2011: Der NSU fliegt auf

Der Selbstenttarnung einer Gruppe Neonazi-Terroristen im Untergrund folgt der größte je da gewesene Ermittlungsmarathon.

4. November 2011: An diesem Tag ging in Eisenach das Wohnmobil zweier flüchtiger Bankräuber in Flammen auf. Nur Stunden später explodierte in Zwickau das Haus Frühlingsstraße 26. Der Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen war nicht gleich zu erkennen. Doch begann bald großes Augenreiben angesichts eines Kriminalfalls, der über ein Jahrzehnt zurückreichte und von Tag zu Tag größere Dimensionen offenbarte. Die Bankräuber Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, deren Leichen man nach mutmaßlichem Selbstmord im Fahrzeug fand, und Beate Zschäpe, die mit beiden die explodierte Wohnung in Zwickau bewohnt hatte, entpuppten sich als aus Jena geflüchtetes Neonazi-Trio, das seit mehr als 13 Jahren im Untergrund gelebt hatte.

Im Wohnmobil fanden Ermittler neben sieben anderen Schusswaffen die Dienstpistole einer 2007 in Heilbronn erschossenen Polizistin, ein bis dahin ungeklärtes Verbrechen. Als im Brandschutt des Hauses in Zwickau dann noch eine Pistole vom Typ Ceska 83 entdeckt wurde, die sich als Tatwaffe einer Serie bundesweiter Morde an neun ausländischstämmigen Kleinunternehmern herausstellte, zog die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen an sich - wegen Verdachts einer Terror-Vereinigung und möglicher Verstrickung weiterer Rechtsextremisten. Der Name der Terror-Gruppe: "NSU" für "Nationalsozialistischer Untergrund". So bezeichneten sich die Neonazis in einem wie ein Vermächtnis an verschiedene Adressaten versandten Bekenner-Video. In diesem führte die rosarote Trickfilm-Figur Paul Panther heiter durch die als "Paulchens Streiche" verbrämten Morde und Bombenanschläge der Gruppe.

Was Monate später herauskam: Just am Tag, an dem der Generalbundesanwalt die Ermittlungen übernahm, liefen im Bundesamt für Verfassungsschutz Aktenschredder an. Die "Aktion Konfetti" sollte Spuren verwischen, Spuren von V-Leuten in den Kreis des Helfernetzes. Was folgte, ist nicht nur Kriminalgeschichte. Neben einem fünfjährigen Prozess gegen Beate Zschäpe und vier Helfer des Trios, gingen 13 Untersuchungsausschüsse (auf Bundesebene und in den Bundesländern) Fragen nach behördlichen Versäumnissen und Verstrickung nach. Parlamentarische Aufklärung dieser Dimension gab es in der Bundesrepublik noch nie.

Rechtskräftig sind die Urteile "lebenslange Haft" für Zschäpe und über mehrjährige Haft für drei der Helfer noch nicht. Der Bundesgerichtshof muss die 2018 am Oberlandesgericht München gefällten Verdikte noch bestätigen. Für Hinterbliebene der Opfer indes stand bereits zu Prozessende fest, dass unbequeme, staatsnahe Spuren von V-Leuten und deren Führern nicht beharrlich genug verfolgt wurden. Zu Prozessende stellten sie eine Forderung auf: "Kein Schlussstrich!" (eu)

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