1983: Udo Lindenberg versetzt die Stasi in Panik

Der Musiker Udo Lindenberg singt im Palast der Republik vor linientreuen Jugendlichen. Seine Fans müssen draußen bleiben.

25. Oktober 1983: Lange hatte sich Udo Lindenberg um einen Auftritt in der DDR bemüht, jetzt war es endlich soweit. Kurz nach dem Mittag betrat der Panikrocker an der Grenzübergangsstelle Invalidenstraße die DDR. Am Abend stand sein Auftritt bei der Abschlussveranstaltung der FDJ-Lieder-Tournee "Für den Frieden der Welt - weg mit dem Nato-Raketenbeschluss" im Palast der Republik an. Dort trat auch der US-Sänger Harry Belafonte auf. Lindenbergs Konzert-Manager Fritz Rau hatte das Konzert eingefädelt. Im Gegenzug wurde dem Panikrocker eine große DDR-Tournee im Sommer 1984 versprochen.

Im Beisein von Egon Krenz, dem Ersten Sekretär des Zentralrats der FDJ, trafen sich Belafonte und Lindenberg am Flughafen Schönefeld. Für 14 Uhr war eine Tonprobe angesetzt. Anschließend verließ Lindenberg den Palast der Republik nicht wie geplant über den Haupteingang, sondern über den Bühneneingang am Marstall. "L. kam auf einem nicht festgelegten Weg zum geplanten Fototermin vor dem Palast der Republik und bekam somit Kontakt zu jugendlichen DDR-Bürgern, was jedoch vermieden werden sollte", schreibt die Stasi in einer Auswertung. Die von der Stasiunterlagenbehörde veröffentlichten Protokolle zeigen, wie blank die Nerven der Geheimdienstler an diesem Tag gelegen haben müssen. Der Panikrocker ist der Hauptabteilung XX ein Dorn im Auge, schließlich vermerkten die Inlandsagenten schon im Februar 1983, dass der "Sonderzug nach Pankow" "eine Diffamierung des Generalsekretärs der SED sowie der Kulturpolitik der SED" darstelle. In dem Text heißt es: "Ich hab 'n Fläschchen Cognac mit, und das schmeckt sehr lecker. Das schlürf' ich dann ganz locker mit dem Erich Honecker und ich sag': ,Ey, Honey, ich sing' für wenig Money im Republik-Palast, wenn ihr mich lasst'" und weiter: "Och, Erich ey, bist Du denn wirklich so ein sturer Schrat warum lässt Du mich nicht singen im Arbeiter- und Bauernstaat?"

Der Text sorgt für einigen Wirbel, wohl auch deshalb schreibt Lindenberg im August 1983 persönlich an Erich Honecker: "Auf jeden Fall lag es mir fern, Herr Staatsratsvorsitzender, Sie mit diesem Liedchen zu diskreditieren." Zudem erneuerte er seinen Wunsch, im Palast der Republik auftreten zu dürfen. "Im Rahmen einer Solidaritätsveranstaltung würde ich selbstverständlich auf ein Honorar verzichten. (...) Und über das, was ich singe würde, lässt sich auch reden", heißt es in dem Brief weiter.

20.40 Uhr betrat der Musiker schließlich die Bühne. Er sah sich 4000 sorgsam ausgewählten Jugendlichen gegenüber. "Drinnen saßen ja nur linientreue Steiftiere unter Valium, die echten Paniker forderten draußen ihren Udo", erinnerte sich Lindenberg später. Er spielte vier Lieder und verband diese mit einer klaren Botschaft: "Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen. Weg mit allem Raketenschrott in der Bundesrepublik und der DDR. Nirgendwo wollen wir eine Rakete sehen, keine Pershings und keine SS20", rief er in den Saal. Die Pershingraketen stammten aus US-amerikanischer Produktion, die SS20 wurden in der Sowjetunion hergestellt. Auf den Sonderzug nach Pankow verzichtete Lindenberg. 24 Uhr reiste er über die Grenzübergangsstelle Invalidenstraße wieder aus. Am Tag darauf nannte die "Freie Presse" Udo Lindenberg lediglich als Teilnehmer einer Pressekonferenz und verlor kein Wort über das Konzert am Abend in Ost-Berlin.

In der Auswertung des Tages mit all seinen Pannen kamen Staatssicherheit und FDJ wohl zu dem Schluss, dass eine Lindenberg-Tour durch die DDR doch keine gute Idee ist. Im Januar 1984 wurde sie abgesagt. Am 6. Januar 1990 war Udo Lindenberg wieder zurück in der DDR. In Suhl erwarteten ihn rund 3000 Fans. Zweimal sang er dann auch vom "Sonderzug nach Pankow", einmal im Original und einmal mit einem neuen Text: "Der Whisky, der ist sehr lecker, den trinken wir jetzt ohne den Erich Honecker." (cw)

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