Absturz eines ungeliebten Kindes

Der tödliche Brand in der Dürerstraße: Ein Psychiater hat den Tatverdächtigen untersucht. Er sieht keine Hinweise, dass der 27-Jährige im Drogenrausch eine Psychose hatte. Aber er belegt, wie ein junger Mensch nach einer schweren Kindheit auf die schiefe Bahn kommt.

Plauen/Zwickau.

60, 70 Stunden hat M. jetzt schon auf der Anklagebank des Landgerichts Zwickau gesessen. Nichts hat er gesagt, er hat auf die Bank gestarrt und die anderen reden lassen. Keine Gefühlsausbrüche, keine Unruhe. Er soll im Februar das Haus an der Dürerstraße 8 angezündet und damit seinen besten Freund und eine junge Frau getötet haben. Aus Sicht seines Anwalts ist nichts bewiesen. Staatsanwältin Ines Leonhardt zweifelt nicht daran, dass der Richtige vor Gericht sitzt. Ende November könnte das Urteil fallen. Die Zeugen sind vernommen, auch der Psychiater hat ausgesagt. Dr. Bernd Langer, Facharzt für Psychiatrie, hat den 27-Jährigen untersucht. Er sieht keine Hinweise darauf, dass der Mann in einer Psychose steckte. Auch nicht darauf, dass seine Steuerungsfähigkeit eingeschränkt gewesen sei. Anzunehmen sei ein Drogenrausch. Der bestand wohl aus Crystal, Ecstasy, Cannabis, Bier und Schlafentzug. Langer zeichnete das Bild eines abgestumpften Menschen mit liebloser Kindheit. Kurz nach der Wende von einer 17-Jährigen geboren, hin- und hergeschoben zwischen Großeltern. Der Vater beging Selbstmord, als M. sieben oder acht war. Mit zwölf rauchte er, mit 13 trank er, mit 16 nahm er Crystal. Der Großvater war Säufer.

M. kam als Jugendlicher ins Heim. Mit 18 musste er dieses Heim für schwer Erziehbare verlassen. Vielleicht hätte er die Kurve bekommen, wenn er nicht auf Mehlstaub allergisch wäre. In seiner Zeit im Jugendgefängnis begann er eine Bäckerlehre. Aber die brach er ab wegen der Allergie. Seine Freundin, Krankenschwester in einer Psychiatrie, trennte sich nach mehreren Jahren von ihm. Es habe Gewalt gegeben in dieser Beziehung.

Während der Gespräche mit dem Psychiater hatte M. sein Geständnis widerrufen. Das war im April, zwei Monate nach dem Feuer. "Die haben übelst genervt", soll er damals über die Polizisten gesagt haben und über den Grund, weshalb er gestanden hatte. Als die Beamten erklärten, er sei Tatverdächtiger, habe er gesagt: "Schon klar, ich bin ja immer der Dumme gewesen." Er habe an seine Ex-Freundin gedacht. Und daran, dass er sie nicht in Gefahr bringen wolle. Deshalb habe er gesagt, er war es. Und später zum Psychiater: "Ich habe zwar ein Scheißleben. Aber ich habe ein ehrliches Scheißleben."

M. erzählte dem Psychiater von einem Wochenende im Drogennest seines besten Freundes: Er erzählte von dessen Lebensgefährtin, die ihren Hund am Fell gezogen habe. Die Frau habe gewollt, dass M. nach Plauen zieht und für sie arbeitet. Fahrräder klauen und Drogen transportieren, verteilen und verkaufen. Er habe gesagt, das macht er nicht. "Da wurde sie übelst sauer." Sie habe ihn psychisch bearbeitet und komische Sachen behauptet. Dass seine Ex-Freundin zwei Kinder hat. Dass seine Möbel aus der WG in Dresden verkauft wurden.

Sein bester Freund sei stumm wie ein Fisch gewesen. Sie kennen sich aus einem Heim für schwer Erziehbare. Dort hatten sie zusammen gelebt, M. und die beiden Brüder, von denen einer noch lebt und einer nun tot ist. Sie saßen schon früher in einem Boot, das nicht das beste war.

Am Abend, bevor es brannte, habe die Lebensgefährtin seines Freundes ihn bedroht, weil er nicht für sie arbeiten wollte. Mit Kreissäge den Arm absägen und so was. Kniescheibe zertrümmern. Er habe gedacht, sie werden ihn in den Wald verschleppen und töten. Sie hat bereits jemanden niedergestochen. Ob er sie umbringen wollte, bevor sie ihn umbringt? Darauf habe M. geantwortet, er wollte nur weg: "Haus anzünden. Wer kommt auf so eine kranke Idee?"

Auch den Polizisten hatte er erzählt, dass er Angst hatte. Ihnen hatte er eine andere Geschichte geliefert als dem Psychiater. Er habe Kleider anzündete, und dann sei er weggelaufen. Er habe das gemacht, damit die WG-Bewohner mit dem Löschen beschäftigt sind und ihm nicht hinterherlaufen. Er war noch lange in Plauen, als es brannte. Sechs Stunden. Erst dann fuhr er mit dem Zug nach Dresden.

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