"Wir wollen bitte zu Herrn Gola": Wenn ein Mitarbeiter-Kürzel ungeahnte Folgen hat

Verpassen Zeitungsleute einem freien Mitarbeiter ein Kürzel, kann das zu ungeahnten Auswirkungen führen. Gotthard Lang aus Erlabrunn kam jedenfalls so zu seinem Spitznamen.

Erlabrunn.

Wer Gotthard Lang in Erlabrunn, einem Ortsteil von Breitenbrunn im Erzgebirgskreis, besucht, bringt am besten viel Zeit mit. Und sollte Erzgebirgisch verstehen. Denn der inzwischen 91-Jährige hat viel zu erzählen, am liebsten in der Mundart seiner Heimat. Er kann natürlich auch Hochdeutsch. Und das verwenden wir hier - der Lesbarkeit für Nicht-Erzgebirger halber.

Erste Kontakte zur Heimatzeitung, in dem Fall zur Lokalausgabe der "Volksstimme", hatte der Ureinwohner der Erlabrunner Milchbachsiedlung Anfang der 1960er-Jahre. "Da waren die meisten, die heute bei der ,Freien Presse' arbeiten, noch gar nicht auf der Welt", sagt er verschmitzt. Angeregt von Mundartgeschichten, die der Breitenbrunner Gottfried Barthel in einer Wochenendbeilage, dem "Schwarzenberger Echo", veröffentlichte, begann Gotthard Lang, Ähnliches zu verfassen. Er schöpfte aus Erzähltem und Aufgeschriebenem seiner Mutter. "Die Geschichten hab' ich nach Schwarzenberg gegeben. Die Zeitungsleute setzten aber nicht die vollen Namen unter die Beiträge, sondern nur Kürzel: Für Gottfried Barthel stand Goba, für mich Gola." Das sollte ungeahnte Auswirkungen haben.

Lang, der von 1948 bis 1959 als Vermesser, Fördermann, Hauer und Schießmeister bei der Wismut gearbeitet hatte, war mittlerweile in der Feuerwache des Erlabrunner Krankenhauses tätig. Eine Telefonistin sorgte dafür, dass die Abkürzung aus der Zeitung zu Langs "neuem Namen" wurde. "Ob bei der Feuerwehr, den Briefmarkensammlern oder den Heimatfreunden: Kam die Rede auf mich, war ich der Gola."

1966 wechselte der zweifache Familienvater zum Rat des Kreises in Schwarzenberg. Als Brandschutzverantwortlicher lernte er jede Feuerwehr, jedes Gerätehaus in den damals 16 eigenständigen Orten im Kreisgebiet kennen. Und er schrieb für die "Freie Presse" Beiträge, vor allem zu den Themen Feuerwehr und Brandschutz, ebenso Heimatkunde und Kommunales. Stets stand drunter: Gola. So nannten ihn auch seine Kollegen im Arbeitsalltag, "einige dachten sogar, das wäre mein richtiger Name". Ein neuer Pförtner aber wusste nicht Bescheid. Leute mit einem speziellen Anliegen waren an einen konkreten Ansprechpartner verwiesen worden. Am Einlass sagten sie höflich: "Wir wollen bitte zu Herrn Gola." Den Namen suchte der Pförtner in der Telefonliste jedoch vergeblich. Die Frau aus der Poststelle hatte das mitbekommen und klärte auf: "Herr Lang, Zimmer 72." So habe die Zeitung doch ziemlich stark in sein Leben eingegriffen, fasst der Erlabrunner dieses Thema mit einem Augenzwinkern zusammen. "Wenn Bekannte mich heute mit Gotthard Lang anreden wollen, sag' ich immer: Lang? Das ist doch mein Spitzname. Ich heiße Gola!"

Mundartgeschichten schreibt der Senior noch heute. Er würde sich wünschen, dass auch die "Freie Presse" gerade im Lokalteil mehr davon druckt. Regelmäßig ist Lang im Breitenbrunner Amtsblatt vertreten. Alle zwei Wochen erscheint da ein Text von ihm. Seit fast 25 Jahren. Bürgermeister Ralf Fischer habe mal zu ihm gesagt: "Gotthard, du musst 100 werden. Wer soll denn sonst solche schönen Geschichten liefern?"

Schreiben ist eine Leidenschaft, von der Gotthard Lang nicht lassen will und kann. Das hält ihn geistig fit, zumal "die Knochen", wie er sich ausdrückt, nicht mehr ganz so wollen wie er. Interesse, Akribie, Eifer - so ist zu erklären, dass er die Erlabrunner Feuerwehrchronik in bisher elf Bänden zusammengefasst hat und dass die Chronik des Johanngeorgenstädter Schnitzvereins, dem er ebenfalls angehört, schon 1500 Blätter in 14 Ordnern umfasst.

An die "Freie Presse" schreibt er immer mal wieder Leserbriefe. Vor allem, wenn ihn Themen aus seiner Region umtreiben. Mit einem dieser Briefe, gedruckt 2006, hat es eine besondere Bewandtnis. Ein Mann aus Chemnitz las die Unterschrift - den vollständigen Namen, nicht Gola - und machte sich auf die Suche. Er kannte einen Gotthard Lang, mit dem er 1944/45 im Landdienst bei Bauern in der Sächsischen Schweiz war. Und tatsächlich: Nach 61 Jahren trafen sich die Männer wieder. Der Kontakt besteht bis heute.

"Ihr müsst im Lokalteil mehr aus allen Orten im Kreisgebiet bringen. Das interessiert die Leute", gibt Gotthard Lang den heutigen Zeitungsmachern aus seinen Erfahrungen mit auf den Weg. Die nächsten Leserbriefe des Erlabrunners dürften nicht lange auf sich warten lassen.

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