1994: Jens Weißflog fliegt zu historischem Erfolg

Jens Weißflog gelang am 20. Februar in Lillehammer eine historische Leistung. Der Skispringer holte nach zehn Jahren erneut Olympiagold, diesmal in einer anderen Stilart. Hautnah dabei: Sportredakteur Thomas Prenzel.

Es war das emotionale I-Tüpfelchen auf Olympische Winterspiele, wie sie es von der Begeisterung der Fans her danach wohl nie mehr gegeben hat. Jeden Tag stellte sich der "Freie-Presse"-Berichterstatter im Skistadion die Frage, wo kommen nur diese vielen Menschen her? Und fast jeden Tag gab die Wetterfee dem einzigartigen Fluidum mit dem blauen Himmel, mit Sonne pur, Pulverschnee und Minusgraden den passenden Rahmen. Dass die Wiege des nordischen Skisports in Norwegen liegt, ist schon klar: Aber der Enthusiasmus der Zuschauer, die mit ihren Fähnchen das Ereignis zu einem Fest machten, bleibt ewig in Erinnerung - das Meisterstück des "Floh vom Fichtelberg" insbesondere. Denn nachdem Jens Weißflog im Auslauf des Lysgaardsbakken auf die Knie sank, flossen die Tränen nicht nur beim Hauptdarsteller. Kein Pfiff war im Publikum zu hören, als der Sachse dem Lokalmatadoren Espen Bredesen, der mit zehn Punkten Vorsprung geführt hatte, das Gold im Finalsprung noch wegschnappte.

Die historische Dimension des Triumphes verstärkte die unglaublichen Emotionen: Erstmals war es einem Skispringer gelungen, in zwei Stilarten olympisches Gold zu holen: In Sarajevo auf der Normalschanze im Parallelstil, zehn Jahre später im V-Stil auf der Großschanze. Selbst Bredesen gönnte seinem Widersacher den Sieg - auch aufgrund der Vorgeschichte: Denn der Umstieg auf die gespreizte Brettführung wollte dem Ski-Adler zunächst nicht gelingen. 1993 dachte Weißflog nach einer enttäuschenden WM ans Aufhören. Ein Jahr später flog er auf den Olymp. Lange konnte der Erzgebirger sein Glück nicht fassen. Als später Sissel Kyrkjebö mit ihrem Olympiasong "Se Ilden Lyse" über die große Videowand im Stadion flimmerte und gefühlt 50.000 Fans mitsangen, erzeugte nicht nur die klirrende Kälte Gänsehaut.

Beim Berichterstatter der "Freien Presse" so lange, bis es darum ging, diesen Moment für den Leser möglichst authentisch einzufangen. Da die Sporthelden nach vollbrachter Tat in der Regel gefragte Personen sind und strengen Abläufen (TV-Interviews, Pressekonferenz, Dopingkontrolle) unterliegen, machte sich der Besuch der Heimatzeitung bei Weißflog am Fichtelberg vor Olympia nun bezahlt. Die Hintergründe für das große Ganze der Geschichte waren quasi im Notizblock. Am Tag nach dem Gold in Lillehammer kam ein glücklicher Umstand hinzu. Als ich einen olympischen Freestyle-Wettbewerb besuchte, traf ich ganz zufällig einen neugierigen Besucher: Jens Weißflog suchte Entspannung, nahm sich aber viel Zeit, um ausführlich über seine historische Tat zu plaudern. Was er am Morgen gefrühstückt hatte, über seine Gedanken in der Anlaufspur bis hin zu den Glücksgefühlen nach der Telemarklandung - sehr detailliert schilderte Jens Weißflog in einem "Freie-Presse"-Gastbeitrag am 22. Februar 1994 unter "Mein Goldtag" das Erlebte. (tp)

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