Sauerstoff brauche ich schon lange nicht mehr, nicht mal mehr über Nacht. Das Zwerchfell arbeitet wieder. Aber ohne Dich wäre ich vielleicht schon erstickt", sagt sie zu mir.

Manuela Seidel ist ein liebenswerter Mensch. Ich habe großen Respekt vor ihrer Lebenslust und ihrem Mann, der alles für sie tut, was sie objektiv nicht kann. Die Beweglichkeit ihrer Arme ist besser geworden, ihre Haltung aufrecht, die Schultern entspannt. Demnächst soll sie ein Hilfsgerät bekommen, das es ihr ermöglicht, wieder selbst einen Löffel zum Mund zu führen. "Schreiben kann ich schon wieder, aber das strengt sehr an", sagt die Erzgebirgerin stolz, die seit 2017 mit bewundernswertem Humor und Kraft einen neuen, schweren (Lebens)-Weg geht.

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