Zeitungsausträger: Wenn halb zwei Uhr morgens schon der Tag beginnt

Siegrid Lefold trägt seit 23 Jahren die Zeitung aus. Es sei eine Aufgabe ganz nach ihrem Geschmack, sagt sie. Erst zweimal wurde sie krank geschrieben - die Gründe waren triftig.

Der Wecker klingelt um halb zwei Uhr morgens. "Eigentlich brauche ich das Signal aber gar nicht mehr", sagt Siegrid Lefold. "Ich wache ja sowieso von alleine auf."

Seit dem Jahr 1998 arbeitet die Frau, die von der Insel Rügen stammt und schon zu DDR-Zeiten nach Sachsen kam, als Zustellerin der "Freien Presse". Ihr Austragungsgebiet befindet sich in Berbisdorf im Stadtteil Einsiedel. Hier ist Siegrid Lefold bekannt und beliebt. "Die über Jahre hinweg gewachsene Nähe zu den Anwohnern macht meinen Beruf so außergewöhnlich", sagt die Austrägerin. "Schon morgens erwarten die Menschen ihre Zeitung. Und immer belohnen sie mich mit Freundlichkeit und Dankbarkeit." An Festtagen hängt auch mal eine süße Überraschung am Briefkasten.

Schlechtes Wetter? "Gibt es für mich nicht." Unausgeschlafen? "Kenne ich nicht." Erkältet raus in die Nacht? "Mein Job hält mich doch fit." Siegrid Lefold findet keinen Grund, morgens nicht aus dem Bett zu steigen und die Zeitungen zu verteilen. "Ich erledige die Aufgabe gern", sagt sie. "Ich habe morgens meine Ruhe, kann die Natur genießen und keiner redet mir in meine Tätigkeit rein", erklärt sie. Gerade zweimal habe sie in 23 Jahren Krankenscheine vorgelegt. "Das war einmal vor 13 Jahren, als ich Mutter von Zwillingen wurde." In diesem Jahr musste sie erneut einen gelben Schein abgeben. "Ich war bei den harten Witterungsbedingungen in diesem Winter gestürzt und hatte mir eine Wirbelverletzung zugezogen. Das hätte auch dumm ausgehen können." Auf den Beinen ist die 55-Jährige aber längst wieder.

Berbisdorf ist ländlich strukturiert. Deshalb kommt Siegrid Lefold ohne ihren Kleinwagen nicht aus. "Ich fahre zunächst zur Sammelstelle, um die Zeitungspakete ins Auto zu packen", erklärt sie. Letztens sei an ihrem betagten Auto ein Stück Auspuff abgefallen. Seitdem kommt sie schnell mal in eine Polizeikontrolle. "Da fragen mich die Beamten: Na, sind wir wieder mal schnell unterwegs?" Siegrid Lefold antwortet dann, dass die Polizisten ihre Zeitung doch auch gern morgens pünktlich im Briefkasten hätten. "Dann lachen sie meistens und es bleibt bei einer Verwarnung", zeigt sich die Austrägerin erleichtert. Ihren Job möge sie auch deshalb so gern, weil sie morgens pünktlich vor Schulbeginn ihrer Kinder wieder zu Hause sei. "Sechs Uhr bin ich meist zurück. Dann kann ich den Kids noch das Frühstück zubereiten und ihnen einen guten Tag wünschen", sagt Siegrid Lefold. Anschließend trage sie noch Post aus.

Streit übers frühe Aufstehen gibt es bei den Lefolds nicht. "Mein Mann ist Hausmeister, auch er verlässt das Haus eher zeitig." Nicht dass man sich nachmittags, dann zur erholsamen Pause betten würde. "Wir bauen ja noch ein historisches Haus aus", winkt Siegrid Lefold ab. Drei, vier Stunden Schlaf reichten ihr vollkommen aus. Nur sonntags, das gemeinsame Familienfrühstück, das wäre allen heilig. "Darauf freue ich mich die ganze Woche schon", sagt Siegrid Lefold und grüßt eine Frau, die in Einsiedel die Straße herauf gelaufen kommt. "Wie geht es Dir heute?", will sie von der älteren Dame wissen. Zeitungsaustragen - das sei auch ein bisschen Sozialarbeit. "Auch wenn dafür nicht wirklich viel Zeit bleibt."

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